NATO / STRATEGIE Ein Eimer Milch
Der General verließ befriedigt das Rednerpult. Seine Zuhörer, Parlamentarier aus den fünfzehn der Nato angehörenden Ländern, applaudierten. Einer der prominenten Herren im Saal hatte es jedoch eilig, an ein Telephon zu kommen: Lyndon B. Johnson, demokratischer Senator aus Texas und neugewählter US-Vizepräsident.
Vor der Nato-Parlamentarierkonferenz in Paris hatte Lauris Norstad, 53, ehemals Kavallerist, später zur Luftwaffe übergewechselter US-General, seit 1956 Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa, soeben einen Sieben-Punkte -Plan aus der Tasche gezogen, der es Johnson geraten erscheinen ließ, sofort telephonisch in Washington anzufragen, ob Amerikas künftiger Präsident John F. Kennedy die Projekte seines künftigen Untergebenen Norstad billige.
Der letzte Punkt des Norstad-Plans, den der General als Arbeitsanweisung an seinen Stab verstanden wissen wollte, lieferte der europäischen Presse - »The Times": »Nato als vierte Atommacht« - am nächsten Tage die Schlagzeilen. Dieser Punkt lautete:
»Besonderes Gewicht sollte darauf gelegt werden, daß die Allianz einen Pool solcher atomarer Waffen erhält, die für die unmittelbare Verteidigung Europas wichtig sind. Alle Nationen der Allianz sollten bei der Kontrolle dieser besonderen Waffen gleichberechtigt zusammenwirken.«
Johnson fand, daß Norstad mit der, Propagierung des europäischen Mitbestimmungsrechts in einer eigenständigen Nato-Atommacht über das ursprüngliche Ziel einer solchen Kampagne - de Gaulles Pläne für eine nationalfranzösische »Force de dissuasion« (Abschrekkungsstreitmacht) zu lähmen - weit hinausgeschossen sei. Kennedy war der gleichen Meinung. Er riet seinem Vize am Telephon, dem Nato-Chef größere Zurückhaltung zu empfehlen, bis in Washington selbst über die künftige atlantische Strategie entschieden worden sei. Das kann jedoch frühestens nach der Amtsübernahme des neuen Präsidenten geschehen.
Angesichts der in Ost und West angehäuften Atomwaffen-Vorräte, die bei Gebrauch beide Seiten mit totalem Desaster bedrohen, hat bei den amerikanischen Kriegstheoretikern allmählich ein strategisches Umdenken begonnen. Den amerikanischen Atomherren kann nämlich nicht daran gelegen sein, den großen Atomkrieg zu wagen und
sowjetische Raketen über Chicago in Kauf zu nehmen, nur weil etwa die Sowjet-Armee ohne nuklearen Feuerzauber eine westdeutsche Randprovinz okkupiert hat.
Die Nato-Doktrin des begrenzten Atomkriegs aber - so lautete die vorläufig letzte Erkenntnis der Militärphilosophen - vermehrt noch die Risiken: Jeder Nato-Versuch, die konventionelle Überlegenheit der Sowjets im Konfliktsfall durch kleinkalibriges Atomfeuer auszugleichen, muß das weltweite Atomduell nach sich ziehen. Dennoch werden die Nato-Kommandeure, sobald ihre Truppe in Gefahr gerät, kaum darauf verzichten, von jenen taktischen Atomwaffen Gebrauch zu machen, die ihnen die Nato-Planer zwecks Führung eines begrenzten Atomkriegs anvertraut haben.
So riskant schon die bloße Existenz von Atomwaffen in den Nato-Divisionen wäre, so hoffnungslos schwach an Zahl und Bewaffnung müßten diese Divisionen der Sowjet-Armee in einem Konflikt gegenüberstehen, der konventionell ausgefochten würde. Griffen die Sowjets mit konventionellen Streitkräften zum Beispiel nach Berlin, bliebe der Nato heute keine andere Wahl, als den Verlust Berlins hinzunehmen oder bis zur chaotischen Endkonsequenz Atomwaffen zu verwenden.
Um aus dieser Alternative herauszukommen, haben die Militärtheoretiker des Westens im verflossenen Jahr jene Reformpläne entworfen, von denen General Norstad Ende November vor den Nato-Parlamentariern sprach.
Folgende Reformen sollen aus der Nato ein praktikables Verteidigungsinstrument machen:
Die Zahl der konventionellen Truppenverbände, mit neuen Waffenmustern ausgestattet, wird über das - bislang nicht erfüllte - mitteleuropäische Nato -Soll von 30 Divisionen hinaus erhöht, so daß sie den 60 bis 80 Sowjet-Divisionen, die binnen vier Wochen gegen Westeuropa aufmarschieren würden, nach alter militärischer Faustregel im Verhältnis von 1 : 2 ohne Atomwaffen standhalten könnten.
Die Atomwaffen, auch künftighin unerläßlich, um das Patt der west-östlichen Atompartie zu erhalten, sollen aus den Divisionen verschwinden und
- durch weitreichende Raketen verstärkt - als integrierte Spezialtruppe ausschließlich dem Kommando des Nato -Oberbefehlshabers in Paris unterstellt sein - geradeso wie die Sowjets ihre Raketenwaffe als selbständigen Wehrmachtteil führen.
Bei der bis heute dem amerikanischen Präsidenten vorbehaltenen, politischen Entscheidung darüber, ob der Nato -Oberbefehlshaber den Einsatz atomarer Waffen anordnen darf, soll den Regierungen der europäischen Nato-Länder ein - bisher nicht näher umrissenes - Mitspracherecht eingeräumt werden.
Die Außenminister, Verteidigungsminister und Finanzminister der Nato, die sich am Freitag dieser Woche in Paris zur üblichen Jahreskonferenz zusammensetzen, werden über diese Projekte schon deshalb nicht entscheiden können, weil Amerikas neuer Präsident und seine Regierung noch nicht amtieren.
Kennedys Militärberater Paul Nitze, dessen Meinung bei der Formulierung der künftigen Nato-Strategie besonderes Gewicht haben wird, hielt allerdings die abgestandene amerikanische Atomdoktrin der »totalen Abschreckung und (notfalls) massiven Vergeltung« schon im Jahre 1954 für unbrauchbar, als Außenminister Dulles sie amtlich verkündete.
Dieses Rezept, mit dem der amerikanische Generalstab nach 1945 - noch im Besitz des Atommonopols - Aggressionen ein für allemal zu verhüten hoffte, hatte schon 1950 in Korea nicht funktioniert. Schon damals
waren die Sowjets dabei, eigene Atomwaffen zu entwickeln. Andererseits zeigte sich, daß ungeachtet der Atombombe Heeresmassen vonnöten sind, um den Krieg zu gewinnen,und das feindliche Heer zu fassen sowie das Territorium des Gegners zu besetzen.
Die Generalstäbler der US-Army zogen daraus den Schluß, das amerikanische Heer müsse verstärkt und bis zu den Bataillonen hinab mit taktischen Atomwaffen ausgestattet werden. Das Pentagon, von State Department und Finanzministerium unter Druck gesetzt, ließ statt dessen atomare Fernkampfmittel bauen, mit denen die Industrie-, Verkehrs- und Wohnzentren der Sowjet -Union zerschlagen werden sollten, falls die Sowjets angriffen.
Erst als die Sowjets für ihre Atomsprengköpfe Raketen bauten, die denen der Amerikaner an Reichweite und Treffsicherheit überlegen waren, erinnerte man sich im Pentagon wieder der Forderungen des Heeres nach taktischen Atomwaffen. Die Propheten des begrenzten Atomkriegs, an ihrer Spitze der deutsch-amerikanische Professor Kissinger (SPIEGEL 14/1958 und 7/1959), predigten ihre Lehrmeinung: Atomfeuer homöopathisch dosiert, so daß der Angreifer just eben festgehalten und zurückgetrieben, der Konflikt lokalisiert und auf der Basis des Status quo ante beigelegt werden kann.
Der Nato-Rat folgte dieser Theorie. Seine Direktive MC 70 verordnete den Nato-Divisionen sogenannte Mehrzweckwaffen, aus denen ebenso Brisanzgeschosse wie die bei den Amerikanern ausgeborgten Atomsprengköpfe abgefeuert werden können. Der Dogmenstreit ging weiter.
Der Brite Liddell Hart, Nestor der Kriegsphilosophen, warnte in seinem neuesten Buche vor den »Gefahren des Knopf-Druck-Krieges« und empfahl, die »abgestufte Abschreckung« so weit zu vervollständigen, daß den Sowjets auch auf der untersten, der konventionellen Stufe keine Chance bleibt.
Liddell Hart fand damit den Beifall eines Kollegen, der drei Jahre zuvor noch den konventionellen Streitkräften keinerlei Wert beigemessen und taktische Atomwaffen als Allheilmittel gepriesen hatte: Professor Kissinger. Der Erfinder des begrenzten Atomkriegs widerrief seine Lehre und bekannte, in Europa sei vor dem Hintergrund der nuklearen Verwüstungsdrohungen beider Seiten ein geographisch und konventionell begrenzter Krieg durchaus vorstellbar.
An diese Linie hält sich auch die Nato-Studie, die der amerikanische Professor Robert Bowie, unter Außenminister Dulles vorübergehend Chef des Planungsstabes, im Auftrage des Außenministers Herter angefertigt hat. Die konventionellen Streitkräfte - so Bowie - müssen kriegsfähig gemacht, die nuklearen von den konventionellen Waffen aber säuberlich getrennt werden, damit in einem nach herkömmlicher Manier geführten Krieg niemand in die Versuchung gerät, eine für das Ganze belanglose Schlappe durch einen atomaren Vergeltungsschlag wettzumachen.
Insoweit stimmen Bowies Empfehlungen mit den Vorstellungen überein, die Kennedys Militär-Berater Nitze über die fällige Nato-Reform hegt. Zweifelhaft bleibt dagegen, ob Kennedy auch jenes Projekt Bowies billigt, nach dem die taktischen und strategischen Atomwaffen, die das europäische Kriegstheater in herkömmlichen Grenzen abdecken, in einer integrierten Streitmacht zusammengefaßt werden sollen, über die Europäer und Amerikaner gemeinsam und gleichberechtigt verfügen können.
Einer der Mitverfasser der Bowie -Studie. Professor Knorr von der Universität Princeton, hatte schon 1957 doziert: »Es ist eine zwingende Notwendigkeit, daß Westeuropa seine eigene nukleare Abschreckungsmacht besitzt. Ein nukleares Waffensystem, das Rußland selbst mit furchtbarer Repressalie bedrohen kann, würde weitgehend einen sowjetischen Zweifel an dem unbeschränkten amerikanischen Einsatz für Westeuropas Verteidigung kompensieren.«
Und: »Übrigens bedeutet der Vorschlag, Westeuropa mit eigenen nuklearen Abschreckungsmitteln zu versehen; nicht, daß die Nato überflüssig würde. Ob amerikanische Bodentruppen und Luftverbände in Westeuropa bleiben sollten, könnte nach Realisierung der vorgeschlagenen Maßnahmen strittig sein.«
Bowies Bericht läßt nicht erkennen, ob die Amerikaner aus Europa abrükken wollen. Er gibt freilich auch keinerlei Aufschluß darüber, wie sie gemeinsam mit den europäischen Bundesgenossen die politische Verfügungsgewalt über die Nato-Atomstreitmacht ausüben könnten, ohne ihre Vormachtstellung zu verlieren. Die USA könnten sich, so argumentieren alliierte Militärs, allenfalls einem Mehrheitsbeschluß der Europäer gegen die Verwendung nuklearer Nato-Waffen beugen, keinesfalls aber das eigene Vetorecht preisgeben.
Inzwischen bereitet das Pentagon eine eigene Studie vor, um darzulegen, daß jeder Konflikt in Europa unausweichlich in den Atomkrieg münden müsse und daß die taktischen Atomwaffen deshalb bei den Nato-Divisionen bleiben sollten. Nato-Generalsekretär Spaak und Nato-Oberbefehlshaber Norstad teilen diese Meinung.
Von Kennedy telephonisch ermuntert und von den US-Senatoren Fulbright und Kefauver unterstützt, wußte Amerikas künftiger Vizepräsident Johnson den atomaren Elan des Nato-Oberbefehlshabers wirksam zu bremsen: In der Entschließung der Nato-Parlamentarier wurde die aus der Norstad-Rede übernommene Atommacht-These durch eine harmlosere Formulierung ersetzt.
Vor den Parlamentariern der West -Europäischen Union (WEU) schlug Norstad zehn Tage später - aus Washington nachdrücklich ermahnt - sanftere Töne an und zog sich auf einen Verlegenheitsplan aus dem Vorjahr zurück: auf die atomar armierte »Nato-Feuerwehr«. Ursprünglich sollte dieses taktische Monstrum, für das nur amerikanische, britische und französische Kontingente vorgesehen waren, Frankreich zum Atomklub-Mitglied ohne Stimme erheben. Nun aber sollen laut Norstad auch geringere Nato-Brüder Aufnahme finden.
Ein WEU-Parlamentarier wünschte Aufklärung, ob diese »Feuerwehr« nur mit taktischen oder auch mit strategischen Atomwaffen - wie den von Professor Bowie für die europäische Atommacht eingeplanten »Polaris-Raketen« - ausgestattet werden sollte. Norstad bedauerte, er könne nicht definieren, was taktisch und was strategisch sei.
Schließlich gab der Nato-Chef eine Begriffsbestimmung zum besten, die dem Plan-Wirrwarr der atlantischen Strategen eine versöhnliche Note verlieh: »Wenn ein Eimer Milch umgestoßen wird, das ist taktisch; wenn aber die Kuh erschossen wird, dann ist es strategisch.«
* B. H. Liddell Hart: »Abschreckung oder Abwehr«. Rheinische Verlagsanstalt-GmbH, Wiesbaden; 1960; 296 Seiten, 16,80 Mark.
»Weiter hinten fragen, wer war das?«
Bowie
Nato-Chef Norstad
Was ist Strategie?