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KOREA Ein Fehler

Nordkorea schoß einen US-Hubschrauber ab, und Südkorea verteilte in Washington riesige Bestechungssummen -- dennoch will Carter die US-Bodentruppen aus Südkorea abziehen.
• aus DER SPIEGEL 30/1977
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Schlimme Nachricht traf ein, als USPräsident Carter und sein Gast. Bundeskanzler Schmidt, in unpolitischer Idylle auf dem Südrasen des Wei-Ben Hauses Liedern aus dem Musical »Carousel« lauschten.

»Verstörten Gesichts«, wie Beobachter der Soiree bemerkten, kam -- am Mittwochabend vergangener Woche

Carters Sicherheitsberater Brzezinski zu seinem Chef geeilt und flüsterte ihm eindringlich ins Ohr.

Doch während Verteidigungsminister Brown und Außenminister Vance -beide ebenfalls alarmiert -- sofort ins Weiße Haus hasteten, blieb der Präsident gelassen, fand nach dem Verklingen seiner Lieblingsweisen gar noch Zeit für ein ausführliches Privatgespräch mit Schmidt. Erst gegen Mitternacht traf Carter zur Beratung bei seinen Mitarbeitern ein -- nicht mehr über Europa, sondern über Fernost.

Nordkoreas Staatssender »Radio Pjöngjang« hatte lakonisch gemeldet, um 9.55 Uhr habe »die koreanische Volksarmee« einen amerikanischen Hubschrauber abgeschossen: »Er war widerrechtlich weit in unseren Luftraum vorgedrungen.«

Zwei Mitglieder der Helikopter-Crew wären beim Absturz ums Leben gekommen; ein Soldat bei anschließendem Schußwechsel getötet, der vierte der Besatzung von nordkoreanischen Truppen gefangengenommen worden.

Eine neue Krise um Korea zeichnete sich ab, dem einzigen Schlachtfeld, auf dem sich die Weltmächte USA und China je militärisch begegnet waren. In Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, forderte ein Berater des Diktators Park Chung Hee spontan, die Vereinigten Staaten müßten »diese Provokation Nordkoreas mit entsprechender Härte« beantworten. Im Nachbarland Japan kam Kriegsangst auf.

Doch gleich nach der mitternachtlichen Krisenberatung in Washington machte Präsident Carter deutlich, daß ihm nicht daran gelegen ist, den »Zwischenfall« zu dramatisieren -- im Gegensatz zum August vorigen Jahres, als die Ermordung zweier amerikanischer Offiziere durch Nordkoreaner im »Waffenstillstandsdorf« Panmunjon Carters Vorgänger Ford zu einer eindrucksvollen militärischen Machtdemonstration veranlaßte: Alarmbereitschaft für Boden- und Luftstreitkräfte, Verlegung der 7. Flotte in koreanische Gewässer.

Jetzt dagegen ließ Carter die Nordkoreaner wissen: »Wir wollen vor allem vermeiden, daß der Zwischenfall zu einer Konfrontation wird.«

Und: »Es war ein Fehler der Hubschrauberbesatzung, über die entmilitarisierte Zone zu fliegen.«

Und nach dieser indirekten Entschuldigung seines Präsidenten mußte auch Generalstabschef Brown feststellen, die Nordkoreaner hätten nur getan, »was sie in solchen Fällen immer getan haben«.

Es ist diese »Erst schießen, dann fragen«-Mentalität der Nordkoreaner« die das vier Kilometer breite Puffergebiet zwischen den verfeindeten Koreas seit dem Ende des Koreakrieges 1953 zu einem Krisenstreifen erster Güte macht. Bei etwa zweitausend bewaffneten Zusammenstößen entlang dem 38. Breitengrad starben bisher über 450 Südkoreaner und rund 50 Amerikaner.

Der jüngste Zwischenfall aber kann selbst Nordkoreas Führung kaum gelegen gekommen sein. Zwar fiel er propagandawirksam in den »Anti-Amerika-Monat«, die Pjöngjang jährlich zur Erinnerung an den Koreakrieg feiert.

Aber seit kurzem bemüht sich Nordkorea intensiv um eine Verbesserung seiner Nicht-Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Noch am Vorabend des Hubschrauber-Abschusses erklärte Pjöngjangs exotischer Diktator Kim Il-sung im japanischen Fernsehen, er werde in Washington »immer wieder anklopfen«.

Anklopfen wozu? 42 000 US-Soldaten sind noch heute in der Nähe Seouls stationiert, annähernd 1000 taktische Atomwaffen in Bergbunkern gelagert. Schrille »Yankee go home«-Ausbrüche des Diktators Kim konnten Washington nicht zum Abzug bewegen.

Doch Jimmy Carter will -- konsequente Fortsetzung der Asien-Politik seines Vor-Vorgängers Nixon -- den Puffer abbauen, fast alle Korea-Truppen nach Hause holen.

Im Februar wurde es offiziell: Nicht dem direkt betroffenen Südkorea-Präsidenten Park, sondern dem japanischen Premier Fukuda eröffnete Carters Vize Mondale den Beschluß der USA, in vier bis fünf Jahren die amerikanischen Bodentruppen, 33 000 Mann, aus Südkorea abzuziehen.

Südkoreas Park hatte dem Carter-Plan halbherzig zugestimmt -- gegen die ausdrückliche Zusicherung allerdings nur, von Washington zur Aufrüstung der eigenen Truppen etwa 1,5 Milliarden Dollar zu erhalten.

Am liebsten wäre ihm freilich, die GIs blieben auf unbegrenzte Zeit und die Finanzhilfe flüsse, gleichfalls auf unbegrenzte Zeit.

Um für seine unbescheidenen Forderungen im US-Kongreß ein günstiges Klima zu schaffen, hat Park durch seinen Geheimdienst KCIA weder Mühen noch Mittel gescheut.

Langsam erst entfaltet sich vor einem Untersuchungsausschuß des US-Repräsentantenhauses das wahrhaft gigantische Ausmaß der dubiosen PR-Aktion: Von 1970 bis 1975 hat allein der Washingtoner Geschäftsmann und KCIA-Agent Tongsun Park schätzungsweise sechs Millionen Dollar in den politischen Stimmenkauf investiert.

Wie viele Abgeordnete und Senatoren sich durch Geldgeschenke, Freiflüge nach Südkorea oder willige koreanische Mädchen, die Tongsun Park zu vermitteln wußte, in ihrer Meinung über Parks Diktatur haben günstig beeinflussen lassen, ist noch nicht geklärt.

In der vorletzten Woche, vor dem Hubschrauber-Zwischenfall, war die Ausschuß-Zählung bei 115 angelangt. Selbst so prominente Politiker wie der ehemalige Sprecher des Abgeordnetenhauses, Carl Albert, sein Amtsnachfolger Thomas »Tip« O'Neill oder der frühere Innenminister und Präsidentschaftskandidat Udall standen auf der Liste der koreanischen Verführer.

Vergleichsweise niedrig ist der Betrag, 500 Dollar, den der Abgeordnete Melvin Price als Spende aus Korea empfing. Nur: Price ist Vorsitzender des Streitkräfteausschusses, der auch über Carters Truppenabzugs-Pläne zu befinden hat.

Die Millionen-Investition könnte sich für Südkorea aber noch als Bumerang erweisen:

»Jetzt wagt doch niemand mehr, im Kongreß seine Hand für Südkorea zu heben«, weiß ein Kongreßabgeordneter, »aus Angst, man könnte ihn auch für gekauft halten.«

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