Ein Gottesgeschenk in Alaska - DER SPIEGEL
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Ein Gottesgeschenk in Alaska

SPIEGEL-Redakteur Heinz P. Lohfeldt über Reagans Begegnung mit dem Papst *
• aus DER SPIEGEL 19/1984
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Beim allfälligen Boden-Kuß des Heiligen Vaters hätte eine Gefahr gewiß nicht bestanden: daß seine Lippen festgefroren wären am eiskalten Grund in Alaska.

Immerhin war es fast zwei Grad warm am vorigen Mittwoch in Fairbanks, und an den Tagen zuvor hatten die jungen Männer der Stadt sogar schon mit freiem Oberkörper in der Sonne gelegen: 16 Grad Celsius - es war die erste Hitzewelle des Jahres.

Doch auf seiner 21. Auslandsreise als Papst ging Johannes Paul II. gar nicht erst in die Knie. Schließlich war er, 1979 und 1981, bereits in den USA und auch in Alaska gewesen. Geküßt wird immer nur beim erstenmal.

Im übrigen wäre ihm für das telegene Ritual auch kaum Zeit geblieben. Denn gleich unten an der Gangway der päpstlichen Charter-DC-10 »Luigi Pirandello« stand bereits, mit ausgebreiteten Armen, der andere prominente Weltreisende auf Zwischenlandung: Amerikas Wahlkampf-Präsident Ronald Reagan. Er sah in der nördlichen Begegnung mit dem Papst, wie ein sarkastischer TV-Kommentator anmerkte, den »krönenden Abschluß seiner China-Reise«, ein bestelltes Gottesgeschenk.

Die Idee zu diesem publikumswirksamen »Gipfel auf dem Dach der Welt« (Fairbanks-Fernsehen) war Ronald Reagan sofort gekommen, als er im März erfuhr, daß der Papst wieder einmal auf Reisen gehen, wieder einmal über den Pol (nach Südkorea) fliegen und wieder einmal in Alaska zwischenlanden wolle. Er werde zur selben Zeit aus China zurückkehren, ließ Reagan im Vatikan mitteilen, da wäre es doch angezeigt, sich knapp 200 Kilometer unterhalb des Polarkreises die Hände zu schütteln. Der Papst, auch er kein Laie auf dem Gebiet von Marketing und Public Relations, konnte da nicht nein sagen.

So aufgeregt war der Protestant Ronald Reagan, daß er seinen katholischen Wahlhelfer schon zu feiern begann, noch bevor die Begrüßungshymnen angestimmt waren. Mitten im ersten Satz mußte er innehalten, sich noch einmal sechs Minuten gedulden, während eine Kapelle schmetterte, ehe er endlich, zum dritten Mal nach seiner eigenen Landung in Alaska am Tag zuvor, wiederholen konnte, was er fühlte: »Wir sind gerade von einer Friedensmission zurückgekehrt ... Das amerikanische Volk möchte als Streitmacht für den Frieden in der Welt und für den Fortschritt menschlicher Freiheit und Würde wirken.«

Die Chinesen hatten solche Selbsthuldigungen ebenso aus Reagans Reden herausgeschnitten (oder einfach nicht übersetzt) wie seine Angriffe auf einen ungenannten, aber keineswegs unbekannten bösen Dritten an Chinas Grenze.

Auf seinem eigenen Territorium, vor allem im hohen Norden, an Amerikas einziger Grenze zur Sowjet-Union, konnte dem Präsidenten Derartiges kaum widerfahren. Dort jubeln die Menschen, in deren unwirtliche Einöden sich vor Ronald Reagan erst fünf US-Präsidenten verirrt hatten, wenn ihnen von höchster Stelle nur deutlich genug gesagt wird, wieviel besser sie doch sind als die da auf der anderen Seite der Beringstraße.

Und wer konnte bei solcher moralischen Aufrüstung, die an die Adresse aller Amerikaner landesweit vom Fernsehen ausgestrahlt wurde, bessere Hilfe leisten als der Hüter der Weltmoral aus dem Vatikan?

Da kümmerte es Reagan kaum, daß der Papst auch ihm seit langem ins Gewissen redet, dem Wettrüsten ein Ende zu bereiten. Im Gegenteil, der amerikanische Präsident war während eines Vatikan-Besuches im Juni 1982 kurzfristig eingenickt: im Angesicht des besorgten Polen.

Amerikas katholische Bischöfe aber hatten nachgesetzt und voriges Jahr in einem 152 Seiten langen Hirtenbrief ein Einfrieren der Atomrüstung verlangt. Nur wenige Tage vor Reagans Abreise nach China hatten sie die Forderung bei einem Mittagessen im Weißen Haus wiederholt und zugleich die ungerechte Sozialpolitik des Präsidenten kritisiert.

Doch Reagan hatte mit einer wohlkalkulierten Geste dagegengehalten: Trotz des Widerstandes seiner rechten Freunde und Vorbeter nahm er die seit 1867 - den Tagen der Katholiken-Diskriminierung in den USA - unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zum Vatikan wieder auf.

Erster Botschafter am Heiligen Stuhl wurde der Reagan-Freund und Grundstückshändler William Wilson, der den Präsidenten besonders heftig zu dieser Entscheidung gedrängt hatte: Er wollte nicht nur Beauftragter der USA sein und

bei offiziellen Anlässen am Katzentisch sitzen müssen.

Vor allem aber konnten Reagan und seine Wahlstrategen darauf bauen, daß der Papst angesichts von Fernsehkameras ebenso professionell reagiert wie er selbst.

1979 bereits hatte ihm die »Washington Post« ungewöhnliche Talente als Schauspieler bescheinigt und, gar nicht einmal bösartig, befunden: »Johannes Paul ist der erste Papst, der die Möglichkeiten des Fernsehzeitalters ausnutzt.« 1981 sahen sich die Amerikaner bestätigt: In Anchorage setzte sich der Heilige Vater aus Rom zum Gaudi der geschmeichelten Massen in einen Hundeschlitten.

Inzwischen hat er seine Auftritte sogar noch verfeinert - als seien seine Redenschreiber beim Schauspiel-Profi Ronald Reagan in die Lehre gegangen:

Wie Reagan gelegentlich das Schicksal kleiner Kinder bemüht, um seine Lebensweisheiten herzergreifend-einfach zu vermitteln, so hatte diesmal der Papst die traurige Erinnerung an eine kleine Mollie Marie parat. Bei seinem ersten Besuch »eures schönen Staates, ihr Menschen von Alaska«, habe Mollie ihm einen Strauß Vergißmeinnicht, »eure Wappenblume«, überreicht. Doch kurz danach sei sie »von ihrem himmlischen Vater heimgerufen worden«.

Aber ihr Tod, das ließ der begnadete Petri-Nachfolger die bewegte Menge wissen, war nicht umsonst. Durch Mollie Marie fühle sich Johannes Paul stets an Alaska erinnert: »Und heute bin ich persönlich hier, um euch zu versichern, daß ich euch nicht vergessen habe. Sogar wenn ich meilenweit entfernt bin, sind die Menschen von Alaska und die Menschen überall in den Vereinigten Staaten meinem Herzen ganz nahe.«

Applaus. Besser hätte auch Ronald Reagan das nicht machen können. Doch der Papst legt noch zu, zeigt, daß er weiß, wovon er redet, schmeichelt, so als wolle er in Alaska, in USA gewählt werden: »In mancherlei Hinsicht kann Alaska heute als Drehscheibe der Welt angesehen werden ... Fairbanks gilt als 'das Herz des goldenen Nordens'.«

Und zum Schluß: »Gott segne Amerika.«

Der Zweck des nach örtlicher Meinung »historischen Gipfels« war damit eigentlich schon erfüllt, denn Ronald Reagans eigene, auch schon nach China mitgereiste Kamera-Crew hatte die nötigen Bilder im Kasten. Doch die beiden zogen sich schnell noch für gut 25 Minuten zum nicht-öffentlichen Gespräch zurück.

In einem für diesen Zweck hergerichteten Konferenzraum im »Fairbanks International Airport« - Leihsofas, ein Konferenztisch, der inzwischen für 6500 Dollar feilgeboten wird, zwölf Ledersessel, die nun, geheiligt, zwischen 1400 und 1600 Dollar kosten sollen - redeten die beiden angeblich über beinahe alles, was die Welt bewegt: Reagans Reise nach China, des Papstes Reise nach Südkorea, Rüstungskontrolle, Ost-West-Beziehungen, regionale und humanitäre Fragen.

Tatsächlich aber war höchstens Zeit für einige Gruppenbilder ohne Dame - Nancy Reagan hatte bei der Begegnung mit ein paar körperbehinderten Alaskanern, denen sie ein Autogramm aufs T-Shirt malte, einen Schwächeanfall erlitten - und den »Austausch von Artigkeiten«, wie der Kirchenhistoriker Monsignore John Tracy Ellis von der Katholischen Universität in Washington erklärte: »Dies ist nicht als großer Gipfel geplant.«

Die Menschen von Fairbanks hatten es wohl auch eher als eine unterhaltsame Veranstaltung angesehen. Zwar versuchten die Stadtväter ebenso wie das päpstliche Organisationskomitee mit elf Unterausschüssen und einem Aufwand von etwa einer Viertelmillion Dollar, der Begegnung die nötige Würde und Bedeutung zu verleihen; Straßen und Vorgärten, die der Flughafen-Papst nie zu sehen bekam, wurden vom Dreck der Tau-Zeit gesäubert; sämtliche Zufahrtsstraßen zur Stätte der Begegnung wurden gesperrt, 130 requirierte Busse übernahmen ab vier Uhr morgens (Papst-Ankunft: 9.44 Uhr) gegen eine Anerkennungsgebühr von einem Dollar den Transport all derer, die weder Fußmarsch noch Radtour auf sich nehmen wollten.

Doch statt der anvisierten 45 000 kamen - es nieselte sehr - gerade 8000, ausgestattet mit Luftballons, Spruchbändern, Thermosflaschen und Butterbrotpaketen: Die Preise in den 13 Verkaufsständen waren der Größe Alaskas angepaßt. Ein Pappbecher Kaffee kostete einen Dollar, ein polnisches Würstchen ebenfalls, ein Sandwich war für drei Dollar zu haben, eine silberne Gedenkmünze an das große Ereignis für 30. Von den 2700 schimmernden Talern wurden in den ersten drei Stunden gerade 13 verkauft.

Da bleiben Zweifel, ob es gelingt, den in 30 mal 30 Zentimeter zerschnittenen 36 Meter langen Teppich für den Papst so günstig zu versteigern, daß die Herstellungskosten von rund 15 000 Dollar wieder hereinkommen. Es war eben schon immer etwas teurer, einen besonderen Papst zu haben.

Für seinen Weiterflug wählte dieser ganz besondere Papst dieselbe Route, von der am 1. September vorigen Jahres der KAL-Jumbo KE 007 abgewichen und von den Russen abgeschossen worden war. In Südkorea betete Johannes Paul II. für die 269 Opfer.

Heinz P. Lohfeldt
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