Ein echter Kraftmeier - DER SPIEGEL
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Ein echter Kraftmeier

Hart am Leben will der neue Generalsekretär Laurenz Meyer die CDU auf Kurs trimmen.
Von Barbara Schmid und Andrea Stuppe
• aus DER SPIEGEL 44/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Und jetzt ist Laurenz Meyer also berühmt. So berühmt zumindest, dass ihn am vergangenen Dienstag nach seinem Antrittsbesuch in Berlin ein Bahnschaffner im Zug erkannte und sich gleich ein Autogramm aufs Fahrplan-Faltblatt kritzeln ließ.

An solche Nebenwirkungen plötzlicher Prominenz muss sich der designierte neue CDU-Generalsekretär erst noch gewöhnen. »Ist schon ein bisschen komisch, wenn man überall angesprochen wird«, gibt der 52-jährige Volkswirt aus dem westfälischen Hamm zu.

Doch derlei Anflüge von Beklemmung sind eher untypisch für Meyer, dem seine bissig-zupackende Art vergangene Woche unverhofft zu dem Job an der CDU-Spitze verholfen hat. Parteichefin Angela Merkel, die sich nach nur einem halben Jahr von ihrem zögerlichen General Ruprecht Polenz getrennt hatte (siehe Interview Seite 27), hat sich mit dem nordrhein-westfälischen Landespolitiker einen ausgewiesenen Dynamiker ins Führungsteam geholt. »Ein echter Kraftmeier«, urteilen halb spöttisch, halb anerkennend politische Freunde und Feinde in Düsseldorf.

Der Wirtschaftspolitiker Meyer machte sich in Nordrhein-Westfalen vor allem als kämpferischer CDU-Fraktionschef einen Namen. Bei der Aufklärung der Flugaffäre und des Finanzdebakels um die versickerten Landesmillionen im Oberhausener Trickfilmzentrum HDO reizte er Regierungschef Wolfgang Clement mit scharfen Fragen und schonungslosen Reden.

Nach der verlorenen Landtagswahl räumte Meyer für den gescheiterten CDU-Kandidaten Jürgen Rüttgers dann aber seinen Fraktionsposten, zog sich einstweilen in eine Wartestellung zurück: das Amt des Landtagsvizepräsidenten.

Doch immer auf dem Sprung, immer hellwach stand Meyer für Neues bereit: »Laurenz Meyer hat nur ein einziges Mal in Ruhe auf etwas gewartet«, spotten Freunde. Und das, bestätigt Borussia-Dortmund-Fan Meyer, liegt lange zurück: Vor dem Endspiel Deutschland -Ungarn bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 musste der Sechsjährige für seinen Vater in einer Kneipe im Heimatort Salzkotten bei Paderborn einen Platz am Fernsehgerät freihalten - und saß ganze zwei Stunden still.

Selbst langjährigen Weggefährten fällt es schwer, Meyer politisch einzuordnen. Er gilt eher als Rechter, weil er vom Wirtschaftsflügel kommt und den Kurs verficht, dass soziale Wohltaten erst mal durch gute Wirtschaftspolitik verdient werden müssen.

Der Pragmatiker ("Ich habe wenig Spaß an endlosen Theoriediskussionen") ist kein Vordenker. Gerade in gesellschaftspolitischen Fragen, fürchten Parteifreunde, wird er die Union kaum programmatisch voranbringen können.

Schwer wird es für den Berlin-Neuling auf jeden Fall: Er hat keine Hausmacht in der Bundestagsfraktion und kann sich auch nicht auf alle Kantonisten im komplizierten Beziehungsgeflecht des nordrhein-westfälischen CDU-Landesverbandes verlassen. Mit NRW-Parteichef Jürgen Rüttgers verbindet ihn vor allem Konkurrenz: Parteifreunde hatten damit gerechnet, dass zwischen ihnen ein offener Kampf um die Führung ausbrechen würde.

Aber Meyer kann in Berlin auch Trümpfe ausspielen: Er kommt an beim Parteivolk, spricht eine verständliche Sprache und wird sich mit frechen Sprüchen einen Wettstreit mit SPD-General Franz Müntefering liefern. Wenn er das geschickt nutzt, hat Meyer durchaus Chancen, Skeptiker zu widerlegen, die ihn schon jetzt für »Merkels zweite Fehlbesetzung« halten.

In Berlin wird sich manch einer an Meyers flapsig-forschen Stil gewöhnen müssen - und Meyer an die Reaktionen darauf. Der Premieren-Auftritt, bei dem er seinen Vorgänger Polenz wenig schmeichelhaft einen »Missgriff« nannte und sich umgehend entschuldigen musste, ging gleich daneben.

Doch Meyer gibt sich lernfähig. Bei seinen Amtsvorgängern möchte er sich nun Tipps für den neuen Job abholen. Fest vorgenommen hat er sich auch, »nicht abzuheben«, er will »der Kumpeltyp bleiben, der mit Leuten auf dem Schützenfest klarkommt«.

Als schärfste Kritiker sollen ihm bei diesem Selbstversuch seine vier Töchter (23, 21, 18, 12 Jahre alt) zur Seite stehen. Meyer, der seit drei Jahren von seiner Familie getrennt mit seiner Freundin, einer Lehrerin, zusammenlebt, hält weiter engen Kontakt zu ihnen.

Die Älteste gibt ihrem Vater bei einer halben Flasche Raki schon mal Strategietipps für Gespräche mit Parteichefin Merkel ("Papa, diese vier Punkte musst du unbedingt noch klären"). Nach den ersten Fernsehauftritten kamen per Handy Rügen vom Nachwuchs: »Das nächste Mal musst du dich besser rasieren.« BARBARA SCHMID, ANDREA STUPPE

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