Ein Dichter - ein Gegendynamit
Unter Alfred Nobels fünf berühmten Preisen hat der für Literatur stets den stärksten Wirbel hervorgerufen. Jedes Jahr geraten in Stockholm die Herren der Königlichen Akademie die zu entscheiden haben, in ein Kreuzfeuer von Vorschlägen und Wünschen, die frankiert sind mit den Briefmarken aus aller Herren Länder.
Der Erfinder des Dynamits, nach den ersten Sprengstoffattentaten von Grausen gepackt, hatte sich seine Preise als eine Art Gegendynamit vorgestellt. Er wollte damit die Menschheit ermahnen, sich nicht selbst auseinanderzusprengen. Der hochmoralische Millionär und Menschenfreund wünschte sich Preisträger von »hoher idealer Tendenz«.
In diesem Jahre galt André Gide als Favorit für den Literaturpreis. Kein Zweifel, Gide ist ein Mann des Friedens, er ist ein Gegendynamit. In der Krise der Menschheit wendet sich des französischen Dichters mahnende Stimme gegen Brutalität und Barbarei, fordert Achtung vor den Menschen, Vertrauen, Zusammenarbeit.
Am Donnerstag ließ das zuständige Kommitee in Stockholm die Nachricht,in die Welt gehen: Der Nobelpreis 1947 für Literatur wurde André Gide zuerkannt.
André Gide ist heute ein alter, aber rüstiger Herr von 78, bald 79 Jahren. Aus dem scharfgeschnittenen Gesicht spähen eindringlich und ironisch graublaue Augen durch die Brillengläser. Scharfe Falten laufen von der geraden Nase zum Kinn.
Gide ist sehr groß für einen Franzosen. Insgesamt tippt man auf einen englischen Professor oder vielgereisten Forscher. Und er ist weit herumgefahren. Er hat die Gebirge und Abgründe der menschlichen Seele durchklettert und die sieben Meere der Leidenschaften durchfahren. Auch der Globus ist ihm nicht fremd. Viermal allein war er in Afrika, bis hinauf zum Kongo.
Diesen Sommer kam er nach Deutschland, um den jungen Deutschen Mut zuzusprechen. Er bat sie, ironischer zu sein und sich nicht so verdammt ernst zu nehmen.
Das sagte er auch seinem alten Freunde und Uebersetzer, dem Professor Ernst Robert Curtius, den er in Bonn besuchte. Gide kennt die deutsche Literatur so gut wie der Deutsche Curtius die französische. Er ist einer der wenigen Ausländer, die mit der deutschen Goethe-Medaille geehrt worden sind.
Letzthin wurde Gide in seiner Pariser Wohnung in der Rue Vanneau von einem Journalisten besucht. Der Dichter arbeitete in seiner großen Bibliothek, die ein wahres Museum an Erinnerungsstücken. ist. Er saß neben dem Nußbaumflügel, auf dem er meisterhaft zu spielen versteht.
Bei der Unterhaltung steckte Gide wie üblich mit zitternder Hand eine Zigarette an der andern an. Man sprach von Franz Kaffka, dessen »Prozeß«, von Gide dramatisiert, in Paris Aufsehen erregte. Man sprach über den Kommunismus, und Gide sagte: »Er ist sicherlich eine Gefahr. Meine persönliche Verteidigung besteht darin, so zu schreiben, wie ich es bisher getan habe.«
Gide bekannte sich einmal zum Kommunismus. Aber in den 30er Jahren, nach einer Reise durch die Sowjetunion, schrieb er zwei Bücher, in denen er seiner bisherigen Ueberzeugung abschwor.
Das Gespräch kam dann auch auf die »Irdische Nahrung«, jenes Frühwerk, das Gide den Ruf eintrug, der Prophet des schrankenlosen Individualismus zu sein. Der alte Herr lächelte.
»Damals war ich noch sehr jung. Und ich schwankte. Gewiß ist die »Irdische Nahrung« ein Schlüssel zu meinem späteren Werk. Es hat mich befreit. Ich habe mit der Bejahung der Sinne begonnen, aber ich bin doch dabei nicht stehengeblieben. Ich wollte nie belehren. Aber meine Leser sollten durch meine Bücher zu sich selbst kommen und sich danach der Welt zuwenden.«
Gides Eltern, der Vater, der Professor der Rechte an der Pariser Universität war, die Mutter, die aus einer normannischen Industriellenfamilie stammte, waren strenggläubige Protestanten, die mit Bibelsprüchen nicht sparsam waren. Nach ihrem frühen Tod geriet André in die Hände alter Damen von herber Moral. Bald kam der empfindliche Knabe in einen schmerzhaften Konflikt zwischen dem Pflichtgefühl, das ihm eingepflanzt war, und seinen Neigungen zu Versen und Büchern.
Diese Spannung hat Gide sein Leben lang nicht verloren. Sie ist bei ihm schöpferisch geworden. Die Zwiespältigkeit, eine moralische Unruhe, ist ihm geblieben. Er hat einmal erklärt: »Unser Mißbehagen in Europa kommt daher, daß Religion und Kultur in entgegengesetzter Richtung an uns ziehen und daß wir in keiner Richtung etwas Reines zu formen vermögen.«
1893 zog der 23jährige hinaus in die Wüste, nach Afrika. Er fand die Entspannung und sich selbst in der Weite, in der Natur, bei jungen Menschen, denen Andrés religiöse und moralische Skrupel weltfern waren. Er streifte alle Bindungen ab und schrieb die »Irdische Nahrung«, in der er in mystischer Inbrunst das Ich und die Lust bejahte.
Nach Paris zurückgekehrt, ergriff ihn wieder Niedergeschlagenheit. Launig und spielerisch malte er diese Stimmung in »Die Sümpfe« (Paludes, 1896). Der junge Schriftsteller war damals, wie überhaupt die ersten vierzig Jahre seines Lebens, in der Oeffentlichkeit fast unbekannt. Um so besser kannte ihn und seine quälerische Fragelust die Pariser Künstlerwelt des fin de siécle.
Ungeheuren Erfolg fand Gide schließlich nach dem ersten Weltkrieg. Die Kühnheit, Wagelust und rückhaltlose Ehrlichkeit machten den 50jährigen zum Abgott der damaligen Nachkriegsgeneration, der jungen Menschen, die gerade die 20 erreicht oder überschritten hatten.
Besonders seine »Verließe des Vatikan«, die er schon 1913 geschrieben hatte, gingen von Hand zu Hand. 1926 erschienen »Die Falschmünzer«, die Gide auf zwei vermischten Nachrichten aus den Pariser Zeitungen aufgebaut hatte: auf den Selbstmord eines Schülers und dem Auftreten einer Falschmünzerbande, die sich aus jungen Leuten angesehener Familien zusammensetzte. Auch in diesem Werk fand sich die damalige Nachkriegsjugend wieder.
Die Bücher André Gides sind Tagebuch-Romane, voll Intimität und leuchtender Intelligenz. Sein Leben lang hat er Tagebuch geführt, und in den Tagebüchern der letzten Jahre, in ihrer Reife und lächelnden Weisheit, zeigt sich, wie ungetrübt und unverloren in Gide das geistige Erbe Europas lebendig ist.
In seinen »Europäischen Betrachtungen« sagt er: »Ganz Europa eilt seinem Ruin entgegen, wenn jedes Land darauf verharrt, nur sein eigenes Heil im Auge zu behalten.«
Bei den wenigen sieht Gide das Heil, bei den einzelnen, den Individualitäten: »Je mehr man sein eigenes Wesen ausprägt, um so mehr dient man dem allgemeinen Interesse. Aber diese Wahrheit muß verstärkt werden durch die folgende: nur durch Selbstentsagung findet man sich.«
Stimme gegen die Barbarei André Gide, Mann des Friedens