»EIN GROSSES LOCH IN EINEN WEISSEN SCHIESSEN«
Während Hunderttausende trauernd am Sarg Senator Kennedys in der St. Patrick's Kathedrale vorbeizogen, schien die Firma »Kaufmann Surplus and Arms«, acht Häuserblocks von der Wohnung des Ermordeten entfernt, überdurchschnittliche Geschäfte zu machen. Diese Beobachtung stützt sich auf frühere Besuche, die ich in der Waffenhandlung abgestattet hatte -- angeblich auf der Suche nach Waffen und Munition für eine Privatarmee.
»Kaufmann Surplus and Arms« ist ein typischer New Yorker Waffen-Laden, der mit Einheimischen und Fremden lukrativen Handel treibt. Neben ihrer Niederlassung im Stadtzentrum unterhält diese Waffenhandlung am unteren Broadway, nicht weit vom Finanzviertel, noch ein weiteres Geschäft mit einem Lagerhaus. Beide liegen auf dem Weg der Berufstätigen, die täglich zwischen New Jersey und New York hin und her pendeln. Wochentags kurz nach 17.00 Uhr wird der Andrang der Kunden merklich stärker.
Kaufmann verkauft alles, von Hakenkreuz-Armbinden bis zu angeblich echten Vietcong-Messern und Kanonen aus dem Ersten Weltkrieg. Zwei von ihnen flankieren die Eingangstür des Ladens im Zentrum der Stadt.
Für potentielle Kunden bietet das Geschäft einen 80-Seiten-Katalog mit dem Titel »Combat« (Kampf) und einer dramatisch aufgemachten Titelseite mit einem Soldaten im Tarnanzug an, der ein Gewehr mit Bajonett schwingt, Der Katalog kostet 50 Cent (zwei Mark). Neben Gewehren, Munition, Messern, Bajonetten und Degen offeriert er ein besonderes Zielfernrohr.
Laut Katalog kann man damit »Feindbewegungen im Dunkeln beobachten, ohne entdeckt zu werden« und »in dunkler Nacht eine Person oder einen Gegenstand auf eine Entfernung von 115 Meter vor freiem Hintergrund erkennen«. Der Preis dieses Zielfernrohrs beträgt 295 Dollar (1180 Mark), den Preis für ein Gewehr nicht einbegriffen.
Für 1,50 Dollar (sechs Mark) bietet die Firma Kaufmann eine andere Broschüre an, die den Titel trägt: »Wie man militärische Waffen von Halbautomatik auf Vollautomatik umbaut.«
Ich stand mit 15 anderen Männern, neun Negern und sechs Weißen, in dem Laden. Ein korpulenter, unrasierter Verkäufer mittleren Alters in einem Sporthemd, das er wohl schon vier Tage trug, schritt hinter drei Glasvitrinen auf und ab. Sie enthielten Munition, Messer, Bajonette und Degen. Hinter ihm an der Wand hingen über 100 Gewehre zum Preise von 19,95 Dollar (etwa 79,80 Mark) bis 240 Dollar (960 Mark).
Ich lehnte mich über den Tresen und fragte nach einem neuen M-1-Karabiner. Der Verkäufer nahm die Waffe aus der angelhakenähnlichen Metallhalterung, legte sie mir in die Hände und bemerkte: »Es ist ein großartiges Gewehr mit einem 30-Schuß-Magazin.«
Während ich mir die Waffe ansah, zupfte mich ein Weißer am Ärmel und fragte: »Was kostet das?« Ich antwortete: »109 Dollar« (436 Mark). »Das ist viel Geld«, sagte er, »aber ich brauche in diesem Sommer bestimmt so etwas bei mir zu Hause. Meine Frau ist nervlich völlig am Ende und versetzt die Kinder in Angst.«
Der Verkäufer unterbrach ihn: »Mac, wenn du ein solches Gewehr haben möchtest, zahlst du besser etwas an, denn ich habe nur noch zwei, und ich kann keine neue Ware beschaffen, weil die Fabrik nicht schnell genug produziert.«
Einer der beiden Neger mittleren Alters, die neben mir standen, zeigte auf ein neues M-16-Gewehr, das die amerikanischen Streitkräfte In Vietnam benutzen. Er sagte: »Damit könnte man bestimmt ein großes Loch In einen Weißen schießen.« »Oh ja«, antwortete der andere, »aber nicht für 240 Dollar.« Daraufhin entgegnete der erste: »Wenn ich damit auf ein Dach steige, bleibt kein Polizist in Newark übrig.«
Ich tat so, als wollte ich eine Privatarmee bewaffnen. Als Ich dem Verkäufer erklärte, daß ich eine größere Menge Gewehre zu Großhandelspreisen einkaufen wolle, verwies er mich In den vorderen Teil des Ladens und sagte: »Sprechen Sie mit Harry Finklestein, er ist der Manager.«
Während Ich mit Finklestein über den Kauf von 300 Karabinern verhandelte, wurde unser Gespräch Immer wieder von einer Stimme aus einer Sprechanlage im Hintergrund übertönt: »Munition kommt »rauf.«
Sofort ging ein gut gekleideter Weißer an die Registrierkasse und bekam einen Bon über 18,95 Dollar (75,80 Mark) und 100 Schuß Munition.
Sekunden später ertönte die Stimme erneut. Ein Neger schritt an den Tresen und verließ den Laden mit Munition im Werte von 56,40 Dollar (225,60 Mark). Er ging zu seinem Wagen und verstaute die Munition unter einer Decke im Kofferraum.
Inzwischen erklärte Herr Finklestein: »Sie gehen am besten in das Lagerhaus am Broadway und sprechen mit Frau Korn. Sie Ist dafür zuständig.«
Auf meine Frage, ob ich bei Ihm denn Schießpulver bekommen könne, antwortete er: »Wir haben es nicht vorrätig. Es ist zu riskant. Man muß vorsichtig sein; die Polizei und das FBI, alle kommen und stellen Fragen. Man kann nicht mehr auf anständige Weise seinen Lebensunterhalt verdienen.«
Frau Dorothy Korn, eine ergraute Dame Ende 40 in einem hellblauen Kittel, sprach mit einer für Frauen hervorragenden Kenntnis über Gewehre, schwere Waffen und Munition.
Als ich sie bat, mir 300 Karabiner zum Großhandelspreis zu beschaffen, antwortete sie: »Warum sollte ich sie Ihnen mit Rabatt verkaufen? Wenn ich morgen 300 Karabiner einkaufe, habe ich sie am nächsten Tag restlos abgesetzt. So viele Leute habe ich schon vornotiert.«
Dann fügte sie hinzu: »Sehen Sie, Sie dürfen nicht im Mai hierher kommen und erwarten, daß Sie bei uns noch etwas bekommen. Die guten Sachen sind bereits seit Monaten verkauft. Es wird ein langer heißer Sommer.«
Wie andere Waffenhändler zeigte sie weder Überraschung noch Besorgnis, als ich ihr erklärte, die Waffen und die 300 000 Schuß Munition seien für eine Privatarmee bestimmt.
Sie klopfte vielmehr weiter mit dem Bleistift rhythmisch auf ihren Schreibtisch und sagte: »Ich kann Ihnen Einzelstücke verkaufen, aber ich glaube nicht, daß ich Ihnen so viele Gewehre beschaffen kann; die Fabriken sind nicht in der Lage, der Nachfrage gerecht zu werden.«
Auf meine Frage nach schweren Waffen entgegnete sie: »Es ist ziemlich schwierig, an Bazookas heranzukommen, seitdem die Vereinten Nationen beschossen wurden. Und mit Maschinengewehren muß man vorsichtig sein. Im Norden jedoch, etwa eine Stunde Fahrt von hier, gibt es einen Händler in der Provinz, der vielleicht etwas vorrätig hat. Ich kann Ihnen lediglich einen Granatwerfer über 100 Dollar anbieten.«
Als ich nach Granaten fragte, antwortete sie: »Ich habe gehört, daß manche Leute Übungsgranaten nehmen, sie ausbohren und neu füllen. Sogar die Beschaffung von Munition wird problematisch. Die Nachfrage war sehr groß. Wir haben nur noch französische Munition vorrätig, die viele Leute nicht mögen. Wenn dieser Vorrat erschöpft ist, gibt es in der Stadt keine Munition mehr; die meisten Geschäfte rind bereits ausverkauft.«
Ich bestellte zunächst eine Sendung mit einem Granatwerfer, einem Karabiner, Granatwerfer-Granaten und auffüllbaren Handgranaten, Ich bestellte dieses Arsenal für meinen Neffen James D. Kelly. Niemand fragte, wie alt James wohl sei.
Er ist anderthalb Jahre alt. Die Sendung erreichte ihn per Post 36 Stunden nach Bestellung.