Ein bißchen Geduld
Nr. 46/1998, Titel: Der Rot-Grüne Wirtschaftskurs - Wo ist Schröder?
O Ihr deutschen Kleingeister! Ihr Besitzstandswahrer, Standortkiller, Miesmacher und Hysteriker, laßt Euch zurufen, was in Eurem Geheule unterzugehen droht: »Es bewegt sich endlich was in diesem Land, und obendrein in die richtige Richtung!«
STUTTGART SASCHA SIMONOVIC
Könnte es sein, daß in der Wahlnacht aus einem Wolf im Schafspelz unversehens ein Schaf im Wolfspelz geworden ist?
FRANKFURT AM MAIN HEINZ RAU
Wo ist Schröder? Das ist leicht zu beantworten: am Ziel, wo er sich und Lafontaine und die Wähler ihn hingewünscht haben. Wie aber sagte schon die sehr junge Bedienung zum gar nicht mehr so jungen Gast, der sie immer ins begehrenswerte Hinterteil zwickte: »Laß das! Oder ich sag' ja. Und dann?« Der Wähler sagte ja, Schröder setzte die Brille auf und sah - alt aus. Aber das macht nichts. Oskar Lafontaine wird es völlig egal sein, wer unter ihm Kanzler ist.
HAMBURG DR. UWE J. PETERSEN
Leute mit »Menschenkenntnis« haben von Schröder behauptet, daß er ein Windei sei. Dies bewahrheitet sich leider schon kurz nach der Wahl: Bereit, sich von jedem Windstoß treiben zu lassen, wird nichts wirklich angepackt. Der starke Kanzler, den das lethargische Deutschland braucht, ist noch zu suchen.
AACHEN MARCO ZACCARIA
Unsere Regierung will die 620-Mark-Job-Regelung abschaffen. Ich gratuliere: Sie schadet damit nicht nur den Arbeitgebern, sondern auch den Arbeitnehmern. Was diese Regierung nicht sieht, ist, daß das Arbeitsverhältnis von den meisten Arbeitnehmern so gewollt ist. Mit Abschaffung dieser Regelung ist fraglich, ob überhaupt noch jemand solche Jobs annehmen möchte.
FRIEDRICHSRUH (SCHLESW.-HOLST.)
ELISABETH FÜRSTIN VON BISMARCK
Äußerst erfreulich, mit welcher Deutlichkeit Sie die Unfähigkeit unserer neuen sogenannten Regierung schildern. Hier haben wir es schwarz auf weiß: konfuse Steuerpläne, vernichtende arbeitsmarktpolitische Vorstellungen, konjunkturfeindliche Initiativen. Mit diesem Mix fährt die rot-grüne Koalitionsmaschine abenteuerliche Schlangenlinien.
MÜNCHEN GABRIELE APPEL
Jetzt gehen den Schröder-Fans beim SPIEGEL die Augen auf. Der Mann macht viel Show und bringt wenig Leistung: Dabei hätte ein Blick auf das von ihm schlecht regierte Niedersachsen genügt.
LINGEN (NIEDERS.) BERND KLOPPE
Sie erwecken den Eindruck, eine »zufällig im Kanzleramt anwesende Staatssekretärsrunde« habe die gesamtwirtschaftlichen Eckwerte gegen den Rat fachkundiger Beamter nach oben manipuliert, um möglichst günstige Daten für den Bundeshaushalt zu erreichen. Tatsächlich aber geht die Abstimmung der Eckwerte immer über alle Hierarchieebenen, einschließlich der Staatssekretäre und notfalls auch der Minister der beteiligten Ressorts. Dabei hat keiner der an der Abstimmung Beteiligten die Erkenntnis über zukünftige Entwicklungen gepachtet, so daß auch nicht von zutreffenden und manipulierten Prognosen gesprochen werden kann. Auch stimmen die angeblich manipulierten, realen Wachstumsannahmen vom Frühjahr exakt mit den aktuellen Prognosen überein - mit Ausnahme derjenigen für das Jahr 1999, die aber von allen Konjunkturforschern inzwischen nach unten revidiert werden mußten.
ST. AUGUSTIN (NRDRH.-WESTF.) DR. W. OTREMBA
Sie sagen es, so durfte man es erwarten von einem, der gewählt wird ,,um des Wechsels willen": »Wie Kohl, nur schlechter.« Im übrigen hat sich die alte Koalition von CDU/CSU und FDP an das Muster ihrer Vorgänger gehalten und getan, was eine Regierung in Deutschland tun muß, um ihre Politik unter einer neuen Regierung fortzusetzen beziehungsweise die neue Regierung möglichst effektiv zu behindern, ihre eigene Politik auf den Weg zu bringen (übrigens ein altes Rezept): Schulden, möglichst viele, hinterlassen und das Lebenszeitprinzip des Öffentlichen Dienstes ausnutzen, damit alle wichtigen Posten besetzt bleiben. So war es 1982, so ist es heute. Na denn!
BONN DR. M. DE LA GRANGE
Ihre Behauptung, daß mittlerweile die Wähler der Mitte sich von SPD und Bündnis 90/Die Grünen wieder abwenden, ist durch nichts belegt. Im Gegenteil: Nach einer aktuellen Meinungsumfrage der »FAZ« und des Privatradios FFH in Hessen, die von einer Umfrage des ZDF bestätigt wird, liegt die rot-grüne Mehrheit drei Monate vor den Landtagswahlen 13 bis 15 Prozent vor Schwarz-Gelb. Die SPD hat kräftig zugelegt.
FRANKFURT AM MAIN DIETER HOOGE
VORSITZENDER DES DGB-LANDESBEZIRKS HESSEN
Die SPD hat sich seit dem 27. September kontinuierlich selbst entzaubert. Gipfel dieser Entwicklung ist der konturenlose rotgrüne Wirtschaftskurs, der wohl kaum eine Verbesserung der ökonomischen Situation verspricht. Man könnte glauben, die SPD weiß gar nicht so genau, was sie mit ihrer neugewonnenen Macht und Verantwortung anfangen soll. So mancher Sozialdemokrat wünscht sich insgeheim vielleicht auf die Bänke der Opposition zurück, denn Reformpläne so zu blockieren ist doch wohl einfacher, als sie zu entwickeln.
GÖTTINGEN MATTHIAS GOSE
Ein bißchen Geduld sollten sich die SPIEGEL-Journalisten gönnen. Nicht umsonst gibt es die berühmten hundert Tage Schonfrist für neue Regierungen. Es ist doch ein sehr deutscher Journalismus, nach 16 Jahren Kohl und einer in den letzten Jahren völlig umgekrempelten deutschen Republik einen Bilderbuchstart der neuen Regierenden zu fordern. Kritische Berichterstattung ist auch für die Regierenden hilfreich, der SPIEGEL sollte sich da nicht zurückhalten.
SAN DIEGO (USA) JOERG BOETEL
Kann es sein, daß sich Herr Schröder nach glänzend gelungenem Heruntersagen der Texte seiner Werbemanager im Wahlkampf als hervorragender Schauspieler zwar seinen Oscar verdient, aber nun nach Ende des Wahlspektakels nichts mehr zu sagen hat, weil dies andere tun?
MULSUM (NIEDERS.) KLAUS-DIETER LUDWIGS