GROSSBRITANNIEN Ein bisschen Klassenkampf
Majestätisch überragt der Große Turm des Magdalen College mit seinen spitzen Zinnen den Osten Oxfords. Wenn die Studenten in schwarzen Talaren hier zu ihren Examen schreiten, scheint die Zeit in diesem akademischen Arkadien, dem neben Oscar Wilde sieben Nobelpreisträger entstammen, stehen geblieben zu sein.
Jetzt allerdings hat es eine Schülerin geschafft, das steinerne Wahrzeichen des 1448 gegründeten College bis in die Grundfesten zu erschüttern. Die gelehrsame Ruhe der weltberühmten Universitätsstadt ist nachhaltig gestört. Allein vier Minister der Labour-Regierung haben die im 12. Jahrhundert begründete University of Oxford als »elitär« angegriffen und kritisiert, dass ihre Dozenten Absolventen von Privatschulen bevorzugten.
Laura Spence, 18, hatte nichts weiter getan, als sich am Magdalen College - einem der größten und renommiertesten der 36 Colleges der University of Oxford - um einen Medizin-Studienplatz zu bewerben. Sie besucht derzeit noch eine Gesamtschule im armen Nordosten Englands und wird aller Voraussicht nach ihren dem deutschen Abitur ähnlichen Abschluss durchgängig mit der Bestnote A absolvieren.
Die Musterschülerin aus Newcastle wurde dennoch abgelehnt. Schatzkanzler Gordon Brown sah sich daraufhin in dem verbreiteten Verdacht bestätigt, dass die Universität nach wie vor von einem snobistischen Old-Boys-Network beherrscht wird.
Denn obwohl nur sieben Prozent aller jungen Briten rund 2500 Privatschulen besuchen, stellen deren Absolventen fast die Hälfte aller Studenten in Oxford. Vor Funktionären der Lehrergewerkschaft ging der Schatzkanzler nun zum Angriff gegen die Institution über, die neben dem Königshaus noch immer das prominenteste Symbol des Good Old England ist.
»Ein absoluter Skandal« sei die Ablehnung von Laura Spence, ereiferte sich Brown, der an der Universität Edinburgh studiert hat. Es müsse endlich Schluss damit sein, dass »die Privilegien, mit denen jemand geboren wird, mehr zählen als die Fähigkeiten, über die er verfügt«.
»Brown hat sich leider einen völlig unpassenden Fall ausgesucht«, hält Alan Ryan dagegen, der Leiter des New College in Oxford. Nicht völlig zu Unrecht: Laura Spence kommt keinesfalls aus einer Arbeiterfamilie, sondern aus dem Mittelstand; ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater arbeitet im Öffentlichen Dienst. »Außerdem«, so Ryan, »gab es wohl bessere Kandidaten.«
Die Entscheidung des dreiköpfigen Auswahl-Komitees spricht zumindest nicht dafür, dass privilegierte Elite-Söhnchen protegiert wurden. Unter den 5 aus 22 Bewerbern Auserwählten sind drei Frauen; ebenso viele gehören zu nicht weißen Minderheiten.
Timothy Garton Ash, der in den siebziger Jahren in Oxford studiert hat und heute dort forscht, geißelte Browns Attacke als »populistisch und scheinheilig«. Der Historiker findet, dass sich die Universität radikal gewandelt hat: »Oxford ist heute ein Hochtemperatur-Schmelztiegel. Alles ist jetzt gemischt: Rasse, Geschlecht, Klasse.«
Der Begriff »Klasse« führte allerdings dazu, dass sich die hitzige Debatte, die derzeit die Kommentar- und Leserbriefspalten der Zeitungen beherrscht, vom Fall Laura Spence losgelöst hat. In Großbritannien, das mangels revolutionärer Umbrüche seit Jahrhunderten keinen Elitenwechsel erlebt hat, kann man sich kaum ein größeres Reizthema vorstellen.
»Ohne Eliten und Elitentum würden die Menschen noch in Höhlen leben«, ereiferte sich in der jüngsten Ausgabe das konservative Wochenblatt »Spectator«. Dass in Oxford und Cambridge künftig die soziale Herkunft ein Kriterium für die Aufnahme sein sollte, erinnere an »das stalinistische Russland oder das maoistische China«.
Zwar hat Margaret Thatcher - Tochter eines Gemischtwarenhändlers und Oxford-Absolventin - mehr soziale Durchlässigkeit geschaffen. Aber die Klassenschranken sind noch immer höher als auf dem europäischen Festland, und sie spiegeln sich auch im Schulsystem wider: Die Privatschulen haben deutlich kleinere Klassen und mehr als doppelt so viel Geld pro Schüler zur Verfügung als Staatsschulen. Folgerichtig machen Privatschüler bessere Abschlüsse und haben bessere Chancen in Oxford.
Allerdings wollen viele gute Staatsschulabsolventen inzwischen lieber in Leeds, Manchester oder Edinburgh studieren, statt unter den gern dem Größenwahn nahen Genies aller Klassen im weltabgewandten Oxford.
Dass die Universität keine Brutstätte der Upperclass mehr ist, zeigt sich Woche für Woche im Unterhaus. Sowohl der konservative Oppositionsführer William Hague als auch Tony Blair kommen aus einfacheren Verhältnissen, sie konnten in Oxford studieren.
Laura Spence wird ebenfalls eine erstklassige Ausbildung erhalten. Nachdem Oxford die Gesamtschülerin verschmähte, bot ihr die amerikanische Elite-Universität Harvard nicht nur einen Studienplatz an, sondern auch ein mit rund 200 000 Mark dotiertes Stipendium. MICHAEL SONTHEIMER