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Trinkwasser Ein einziges Molekül

Bonn mißachtet die seit letzten Sonntag geltenden EG-Grenzwerte für Trinkwasser. Bundesweit formiert sich Protest gegen die westdeutsche Wasserpolitik.
• aus DER SPIEGEL 40/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hans-Henning Stabel, 46, hatte sich auf einen geruhsamen Fernsehabend eingestellt. Doch noch bevor »Derrick« seinen Mord aufgeklärt hatte, klingelte das Telefon - ein Notruf aus Nufringen.

Stabel, Chemiker bei der Bodensee-Wasserversorgung (BWV) in Sipplingen, eilte in sein Büro, packte ein »Notlabor« mit diversen Plastikflaschen und Meßgeräten zusammen und fuhr in die über 150 Kilometer entfernte Gemeinde Nufringen bei Böblingen, die einen Teil ihres Wassers aus dem Bodensee bezieht.

Am Ziel herrschte, wie Stabel berichtet, »helle Aufregung«. Hochgiftiges Phenol war ins Trinkwasser geraten, ein Kanal mit Industrieabwässern hatte die gesamte Wasserversorgung der 4000-Einwohner-Gemeinde verseucht. Stabel ließ die örtlichen Brunnen abstellen und noch in der Nacht das ganze Netz mit sauberem Bodensee-Wasser durchspülen.

Hilferufe aus baden-württembergischen Gemeinden erreichen die Wasserlieferanten vom Bodensee häufig, wenngleich nicht immer in so spektakulärer Weise wie an jenem Freitag im November letzten Jahres.

Manchmal ist, wie in Nufringen, das Trinkwasser mit Industriegiften verseucht, häufiger mit Bakterien, meist aber mit Nitrat und Pestiziden aus der Landwirtschaft. Die BWV, mit mehr als 1500 Leitungskilometern der größte Fernwasserversorger der Bundesrepublik, hilft immer gern. Mittlerweile beliefert die BWV 3,5 Millionen Menschen mit bis zu 670 Millionen Litern Wasser pro Tag. Und alljährlich kommen etwa 20 Kilometer neue Leitungen dazu.

Doch neuerdings sträuben sich Bürger dagegen, mit Fernwasser beglückt zu werden. In Wertheim im Main-Tauber-Kreis soll ein Bürgerbegehren den Anschluß an den 270 Kilometer entfernten Bodensee verhindern. Im fränkischen Städtchen Margetshöchheim haben sich bayerische Fernwassergegner - über 100 Gemeinden, Initiativen und Ratsfraktionen - zu einer »Interessengemeinschaft zur Erhaltung der kommunalen Trinkwasserversorgung in Bayern« vereinigt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unterstützt die Opponenten.

Die Anti-Fernwasser-Bewegung will eine Entwicklung stoppen, die sich bundesweit seit Jahren nahezu ungebremst fortsetzt: Mit Fernleitungen, wie sie anfangs zur Versorgung wasserarmer Gebiete gelegt wurden, wird Wasser aus - noch - einigermaßen sauberen Gebieten zunehmend in stark belastete Regionen gepumpt.

Mehr als 3000 Kilometer, schätzt Wieland Kramer, 32, vom Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft, umfaßt mittlerweile das Fernleitungsnetz in der Bundesrepublik. Hamburg saugt Wasser aus der Lüneburger Heide ab, Frankfurt bedient sich aus dem 60 Kilometer entfernten Vogelsberg, die Münchner holen sich einen Teil ihres Trinkwassers über eine 65-Kilometer-Pipeline aus dem Loisachtal. In Nordbayern hängen Nürnberg, Bamberg und Würzburg an einer, nach Kramers Schätzung, 500 Kilometer langen Röhre.

Etwa ebensolang sind die Leitungen der Harzwasserversorgung, in denen das Naß bis nach Bremen fließt. Bremens früherer Wasserlieferant, die Weser, ist mittlerweile »salziger als das Meer« (Kramer) - aufgrund der DDR-Kali-Abwässer, die in den Oberlauf des Weser-Zuflusses Werra fließen.

In Rheinland-Pfalz mußten in den letzten Jahren 100, in Baden-Württemberg seit 1980 über 250 Brunnen wegen überhöhter Nitratwerte stillgelegt werden. Nach einem Bericht des Stuttgarter Statistischen Landesamtes liegen 24 Prozent aller örtlichen Wassergewinnungsanlagen über dem Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter, weitere 46 Prozent zwischen 40 und 50 Milligramm. In Bayern ermittelten Wasserprüfer im vorigen Jahr in 432 Anlagen überhöhte Nitratwerte.

Auch die neuen, seit letzten Sonntag gültigen EG-Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel im Trinkwasser - pro Liter 0,1 Millionstel Gramm eines einzelnen Gifts und 0,5 Millionstel Gramm insgesamt - werden in Hunderten von Wasserversorgungsanlagen überschritten.

Die Bonner Gesundheitsministerin Ursula Lehr (CDU) räumt ein, daß »schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der 6300 Wasserversorgungsunternehmen in der Bundesrepublik« die Grenzwerte nicht einhalten können. Die Bundesregierung findet das aber offenbar nicht weiter schlimm. Die derzeit meßbaren Pestizidmengen seien, obwohl jenseits der Grenzwerte, »weder für Mensch noch für Tier als gesundheitsgefährdend anzusehen«.

Unabhängige Fachleute widersprechen dieser Darstellung. Für Pestizide, sagt BUND-Umweltexperte Ingolf Spickschen, könnten keine ungefährlichen Grenzwerte angegeben werden. Schon die Aufnahme eines einzigen Moleküls steigere die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung.

Dennoch läßt sich Bonn reichlich Zeit, die Trinkwasserqualität dem EG-Niveau anzupassen. Schon 1980 hatte der Rat der Europäischen Gemeinschaft eine Richtlinie »über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch« erlassen, mit der Maßgabe an die Mitgliedsländer, spätestens von 1985 an die neuen Grenzwerte einzuhalten.

In die westdeutsche Trinkwasserverordnung wurden die EG-Standards jedoch erst 1986 aufgenommen, mit einer zusätzlichen Schonfrist von drei Jahren. Doch auch der Oktober-Termin ist nicht unbedingt bindend. Das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin hat in eine neue Verordnung vom Juni wieder einige Ausnahmeregelungen eingebaut und damit die EG-Vorschriften weiter durchlöchert.

Weil die Grenzwerte, so der BGA-Experte Hermann Dieter, bei »den meisten Substanzen weit weg von der Schadensgrenze« liegen, hat die Behörde zahlreiche EG-Werte neu interpretiert. Verschiedene Werte dürfen weiterhin in unterschiedlicher Höhe überschritten werden.

Bundesdeutsche Wasserwerker können somit auch künftig Wasser verteilen, dessen Belastung bis zum Hundertfachen über dem Europa-Grenzwert liegt. Wegen ihres lockeren Umgangs mit EG-Normen droht der Bundesregierung nun eine Anklage vor dem Europäischen Gerichtshof.

Vorsorglich wollen viele Wasserversorger das verseuchte Wasser mit reinerem verdünnen; sie suchen deshalb den Anschluß an eine Fernwasserleitung. Doch die Bewohner der Liefer-Regionen protestieren seit langem gegen die Trockenlegung ihrer Heimat.

Neuerdings wehren sich nun auch die scheinbaren Nutznießer der Fernversorgung. Im fränkischen Wertheim bildete sich eine schwarz-grüne Koalition, die bereits einen Erfolg erzielen konnte: 5100 Wertheimer, mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten, unterschrieben ein Bürgerbegehren gegen den Anschluß an die Fernversorgung; Motto: »Verbessern statt verwässern«.

Die Opponenten glauben, daß mit einem Anschluß an den Bodensee jegliche Motivation zur Sanierung der eigenen nitratverseuchten Brunnen schwindet. »Die knallharte Notwendigkeit entfällt«, warnt Peter Etthöfer von der Interessengemeinschaft zur Erhaltung der kommunalen Trinkwasserversorgung. Etthöfer fordert Taten, »bevor die letzten Quellen verludern«. Eine Sanierungszusage der Landesregierung solle nur beruhigen, befürchtet auch der Wertheimer CDU-Stadtrat Wolfgang Ritter, das sei »Valium für Stadträte«.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weinzierl nannte die staatlich erlaubte Mischung von stark belastetem Ortswasser mit reinerem Fernwasser eine »Verdünnungslüge«. Wenn nichts zur Sanierung unternommen werde, werde auch das verdünnte Wasser immer giftiger - zumal mittlerweile selbst im Fernwasser, etwa in Franken, Pestizide und Nitratwerte von mehr als 50 Milligramm pro Liter festgestellt wurden.

Die Kritiker fürchten ferner, sich durch den Anschluß an lange Fernleitungen möglichen Anschlägen von Terroristen schutzlos auszuliefern; auch Giftunfälle seien bei zentraler Versorgung weit folgenschwerer als bei kleinen lokalen Wasserförderungseinheiten. Fernwassergegner Ritter: »Strategisch gesehen gibt es nichts Törichteres als eine zentrale Wasserversorgung.«

Gerhard Naber, 60, der Chef der Bodensee-Wasserversorgung, sieht das natürlich anders. Seine Bodensee-Pipelines seien »sehr viel sicherer als jede örtliche Anlage«. Dank der enormen Wassermenge des Bodensees - 50 Milliarden Kubikmeter - seien größte Anstrengungen nötig, um die Entnahmestelle in 60 Metern Tiefe zu vergiften: »Da müßte einer schon einen ganzen Waggon voll Zyankali reinkippen.« Die zumeist unterirdischen Leitungen seien über weite Strecken doppelt angelegt. Selbst wenn einer eine Röhre sprenge, sei der Schaden innerhalb eines Tages wieder repariert.

Und vom Reinheitsgrad her, schwärmt Naber, sei das Bodensee-Wasser ein »Idealwasser": »Weder zu hart noch zu weich«, enthalte es alle »essentiellen Mineralien« und lediglich »Spuren« von Schadstoffen.

Dennoch ist der Bodensee alles andere als eine Öko-Oase inmitten einer verdreckten Welt: In den siebziger Jahren drohte der See schon biologisch umzukippen. Nur durch eine gemeinsame Aktion der Anrainer-Staaten - unter maßgeblicher Beteiligung der Wasserwerke - konnte der von Landwirtschafts- und Industrieabwässern verursachte Kollaps verhindert werden.

Noch heute fahren täglich 200 »Giftbomber« (BUND) mit Gefahrgut auf der Uferstraße an der Entnahmestelle vorbei. Insgesamt fließen über die Straßen in der Umgebung über 800 Tonnen Giftstoffe jährlich in den See. Und auch die Landwirtschaft in der Umgebung produziert nach wie vor Schadstoffe. Auch im Bodensee-Rohwasser wurden bereits Pestizide gefunden.

Die Gemüseinsel Reichenau im Untersee mußte vor einigen Jahren ihre Brunnen schließen. Die Bauern hatten durch üppige Düngergaben ihr eigenes Wasser vergiftet. Jetzt beziehen sie das Naß aus Konstanz.

Die Sipplinger Bodensee-Wasserversorgung muß denn auch schon mal Nachbarschaftshilfe leisten: Vor wenigen Wochen stellte das Gesundheitsamt in einem Brunnen fäkale Verunreinigungen fest, die bei Trinkwasserkonsumenten Erbrechen und Durchfall hervorrufen können.

Wasserchemiker Stabel mußte wieder anrücken und eine Notversorgung legen lassen, diesmal über eine Kurzstrecke - von der Entnahmestelle zur Gemeinde Sipplingen.

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