Ein Akademiker kostet 120000 Mark
In der Luftlinie sind die Anwaltskanzleien von Jürgen Stange (West) und Wolfgang Vogel (Ost) nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Zwischen ihnen liegt der Schatten der Berliner Mauer. Für sie jedoch gibt es dieses Hindernis nicht.
Sie lesen beinahe zur selben Zeit die gleichen Häftlingslisten, dieselben streng vertraulichen Berichte über die deutsch-deutschen Beziehungen und dieselben parteiischen Presseartikel, in denen ausnahmsweise einmal von ihrer Arbeit die Rede ist.
Nie dürfen sie ihrer Empörung freien Lauf lassen und das Bild berichtigen, das man von ihnen entwirft. Sie glauben sich zum Schweigen verurteilt -im Interesse der Menschen, die auf der einen und auf der anderen Seite der Mauer ihre Hilfe brauchen.
Mehrmals in der Woche sehen sie sich an demselben Ort wieder, in den-
* Der wegen Ost-Spionage verurteilte ehemalige BND-Angehörige Heinz Felfe (2. v. l.) wird am 14 Februar 1969 gegen in Moskau verurteilte Westdeutsche ausgetauscht.
© 1977 Editions Stock, Paris: Titel des Buches: »Des Hommes contre des Marks« (251 Seiten: 38 Franc).
selben Ministerien, Gefängnissen oder auch Gefängniswagen, die nach Eisenach und Herleshausen unterwegs sind.
Ob Geheimdienstagent, Fluchthelfer, Abenteurer, Idealist oder politischer Opponent -- ein Gefangener ist vor allem ein entsetzlich einsamer Mensch, besonders in einem Gefängnis der DDR. Daß sie gezwungen sind, eine Auswahl zu treffen, und oft unmenschliche Prioritäten festsetzen müssen, raubt den Teilnehmern an diesem innerdeutschen Handel oft den Schlaf.
Insgeheim teilen sie die Überzeugung, daß ideologische und politische Streitereien völlig absurd sind. »Keine Idee ist die Leiden Wert, aus denen wir einen Ausweg zu finden bemüht sind«, sagte mir der eine von ihnen.
Wenn sie die oft pfundschweren Akten und Dokumente lesen, in denen das Schicksal Tausender zusammengefaßt ist, ihre Auswahl treffen und ihre Ermittlungen anstellen, dann verlieren sie nicht selten ihren Gleichmut.
Von ihrer Auswahl hängt das Glück oder die Verzweiflung Tausender Familien ab. Und es liegt bei ihnen, aus einer Liste mit 4000 bis 5000 Namen die 80 Gefangenen zu bestimmen, die einmal im Monat oder alle zwei Monate in einem Konvoi abtransportiert werden sollen.
Das ist der am schwersten zu ertragende Aspekt ihrer Arbeit. Die übrigen Vorgänge bei einem Austausch sind reine Formalitäten.
Manchmal freilich fallen die Anwälte aus der Rolle und finden gegenüber einem der Häftlinge eine einfache Geste, die für einen Gefangenen von unschätzbarem Wert ist. Vogel drückt ihm eine Tafel Schokolade in die Hand, Stange schiebt ihm einen Hundertmarkschein in die Jackentasche.
In den seltenen Pressemeldungen, die sich mit dem Austausch von Gefangenen befassen, legt man zuviel Gewicht auf die Preise, die »pro Kopf eines Gefangenen« festgesetzt werden. Da ist die Rede von einem halbamtlichen Katalog, in dem nach gesellschaftlichem Rang des Gefangenen, seiner beruflichen Qualifikation und dem Strafmaß unterschieden wird. Das ist nicht richtig. In den zehn Jahren, in denen Vogel und Stange miteinander verhandelt haben, wurde von ihnen vielmehr stillschweigend ein Kode angewendet, der mit der Zeit verbessert worden ist. Bei der Festsetzung des Preises für einen Gefangenen wirkt jetzt eine Vielzahl von Faktoren mit.
Die wichtigsten Kriterien sind die Beschuldigungen, die gegen den Betreffenden erhoben werden, und die Bewertung des Schadens, der der DDR entstanden ist. Fluchtversuche gelten als schwere Delikte, für die im allgemeinen Haftstrafen von zwei bis fünf Jahren ausgesprochen werden.
Die Strafe verschärft sich, wenn diese Fluchtversuche mit falschen Papieren unternommen und Grenzsicherheitsanlagen beschädigt wurden (Mauer, Zäune, Minen). Kontaktaufnahme mit westdeutschen Fluchthelfern und Inanspruchnahme ihrer Hilfe ist ein noch schwereres Delikt als der Fluchtversuch eines einzelnen.
Das schwerste Delikt in den Augen der Ost-Berliner Justiz ist jedoch -- neben der Spionage -- die Aktivität der heimlichen Fluchthelfer. Hierfür werden oft Gefängnisstrafen von 10 bis 15 Jahren verhängt. In erster Linie sind davon westliche Fluchthelfer betroffen.
Häufig werden »innere Feinde« des Ost-Berliner Regimes mit ebenso schweren Strafen belegt. Ein DDR-Pfarrer zum Beispiel hatte seine Gemeinde gegen den Einfluß der SED-Funktionäre des Ortes völlig immun gemacht. Er wurde zu 15 Jahren, seine Frau zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl sie sechs Kinder haben. Bonn zahlte 180 000 Mark, damit diese Familie in den Westen gehen konnte.
Ein zweiter Faktor bei der Festsetzung des Preises ist die Ausbildung und das Bildungsniveau des Häftlings. Ein Facharbeiter ist weniger wert als ein Monteur mit Fachschulausbildung und sehr viel weniger als ein Lehrer, ein Universitätsprofessor oder ein Arzt.
Die Behörden der DDR setzen die Kosten der Ausbildung eines Facharztes mit 150 000 bis 180 000 Mark an. Daher halten sie es für selbstverständlich, daß ein Teil dieser Investitionen dem Staat zu erstatten sei, wenn ein Arzt an den Westen »geliefert« wird -- schließlich profitiert die Bundesrepublik von der Erfahrung und dem Können des Arztes.
Ein Arbeiter »kostet« ungefähr 30 000 Mark. In dieser Bevölkerungsschicht ist das »Delikt Flucht« die am meisten verbreitete Beschuldigung. Im allgemeinen handelt es sich dabei nicht um eine ideologisch motivierte Flucht. Die wirtschaftliche Anziehungskraft des Westens mit den üblichen Überschätzungen und Idealisierungen der »Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft« ist bei diesem Personenkreis der häufigste Beweggrund.
Lehrer sind beträchtlich teurer als Arbeiter. Ihr Preis wird unter Umständen nach der Intensität ihres Engagements gegen das Regime berichtigt. Preis für Häftlinge dieses Typs: 40 000 bis 50 000 Mark.
Aber es sind vor allem Ärzte und andere Akademiker, die den Kurs sprengen -- je nach sozialem Niveau und Ansehen sind sie 120 000 bis 160 000 Mark »wert«. In der Hierarchie der Werte und Preisbestimmungen dieses Austausches machen ihnen nur die Fluchthelfer Konkurrenz.
Außer der beruflichen Einordnung oder der politischen Etikettierung dieser »Verkaufsobjekte« wird auch die Zahl der noch zu verbüßenden Gefängnisjahre in Tausenden von Mark ausgedrückt.
Über die Höhe der Preise handeln Stange und Vogel kaum. Die beiden Anwälte beherrschen ihr Metier vollkommen. An Hand von Listen, auf denen die »Kaufvorschläge von Bonn« und die »Verkaufsangebote von Ost-Berlin« aufgeführt sind, setzen sie Fall für Fall die Preise fest.
Beide haben das Vertrauen ihrer jeweiligen Regierung und verfügen über weitgehende Vollmachten, doch sind sie keineswegs Repräsentanten ihres Staates -- sie bleiben Treuhänder ohne jede offizielle Befugnis. An ihrem Status hat auch die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik nichts geändert: Den Gefangenenaustausch hat man nicht institutionalisiert.
Die Tätigkeit der beiden Anwälte macht die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin keineswegs überflüssig, denn sie befaßt sich ausschließlich mit Westdeutschen, die in der DDR Gefängnisstrafen verbüßen. Bis Ende 1975 hatten 300 Westdeutsche von der eher moralischen als rechtlichen Unterstützung der Beamten dieser Vertretung profitiert. »Bonn zahlt
und wird weiter zahlen.«
Gegenwärtig ist es möglich -- zumindest für die Westdeutschen-, über die Zu- und Abgänge der DDR-Gefängnisse genau buchzuführen, wodurch auch der spätere »Kauf« erleichtert wird. Damit ist gegenüber den sechziger Jahren eine Verbesserung eingetreten, denn damals wurden die Häftlingslisten mehr schlecht als recht auf Grund von Hinweisen der Familien, der Kirchen und Parteien zusammengestellt.
Im Jahre 1974 gelangten 14 000 Deutsche vom Osten in den Westen. 5324 sind unter schweren Risiken geflüchtet, 709 wurden von Bonn für 35 Millionen Mark aus dem Gefängnis freigekauft; rund 8000 hatten die Erlaubnis erhalten, die DDR legal zu verlassen -- hauptsächlich Rentner und andere Personen, deren Familienangehörige sich bereits in der Bundesrepublik befanden.
Es gibt also außer der gefährlichen Flucht und dem friedlichen Abwarten des Rentneralters noch einen Ausgang zum Westen: Man braucht es nur auf sich zu nehmen, zwei Jahre im Gefängnis zu verbringen -- -- vorausgesetzt, man hat Wolfgang Vogel als Verteidiger.
Steht man auf den Listen dieses ostdeutschen Staranwaltes, dann ist die Chance groß, eines Tages von Bonn freigekauft zu werden. Auf diese Weise öffnet Ost-Berlin den Unbequemsten seiner Bürger eine Art Hintertür, ein Schlupf loch, das zugleich der ostdeutschen Gesellschaft als Überdruckventil dient.
Bonn zahlt und wird weiter zahlen, damit diese Öffnung nach Westen weiterhin offen bleibt. Und Ost-Berlin wird diesen Ausgang nicht schließen. Im Gegenteil, die Führer der DDR haben ein Interesse daran, durch diese Drainage die Viren nach Westen abzuleiten, die wegen der Gefahr der Ansteckung nicht geduldet werden können in einem Land, dessen Staatspartei immer recht hat.
Jürgen Stange und Wolfgang Vogel -- gewiefte Unterhändler in diesem Geschäft? Nichts wäre ungerechter als eine solche Vorstellung. »Obwohl durchtriebene Techniker einer Geheimdiplomatie, deren Vorhandensein man nicht zugeben will, sind sie vor allem menschlich geblieben. Illusionslose Zeitgenossen in einer Epoche ohne Mitgefühl für Schwache und Idealisten.« So werden sie von den meisten Häftlingen beurteilt, die Gelegenheit gehabt haben, sie kennenzulernen. Ein hoher Beamter in West-Berlin charakterisiert sie so: »Vom Wesen her sind sie halb Abenteurer, halb Beichtvater.« Sie bewegen sich in den Gefängniszellen und den Gerichtssälen ebenso gewandt wie in den Empfangsräumen der Ministerien und den Salons der Gesellschaft,
Nur eines unterscheidet sie: Stange ist ein freier Mensch, der seinen Vertrag mit der Bonner Regierung von heute auf morgen kündigen kann. Vogel dagegen wird niemals die Möglichkeit haben, seine Beziehungen zu dem Ost-Berliner Regime zu revidieren, obwohl er mit
Erich Honecker befreundet ist. Dessen Ungnade bezahlt man in der DDR in der Regel mit dem Verlust der Freiheit.
Stange, Mitglied des Lions-Club, ist auf seine Art ein Künstler der menschlichen Beziehungen. Im Umgang ist er herzlich, niemals macht er sich wichtig -- ein Mann in den Fünfzigern, der sofort Vertrauen erweckt.
Als Syndikus eines großen westdeutschen Unternehmens hätte er es offensichtlich nicht nötig, sich als »Befreier« zu betätigen. Warum setzt er sein Werk dennoch fort? Das ist eines der vielen Geheimnisse dieses Anwalts, dessen Zurückhaltung und Diskretion ebenso unerschütterlich ist wie seine Loyalität gegenüber dem Bonner Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen.
Politisch kann man ihn als Liberalen der linken Mitte bezeichnen. Die einst von Willy Brandt geführte Regierung hat ihn sehr beeindruckt. Von seinem Standort aus konnte er ja auch die positiven Auswirkungen der neuen Ostpolitik auf das Schicksal der Deutschen jenseits der Elbe am besten würdigen.
Stanges Anwaltskanzlei liegt im zweiten Stock des Hauses 42 in West-Berlins Bundesallee. Sein Arbeitszimmer, dessen Zugang durch eine Stahltür abgesichert ist, und der makellos saubere Korridor sind modern und funktionsgerecht möbliert. Das Wartezimmer ist so geräumig, daß rund fünfzehn Klienten Platz finden.
Alle Verbindungen, die Stange zu Ost-Berlin unterhält, sind in den frühen Nachkriegsjahren mit Hilfe der Schweden zustande gekommen, die in Berlin mildtätige und diplomatisch tätige Organisationen installiert hatten.
Wichtigster Vermittler: Carl Gustaf Swingel, ehedem Tenor an der Stockholmer Oper und zu Beginn der fünfziger Jahre Leiter der »Schwedischen Mission zur Unterstützung der bedürftigen Deutschen in der Russischen Zone«. In dieser Funktion unterhielt Swingel seit 1949 die besten Beziehungen zu den führenden politischen Persönlichkeiten der DDR. Auch nach dem Bau der Mauer behielt er seine ostdeutschen Kontakte bei.
Ein zweiter Schwede, der Generalkonsul Sven Backlund, gegenwärtig schwedischer Botschafter in Bonn, folgte dem Beispiel Swingels und unterhielt ebenfalls enge Beziehungen zu Ost-Berlin.
In ihrem Umkreis gab es nur einen Deutschen aus dem Westen, der die Möglichkeit hatte, die sehr philanthropischen und sehr neutralen Schweden zu imitieren: Anwalt Stange. Und der ostdeutsche »Orchesterdirigent« für alle diese Akteure auf der Bühne Berlins, für alle Besucher der Konzerte und Empfänge des Generalkonsuls Backlund, war schon damals ein Mann namens Wolfgang Vogel.
Die ausgezeichneten Beziehungen und die gegenseitige Hochachtung, die die Anwälte Stange und Vogel miteinander verbanden, sollten für die Zukunft ausschlaggebend werden.
Ebenso wichtig war freilich noch ein anderer Mann: Willy Brandt, später Regierender Bürgermeister von West-Berlin, bezeigte immer großes Verständnis, wenn es darum ging, einem Bedrängten zu helfen. Ihm zur Seite standen Männer wie Pastor Heinrich Albertz und Dietrich Spangenberg, der jetzige Beauftragte Bonns in West-Berlin.
Vogel war längst kein Unbekannter mehr, als er seinem Kollegen Stange vorschlug, Gefangene gegen Westmark auszutauschen. Ein Jahr vorher hatte er schon an der letzten Phase der Verhandlungen über den Austausch des U-2-Piloten Francis Gary Powers teilgenommen.
Der amerikanische Flugkapitän. der über Swerdlowsk abgeschossen und wegen Spionage verurteilt worden war, sollte zusammen mit einem amerikanischen Studenten namens Frederic Pyror, der in Ost-Berlin als Spion angeklagt war, gegen den sowjetischen Meisterspion Rudolf Abel ausgetauscht werden. Abel. Oberst des KGB, war im August 1957 in den USA verhaftet worden.
Pyrors Verteidiger war Vogel; doch der Anwalt vertrat nicht nur seinen Mandanten, sondern auch die Sache der DDR. Der Regierung in Ost-Berlin lag nämlich viel daran, die Freilassung Abeis, der zwar sowjetischer Spion, aber Staatsbürger der DDR war, zu erleichtern; deshalb hatte sie den Sowjets vorgeschlagen, den Studenten Pyror ebenso hoch zu bewerten wie den Piloten Powers.
»Nur Vogels Manschettenknöpfe waren etwas zu auffallend.«
Der New Yorker Rechtsanwalt James Britt Donovan, Abels Verteidiger, war von der amerikanischen Regierung mit den Austausch-Verhandlungen betraut worden und hatte die Anweisung, darauf zu bestehen, daß Abel nur gegen Powers und Pyror ausgeliefert werden würde. Er hatte Erfolg: In seinem Amtszimmer im sowjetischen Konsulat Ost-Berlins bestätigte ihm der russische Gesprächspartner, daß sein Ministerium mit dem Angebot Washingtons einverstanden sei, Powers gegen Abel auszutauschen.
Es stehe ihm, dem Russen, jedoch nicht zu, auch Pyror in seinen Vorschlag einzubeziehen. Dies sei eine Entscheidung, die allein die Behörden der DDR treffen könnten. Er rate daher Donovan, sich an den Anwalt Vogel zu wenden. Also suchte Donovan, von Abels Tochter und Schwiegersohn begleitet, den Kollegen Vogel auf, der inzwischen in Alt-Friedrichsfelde eine Praxis eröffnet hatte.
Der ostdeutsche Jurist, damals 37 Jahre alt, wird von Donovan so beschrieben: »Vogel hatte ein gewandtes Auftreten. Er trug das Haar kurzgeschnitten. Immer erhellte ein leichtes Lächeln sein Gesicht. Sein grauer Flanellanzug war nach Maß gearbeitet. Hemd, Krawatte und Brusttaschentuch waren erlesen und mit Sorgfalt zusammengestellt. Nur seine Manschettenknöpfe waren vielleicht etwas zu auffallend.«
Bei dieser Begegnung zeigte Vogel dem amerikanischen Anwalt einen Brief des Ost-Berliner Justizministeriums, in dem der Generalstaatsanwalt der DDR sich bereit erklärte, Pyror freizulassen, sofern »seitens der Amerikaner bestimmte Bedingungen respektiert werden«.
Donovan fragte: »Herr Vogel, können Sie mir garantieren, daß Pyror an demselben Ort und zur selben Zeit wie Powers freigelassen wird, wenn wir unsererseits Abel freilassen?« Darauf Vogel: »Ja, unter allen Umständen.« Er war schon damals sehr selbstsicher.
In diesem Falle jedoch hatte er sich geirrt. Vogel wußte nicht, daß Moskau nur ein Tauschhandel vorschwebte, bei dem für einen Spion ein anderer Spion angeboten wird. Für die Russen war Powers weit mehr wert als Abel. Sie sahen keinen Vorteil darin, bei der Transaktion auch den Fall Pyror zu erledigen.
Hatte Vogel seine Anweisungen mißverstanden? Oder gehörte er zu den Spielern einer Pokerpartie, bei der die Russen und die Ostdeutschen die Freilassung Abeis zu billigerem Preis erreichen wollten? Die zweite Hypothese scheint am glaubwürdigsten zu sein.
In letzter Minute nämlich, als Donovan schon mit dem Abbruch der Verhandlungen gedroht hatte, gelang es Vogel, noch einmal von dem Generalstaatsanwalt der DDR, Josef Streit, empfangen zu werden. Vogel schlug seinem Kollegen Donovan vor, zusammen essen zu gehen. Sie stiegen in Vogels Sportwagen und fuhren zum Restaurant des Hotels »Johannishof«. Dort setzte Vogel den amerikanischen Anwalt ab und entschuldigte sich -- er müsse sich beeilen, um seine Verabredung einzuhalten.
Gegen Ende der Mahlzeit tauchte er wieder auf, um von seiner Unterredung mit dem Generalstaatsanwalt zu berichten. Es sei, erzählte er, sehr mühsam gewesen, Streit zu überreden, aber schließlich sei er Sieger geblieben.
Vogel behauptete, die Schwierigkeiten seien auf ein bedauerliches Mißverständnis zurückzuführen: Bei den Verhandlungen im Fall Pyror habe Donovan den Fehler gemacht, sich zuerst mit den Russen und dann mit den Ostdeutschen in Verbindung zu setzen. Daran habe Ulbricht Anstoß genommen.
Drei Tage später, am ID. Februar 1962, fand der Austausch statt -- auf der Glienicker Brücke, der Grenze zwischen der DDR und dem amerikanischen Sektor.
Um 8.20 Uhr betraten Abel und seine amerikanischen Begleiter die Brücke. Die Russen kamen ihnen sofort entgegen, in ihrer Mitte Powers, der eine Pelzmütze trug und genauso wie Abel eine große Tasche mit seiner persönlichen Habe bei sich hatte.
Donovan blieb jedoch unruhig. Er wollte möglichst schnell erfahren, ob der amerikanische Student Pyror, wie vereinbart, schon auf freien Fuß gesetzt worden war. Plötzlich tönte ein Ruf: »Pyror ist frei!« Daraufhin setzten sich Abel und Powers in Bewegung. Mitten auf der Glienicker Brücke gingen sie aneinander vorbei, ohne sich anzusehen.
Im Osten, im Herzen des Sowjetsektors von Berlin, jetzt Hauptstadt der DDR, hatte sich der Anwalt Vogel schon wieder in seine Akten vertieft. Einer der ersten großen Schritte als Anwalt zwischen zwei Welten lag hinter ihm. Die Zukunft sollte ihn noch häufig in der Rolle des begabten, charmanten, ideologisch nicht einzuordnenden Vermittlers sehen.
Im Westen und vor allem in der konservativen Presse wird Vogel als ei vom Kommunismus bezahlter Anhänger der Sklaverei bezeichnet. Wer ihn näher kennt, weiß, daß er diesen Ruf nicht verdient, denn er ist das Gegenteil jener dogmatischen, unantastbaren Funktionäre, die es in den Bürokratien Osteuropas in Massen gibt.
Er erweckt niemals den Eindruck, Ideen oder Tatsachen, von denen er nicht überzeugt ist, »verkaufen« zu wollen, und er ist viel zu klug, als daß er unaufrichtig wäre -- eine Haltung, die im Osten ebenso selten ist wie im Westen.
Seine westlichen Partner schätzen ihn denn auch als zuverlässigen Kollegen, der seine Zusagen auch deshalb einhalten kann, weil er das volle Vertrauen Erich Honeckers besitzt. Seine Loyalität gegenüber der DDR ist niemals angezweifelt worden.
Seit 25 Jahren ist das Leben dieses seltsamen Mannes kompliziert und gefährlich. Unannehmlichkeiten sind ihm nicht immer erspart geblieben. Als er die ersten seiner außergewöhnlichen Aufträge übernahm, wußten die Sicherheitsbehörden der DDR seine Methoden oft nicht zu schätzen.
Entgegen üblichen Praktiken hatte er die Vermessenheit (und er hat sie heute noch), auch in der DDR sein Metier auf möglichst anständige Weise auszuüben und seine Klienten über die Fallen zu informieren, die während des Gerichtsverfahrens für sie aufgestellt werden könnten. Es ist sogar vorgekommen, daß er seinen Mandanten geraten hat, ihre Delikte nicht zuzugeben -- ein Verhalten, das von den Spionejägern Ost-Berlins übel vermerkt wird.
Vogels Sonderstellung erklärt sich durch die hohe politische Protektion, die er genießt, aber sie ist auch seinem Erfolg zuzuschreiben, zum Beispiel im Bereich des innerdeutschen Handels und der menschlichen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten.
Vogel, der 1925 im schlesischen Wilhelmsthal geboren ist und nach Kriegsende in Jena und Leipzig mit Glanz Jura studierte, ist ein reines Produkt des ersten Akademiker-Ausstoßes der DDR. Er gehört zu der Generation. die alles -- Ausbildung, Bildung und soziale Stellung -- dem Regime verdankt.
Wie viele andere Intellektuelle der DDR ist er stolz auf die Leistungen des ostdeutschen Staates. Außerdem liegt seiner Loyalität gegenüber Ost-Berlin ein gewisses Pflichtbewußtsein und ein Gefühl der Solidarität zugrunde. Vogel fühlt sich mit seinen Mandanten und seinen Landsleuten moralisch verbunden, obwohl er sich der Schwierigkeiten seines Landes und der Widersprüche des Regimes durchaus bewußt ist.
Täuschen wir uns nicht: Die Motive, die Geistliche, Ärzte, Intellektuelle und Ingenieure bewegen, heimlich die DDR zu verlassen, sind den meisten der herrschenden Klasse Ost-Berlins sehr begreiflich. An manchen Abenden sind auch Erzorthodoxe so entmutigt und haben die Partei so satt, daß sie sich ebenfalls versucht fühlen, der DDR den Rücken zu kehren.
Aber diese Verdrossenheit ist dann eben doch nicht Grund genug, seine Gemeinde, seine Patienten oder seine Gefangenen im Stich zu lassen. Man sollte diese gefühlsmäßigen und moralischen Realitäten in der DDR nicht unterschätzen.
Menschen wie Wolfgang Vogel halten dem Regime von Ost-Berlin aber auch deswegen die Treue, weil sie unbestreitbar überzeugt sind, einer privilegierten Klasse anzugehören, die sich ein angenehmes Leben leisten kann, und weil sie zugleich eine Bewegungs- und Redefreiheit genießen, von der die Masse der DDR-Bürger nicht einmal träumen kann.
Vogel, ob Anti- oder Nonkonformist de luxe, ist jedenfalls kein armer Mann. Doch zu behaupten. er hätte sich durch seine Tätigkeit als Förderer der Familienzusammenführung zwischen Ost und West ungeheuer bereichert, wäre übertrieben. ja sogar unsinnig. Sein Wohlstand besteht im wesentlichen darin, daß er im Vergleich zu seinen Mitbürgern ungewöhnlich viel Konsumgüter erwerben kann.
Er hat in der Tat die Mittel, seine Schränke mit Wäsche und Kleidung vollzustopfen, seine Bar voll Flaschen zu stellen, seinen Tisch gut zu decken und sogar seine Bankkonten in Ost- und West-Berlin zu füllen.
Er besitzt ein Landhaus am Ufer eines märkischen Sees. Um seinen Mercedes 250 SE Automatic wird er von seinen Nachbarn in der Reilerstraße beneidet -- sie liegt in einem Viertel Ost-Berlins, in dem die Elite der DDR wohnt. Außerdem profitiert Vogel von einem in Ostdeutschland unschätzbaren Privileg: einem Dauer-Visum, das ihm erlaubt, nach Lust und Laune in Europa herumzureisen.
Vogel sieht es als seine Mission an, eine undurchdringliche Mauer durchlässig zu machen. Es geht ihm darum, menschliche Tragödien zu mildern, die mit dem Auftauchen einer Mauer entstanden sind, von der auch er nicht entzückt ist.
Für ihn ist das eigentliche Übel die Tätigkeit der heimlichen Fluchthelfer. die illegal die Verbindungswege zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik benutzen. Er hält es nicht für normal, daß Bonn diesen »Freiheitshändlern«, deren einziger Anreiz der finanzielle Gewinn ist, auch noch entgegenkommt.
lm engsten Kreise gibt Vogel jedoch zu, daß dieses Problem niemals allein durch Zwangsmaßnahmen gelöst werden kann. Seiner Ansieht nach wäre eine Lösung wirksamer, die durch eine konzertierte Aktion Bonns und Ost-Berlins zustande kommen müßte: Unter der Bedingung, daß die Bundesrepublik bereit ist, die westdeutschen Fluchthelfer strafrechtlich zu verfolgen, würde die DDR -- so vermutet er -- bereit sein, einem jährlichen Kontingent von mehreren Tausend Ostdeutschen die Ausreise nach Westen zu gestatten.
Vogel weiß jedoch. (laß die Existenz der Mauer durch eine solche Lösung nicht beseitigt werden würde. Er weiß zu gut, daß sich Tausende von Ostdeutschen eilends auf den Weg in den Westen machen würden, wenn sieh die Mauer öffnete, und zwar aus Angst. daß sich dieser schicksalhafte Ausgang wieder schließen könnte.
Die innerdeutsche Grenze macht deutlich, daß das deutsche Problem inmitten Europas weiter existiert. Sowohl in Bonn als auch in Ost-Berlin ist das bittere, halbverdrängte Bewußtsein vorhanden, daß die Lösung dieses Problems nicht zur Machtbefugnis zweier Regierungen gehört, die politisch verfeindet, aber durch das gleiche Deutschtum -- wenn auch nur im Geist -- miteinander verbunden sind.
Für das Verbot der Wiedervereinigung, das den Anrainern der Elbe, der Spree und der Werra auferlegt worden ist, sind die Anwälte Stange und Vogel ebensowenig verantwortlich wie Erich Honecker und Helmut Schmidt. Dieses Verbot kann nur von Moskau oder Washington aufgehoben werden, sei es einseitig oder von beiden gemeinsam. Alles hängt von der weltpolitischen Lage und dem Kräfteverhältnis der beiden Supermächte ab.
In dieser Überzeugung wird Vogel durch seine Aufgabe, zwischen Spitzenpolitikern den Boten zu machen, nur bestärkt. Seit langem ist der ehemalige Berater der Justizministerin Hilde Benjamin der ideale Vertrauensmann Bonns und Ost-Berlins.
Wenn Herbert Wehner dem SED-Chef Honecker eine wichtige Mitteilung oder Bitte zukommen lassen wollte, kontaktierte er über Stange und dessen schwedische Verbindungsleute in West-Berlin den DDR-Bürger Vogel und bat ihn, sich mit ihm zu treffen. Er konnte sicher sein, daß seine Botschaft ihr Ziel erreichte.
1973 wurde Vogel zum Beispiel beauftragt, eine Begegnung zwischen Honecker und Wehner vorzubereiten, an der auch der Freie Demokrat Wolfgang Mischnick teilnehmen sollte. Zweimal hat sich auch Bundeskanzler Schmidt die Verschwiegenheit des ostdeutschen Juristen zunutze gemacht -- im August 1975 und im August 1976. Beide Male hatten sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR verschlechtert, weil es auf den Transitwegen zu Zwischenfällen gekommen war. Nach zwölf Jahren
den Verdienstorden in Gold.
Auf beiden Seiten ereiferte sich damals die deutsch-deutsche Presse. Im Osten sprach man von der »Verleumdungskampagne der reaktionären Kräfte Bonns gegen die DDR«, im Westen empörte man sich über die »neuen Schandtaten Ost-Berlins und den ständigen Skandal, den die Mauer darstellt«.
Trotz dieser Aufregung blieben Honecker und Schmidt gelassen, wenn sie auch in ihren Sonntagsreden flammender Empörung Ausdruck gaben. Sie hatten keinen Grund zur Beunruhigung, denn Vogel sorgte dafür, daß der Kontakt zwischen ihnen beiden nicht abbrach. Außerdem wußten sie, daß sie aus innenpolitischen Gründen aufeinander angewiesen waren.
Da die innerdeutschen Schwierigkeiten im wesentlichen Probleme der Wirtschaft, der Grenzen, der menschlichen Beziehungen oder Auswirkungen der Gemütsbewegungen einer alten deutschen Nation sind, die zerstückelt und geteilt ist, braucht der SED-Chef einen guten Mittelsmann. Mit Vogel ist er vollauf zufrieden.
Die Verdienste des Anwalts werden übrigens anerkannt und belohnt. Nach zwölf Jahren guter und loyaler Arbeit an vorderster Front beim Gefangenenaustausch und bei den höchst geheimen Kontakten mit Bonn wurde ihm der Vaterländische Verdienstorden in Gold überreicht.
Schon sechs Jahre vorher, im Oktober 1969, hatte ihm die Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft »Walter Ulbricht« die Würde eines Ehrendoktors verliehen, und die Zeitschrift »Neue Justiz« lobte »seinen persönlichen Anteil an der Entwicklung der sozialistischen Rechtspflege«.
Mehr Freude aber hat der Anwalt sicherlich beim Lesen der Briefe seiner Mandanten, die er in einem Aktenordner mit der Aufschrift »Dank« ablegt. Ohne Zweifel ist das Gefühl, für seine Gefangenen ein »von der Vorsehung gesandter Mensch« gewesen zu sein, für Wolfgang Vogel der schönste Lohn.
Er weiß: »Alles übrige ist Schrott und vergängliche Habe.«