Eigentlich friedlich - DER SPIEGEL
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INDIEN / CHINA-KRIEG Eigentlich friedlich

• aus DER SPIEGEL 8/1971
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Nasser-Freund Nehru bat den Nasser-Feind Ben-Gurion, Israels Premier, um Waffen. Nur: Damit die Araber nicht erzürnt würden, sollten die Israelis die von Indien gewünschten Mörser unter fremder Flagge in Indien abliefern. Ben-Gurion: »Keine Flagge -- keine Waffen!« Nehru gab nach.

Sowjet-Freund Nehru bat den Sowjet-Feind USA um 15 Kampfflugzeug-Staffeln mit amerikanischen Piloten und um Gebirgshaubitzen.

Peking-Freund Nehru, Verfechter der Uno-Vollmitgliedschaft für Maos China, suchte gar Kontakte zu Peking-Feind Tschiang Kai-schek -- nicht um Waffen zu bekommen, sondern um gemeinsame Feldzüge zu planen, im Oktober 1962.

Denn Maos Regimenter hatten damals die Nordgrenze Indiens überrannt. 1500 indische Soldaten fielen in den Schluchten des Himalaja. Die asiatische Supermacht China schien sich in »perfider Aggression« ("Neue Zürcher Zeitung") den asiatischen Subkontinent einverleiben zu wollen. Indiens Verteidigungsminister Krischna Menon verzweifelte damals: »Sie können überall hin.«

Hysterische Abgeordnete im Parlament von Neu-Delhi beauftragten ihren Musterdemokraten Jawaharlal Nehru, zu verkünden, Indien kämpfe einen »Weltkrieg für die Demokratie«. Die westliche Welt glaubte dem Inder, denn zu gleicher Zeit provozierten sowjetische Fernraketen auf Kuba fast einen dritten Weltkrieg.

Acht Jahre nach dem Himalaja-Krieg müssen sich Indien und die Welt damit vertraut machen, daß die Wahrheit ganz anders aussieht. Neville Maxwell, von 1959 bis 1967 »Times«-Korrespondent in Neu-Delhi, deckte auf: Nicht Mao Tse-tung. sondern Mahatma Gandhis Musterknabe Nehru war 1962 der Aggressor. Durch militärische Nadelstiche in Chinas Südflanke provozierte er eine militärische Strafexpedition der Chinesen. Sie zerstörte Indiens asiatische Vormachtträume ebenso wie Indiens missionarischen Mythos der Gewaltlosigkeit.

Maxwell nennt seine Untersuchung »India's China War«. Um eine Beschlagnahme der zeitgeschichtlichen Sensation bei der Einfuhr nach Indien zu umgehen, ließ Maxwell das Buch zugleich in London und Bombay drucken. Der indische Verlag hütete sich, vor dem Erscheinungstag Rezensionsexemplare zu verschicken. Indira Gandhi: »Das Buch ist dem Ansehen meines Vaters abträglich.«

In erregter Debatte wollten Indiens Abgeordnete wissen, wieso Autor Maxwell Zugang zur streng geheimen »Henderson-Brooks-Studie« über das Himalaja-Debakel der indischen Armee finden konnte. Der anglo-indische General Henderson Brooks hatte im Auftrag der Regierung eine selbstkritische Studie der Katastrophe geleitet, die freilich nie veröffentlicht wurde.

Maxwell ließ es nicht mit der Studie bewenden. Zwei Jahre lang vertiefte sich der Autor in Dokumente der School of Oriental and African Studies. Sein Schluß: Nehru übertraf in seinem Wechselspiel aus scheinheiligen Äußerungen und imperialistischen Taten selbst den (Südafrikaner) Jan Christiaan Smuts. Kein britischer Vizekonsul hätte arroganter sein können.

Großzügig im Raum, aber frei von Prestigedanken hatten Briten einst die Nordgrenze ihres Kaiserreichs Indien gezogen. 1914 einigte sich der Ministerialbeamte Sir Henry McMahon mit Tibet auf die Nordostgrenze, die auf der strategisch vorteilhaften Wasserscheide des Himalaja verläuft. In Lhasa und Delhi hinterlegten die Vertragspartner Urkunden mit der kartographisch festgelegten »McMahon-Linie«. Für den Nordwesten freilich -- im Aksai-Chin-Gebiet von Ladakh -- gab es nicht einmal Dokumente.

Noch 1946 ließ Nehru auf den Landkarten für sein Buch »Discovery of India« die Grenze Indiens am Fuße des Himalaja einzeichnen. Nehru: »Wir sind eigentlich ein äußerst friedliches Volk.« Das unabhängige Indien unter Nehru aber erklärte McMahons Scheidelinie zur traditionell-kulturellen Grenze der »Mata Bharat« (Mutter Indien).

Zwar kam kaum je ein Inder in die nur dünn von mongolenstämmigen Hirten besiedelte Einöde in 4000 Meter Höhe. Aber nach dem Erstarken Chinas, das 1959 den völkerrechtlich nie selbständigen Mönchsstaat Tibet wieder unter seine Abhängigkeit brachte, entwickelten Nehru und seine nationalistischen Beamten die »Vorwärtsstrategie": ein Besitzrecht bis zur äußersten Anspruchslinie der ehemaligen Kolonialherren.

Peking ließ die 50er Jahre hindurch immer wieder seine Bereitschaft zur Anerkennung dieser McMahon-Linie wissen, wenn in gerechten Grenzverhandlungen die genaue Markierung festgelegt sei. Chinas Außenminister Tschou En-lai flog noch 1960 nach Neu-Delhi -- halsstarrig lehnten die Inder jede Grenzdiskussion ab.

Ein anderer Anlieger an der McMahon-Linie -- Indiens Erzfeind Paki-

* Beim Aufwiegen gegen Gold für den Krieg.

stan -- sicherte sich derweil durch faire und endgültige Verträge die Nordgrenze. Und auch die ehemalige britische Kolonie Burma einigte sich -- für Rangun vorteilhaft -- mit Peking auf die McMahon-Linie.

Nehru dagegen ließ nicht mit sich reden -- er wollte mehr. »200 indische Soldaten sind 2000 chinesischen gleichwertig«, prahlte ein Nehru-Anhänger im Parlament. Ein Stabsoffizier klagte später: »Wir hielten das Ganze für ein Spiel -- wir errichten einen vorgeschobenen Stützpunkt und die Chinesen einen anderen, mehr nicht.«

Seit Indiens Armee ein Jahr zuvor in Goa 674 verschlafene Soldaten Portugals besiegt hatte, hielt sie sich für Asiens beste Truppe. Ein Gegenschlag der angeblichen Papiertiger-Armee Mao Tse-tungs gegen Indiens in Sandhurst ausgebildete Offiziere schien undenkbar.

Nehru und sein Verteidigungsminister Krischna Menon trieben ihren Generalstab an, die Chinesen noch vor dem 20. Oktober -- dem Winteranfang im Hochgebirge -- von »indischer Erde« zu vertreiben. Schreibtischgeneräle in Neu-Delhi hetzten schlecht akklimatisierte, falsch bewaffnete Truppen in die unwegsamen Berge.

»Unzerbrechliche Freundschaft verbindet das chinesische Volk mit dem indischen. Trübt diese nicht durch kleinliche Grenzzwischenfälle«, warnten Mao-Soldaten von tibetischem Gebiet aus die Truppen des IV. Korps, »Holt einen Zivilbeamten, damit wir die Angelegenheit friedlich klären.«

Doch die Inder durften nicht hören -- auf ausdrücklichen Befehl Nehrus. Einseitig korrigierten sie die von China de facto schon anerkannte und von Nehru als endgültige Grenze Indiens proklamierte McMahon-Linie in der indischen Nordostgrenzprovinz Nefa, am Länderdreieck zwischen Indien, Bhutan und Tibet.

Zwar bezeichneten auch indische Atlanten und Generalstabskarten diese Linie als Grenze. Weil sie aber -- ausnahmsweise hier -- unterhalb der Wasserscheide auf dem strategisch ungünstigeren Südhang verlief, nahmen sich die Inder ihr vermeintliches Recht.

Fünf Kilometer drangen sie in Tibet ein, hinter sich ließen sie ein Schild mit chinesischen Schriftzeichen.« Dies ist unser Berg, unser Fluß.

Die Grenzwächter Maos zogen sich zurück, selbst die nach Norden abgetriebenen Nachschubfallschirme der Inder lieferten sie dem Eindringling aus. Die bei einem ersten Scharmützel gefallenen Inder setzten sie mit militärischen Ehren in Sichtweite der Jawans (Landser) bei.

In aller Öffentlichkeit schafften sie Geschütze vor die indischen Stellungen, bauten Bunker und führten Verstärkungen heran. Nur kämpfen wollten sie noch nicht, denn noch protestierte China-Premier Tschou En-lal in Neu-Delhi -- dreimal in den drei Monaten vor Kriegsausbruch.

Der indische General Umrao Singh legte aus Protest gegen die Politik Nehrus sein Kommando nieder. Der Premier ersetzt ihn durch einen alten und zuverlässigen Freund: General B. M. Kaul, der sich als Public-Relations-Offizier die Generalssterne verdient hatte, versprach pünktliches Zurückdrängen der Chinesen.

Auf dem Rücken von Kulis ließ sich der Nehru-Freund in die vorderste Frontstellung tragen. Kaum aber fiel der erste Schuß der von Delhi erneut brüskierten Chinesen -- Kaut rasierte sich gerade -, da schrieb sich der General selbst krank und setzte sich in sein Privathaus nach Delhi ab. Von dort blockierte er für die Dauer der Kämpfe mit stundenlangen Telephonaten die Leitungen zur Front.

Auch in Ladakh, an der Nordwestgrenze Indiens, stürmten die Chinesen. 40 Kilometer stießen sie vor, in panischer Angst flüchteten Nehrus Krieger.

Noch einmal aber gab Peking den Indern eine Chance zum ehrenvollen Frieden: Premier Tschou En-lai verkündete in einem Brief an Nehru, die Grenzfrage sei unmöglich durch Gewaltanwendung zu lösen, und schlug vor, beide Seiten sollten die McMahon-Linie respektieren, dann werde China seine Streitkräfte zurückziehen.

Nehru, durch die Kampfpause ermutigt, lehnte Tschous Note schroff ab: »Weder Sinn noch Vernunft sind in dem chinesischen Angebot zu entdecken.«

Vernunft zeigte Nehru auch dann noch nicht, als die Chinesen Kalkutta bedrohten, danach aber überraschend umkehrten« Gefangene und Beutegut gegen Quittung zurückgaben und sich hinter die McMahon-Linie verzogen. Nur eine Forderung stellten sie: gerechte Grenzverhandlungen. Voller Unverständnis für soviel Großzügigkeit lobte Englands »Observer": »Das erste Mal in der Geschichte, daß eine Großmacht ihren militärischen Erfolg nicht durch weitergehende Forderungen ausnutzt.«

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