Ein Hammer - DER SPIEGEL
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GEHEIMDIENSTE Ein Hammer

Eine neue Zeitschrift hat sich zum Ziel gesetzt, Aktionen und Namen von Agenten zu veröffentlichen. Die Bundesregierung ist besorgt. *
• aus DER SPIEGEL 13/1985
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Martina, 22, war in der Szene des Hamburger Karolinenviertels schnell ein Begriff. Die Soziologie-Studentin engagierte sich in einer Bürgerinitiative für den Volkszählungsboykott, sie half bei der Organisation eines »Frauenwiderstandscamps« der Friedensbewegung, sie reiste zu Aktionen gegen Munitionstransporte nach Oldenburg, Nordenham und Bremerhaven.

Im Ökoladen beschriftete sie Plakate für »politische Häftlinge«. Bei einer Blockade des Atomwaffenlagers Kellinghusen in Schleswig-Holstein stieß sie einen Polizisten in den Graben - zur Verblüffung der übrigen Demonstranten, die totale Gewaltfreiheit beschlossen hatten. Ihren politischen Freunden sagte sie: »Ich bin total unzufrieden mit den Aktionen der Friedensbewegung, ich will mehr machen.«

Daß ihre Bude mit teuren Möbeln ausstaffiert war, erklärte sie Freunden so: »Die gehören dem Hauptmieter, ich darf nur seine Wohnung erst mal benutzen.« Und ihre feinen Klamotten habe sie sich »zusammengeklaut«.

Eineinhalb Jahre lang, von September 1982 bis Februar 1984, lebte Martina im Karo-Viertel. Dann wurden, bei einer Diskussion, Anhängerinnen einer »anti-imperialistischen Frauengruppe« stutzig.

Sie trieben die Studentin in die Enge, bis sie zugab: »Ich bin eine BKA-Agentin.« Schon lange arbeite sie für das Wiesbadener Bundeskriminalamt, das Studium sei nur Tarnung gewesen. Am nächsten Tag verließ sie die Hansestadt.

Derlei verdeckte Aktionen von Polizei oder Geheimdiensten sollen künftig nicht mehr geheim bleiben. Eine neue Zeitschrift, die Nullnummer ist schon gedruckt, will die Agenten enttarnen. Titel, natürlich: »Geheim«.

Das Blatt wird nicht nur, so kündigt das Editorial an, »Bespitzelungspraktiken, Polizeiwillkür und den stetigen Abbau demokratischer Rechte aufdecken«, sondern auch »Tips zur Selbsthilfe« geben, etwa gegen Wanzen im Wohnzimmer und Lauscher am Telephon.

Initiatoren sind Michael Opperskalski und Günter Neuberger, beide freie Journalisten in Köln und Autoren der Bücher »CIA im Iran«, »CIA in Westeuropa« und »CIA in Mittelamerika« (Lamuv-Verlag). Ihnen geht es vor allem um »die Enttarnung von CIA-Agenten und die Anti-CIA-Arbeit insgesamt«.

Das Konzept haben sie im Ausland abgekupfert. Seit Jahren erscheinen in den USA die Blätter »The National Reporter« und »Covert Action«. Sie haben so erfolgreich über CIA-Interna berichtet, daß 1982 das »Naming Names«, das Veröffentlichen von Namen getarnt arbeitender Geheimagenten, per Gesetz unter Strafe gestellt wurde.

In Großbritannien nimmt das Magazin »Lobster« die Geheimdienste unter die Lupe, in Frankreich das Blatt »Parapolitics«, in Nicaragua die Zeitschrift »Soberania«. »Geheim« soll im Juni starten: mit einer Auflage von »ein paar tausend« (Opperskalski) und zu einem Preis zwischen vier und fünf Mark.

Die Nullnummer zeigt, welche Art von Öffentlichkeit da hergestellt werden soll. Am Beispiel Hamburgs schildern die Autoren, wie bundesdeutsche Polizeibehörden oder Geheimdienste die amerikanischen und britischen Freunde mit Erkenntnissen beliefern - über Gewerkschaftsveranstaltungen, Hausbesetzungen und Schüler-Demos.

Der südkoreanische Jumbo, Flug KAL 007, sei 1983 nicht wegen eines Irrflugs von den Sowjets abgeschossen worden. Das Flugzeug habe sich vielmehr, so das Blatt, auf einer »Spionagemission« befunden. Schließlich werden die Namen von 16 Bediensteten in US-Botschaften genannt, die angeblich Agenten des CIA sind.

Die Namen von Ost-Agenten wollen die »Geheim«-Leute dagegen nicht veröffentlichen. »Das geschieht doch auch so schon dauernd«, meint Opperskalski, »das machen bereits das ZDF-Magazin und die Springer-Presse.«

Mitarbeit bei ihrem Enthüllungsfeldzug versprechen sich die Blattmacher von Initiativen wie etwa »Bürger beobachten die Polizei« oder von »kritischen Journalisten, die so was in den Blättern, wo sie arbeiten, nicht veröffentlichen dürfen«. Opperskalski ist optimistisch: »Das Ding wird ein Hammer.«

Das fürchtet die Bundesregierung offenbar auch. Nach einer Anfrage des CDU-Abgeordneten Franz Heinrich Krey im Bundestag erkundigte sich der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Carl-Dieter Spranger, beim Verfassungsschutz. Seine Erkenntnis: »Die verantwortlichen Redakteure des Magazins sind bereits in der Vergangenheit als Mitarbeiter kommunistisch orientierter Publikationen bekanntgeworden.« Deshalb könne, so Spranger, »durchaus erwartet werden, daß das neue Magazin auch gezielte Falschinformationen betreiben wird«.

Notfalls will das Innenministerium den »Geheim«-Journalisten die Arbeit verbieten - per Gesetzesänderung. Spranger: »Sollte es sich erweisen, daß die bestehenden Strafvorschriften nicht dazu ausreichen, die Enttarnung von Mitarbeitern unserer Sicherheitsbehörden zu unterbinden, wird die Bundesregierung nicht zögern, das notwendige gesetzliche Instrumentarium zu schaffen.«

Opperskalski ist davor nicht bange: »Wenn das hier verboten wird, machen wir einfach im Ausland weiter.«

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