»Ein hundertprozentiger Fehler«
SPIEGEL: Von einem Ihrer Vorgänger, Abba Eban, stammt die Erkenntnis: Die Palästinenser verpassen keine Gelegenheit, eine Gelegenheit zu verpassen. Nach dem Tod von 16 unbeteiligten Palästinensern, die beim Angriff auf einen Hamas-Führer in Gaza-Stadt starben, sieht es so aus, als habe diesmal Israel die Chance für eine Entspannung verspielt.
Peres: Ich bin sehr unglücklich über das, was da passiert ist. Der Hamas-Führer Salah Schahada hatte bereits 200 Menschen auf dem Gewissen, wir mussten ihn stoppen. Aber ich bedauere zutiefst, dass Zivilisten dabei starben, vor allem die Kinder. Das ist eine Tragödie. Die Operation ist den Planern entglitten.
SPIEGEL: Aber Sie müssen doch vor einem Einsatz zumindest sicherstellen, dass Sie bei Ihrem Angriff keine Unschuldigen treffen.
Peres: Ja, es war eine Fehlkalkulation, ein hundertprozentiger Fehler. Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass wir die falsche Waffe eingesetzt haben. Die Bombe hat mehr Schaden verursacht als Nutzen.
SPIEGEL: Warum kam der Angriff ausgerechnet, als sowohl die Fatah-Milizen wie
auch Hamas offenbar zu einem Waffenstillstand bereit waren?
Peres: Es hat in der Tat Gespräche über einen Waffenstillstand gegeben. Aber sie hatten - nach meinem Wissen - kein eindeutiges Ergebnis. Hamas etwa verfügt über zwei Führungsebenen, eine örtliche und eine in Damaskus, die extremer ist.
SPIEGEL: Zumindest die Führer in der Region waren wohl zur Waffenruhe bereit. Nun schwören sie wieder blutige Rache.
Peres: Wir wissen nicht genau, wie ernst es ihnen war. Aber lassen Sie uns weitersehen. Die Palästinenser selbst leiden doch am meisten unter dem Terror. Eben weil sie zu blutigen Anschlägen griffen, haben sie weltweit ihre Glaubwürdigkeit verloren.
SPIEGEL: Derzeit geht es aber um Israels Glaubwürdigkeit.
Peres: In anderen Konflikten passieren doch auch Fehler - denken Sie nur an das Kosovo oder Afghanistan. Doch der größte Fehler ist der Krieg selbst.
SPIEGEL: Tut Israel derzeit wirklich alles, um diesen Krieg zu beenden, oder entfacht Ihre Regierung den Konflikt durch solche Angriffe wieder von neuem?
Peres: Wie stoppen Sie einen Krieg, wenn Sie die Krieger nicht stoppen können? Wir haben die Palästinenser wiederholt gebeten, Schahada zu verhaften, aber sie haben sich geweigert. Es gibt nur einen Weg zum Frieden: Sicherheit und Verantwortlichkeit müssen wiederhergestellt werden.
SPIEGEL: Hatten Sie nicht gerade darüber mit den neuen palästinensischen Ministern verhandelt, bevor die Bombe explodierte?
Peres: Ja, und die Gespräche müssen auch weitergehen. Es waren sehr positive Treffen.
SPIEGEL: Sie haben also bei den Palästinensern ernsthaften Willen zu Reformen erkennen können?
Peres: Die gute Absicht ist da. Ob sie ihre Pläne umsetzen können, müssen wir abwarten. Der neue Innenminister hat beispielsweise einen Sicherheitsplan vorgelegt. Der neue Finanzminister hat mir versprochen, er wolle viel verändern.
SPIEGEL: Aber solange Sie den Palästinensern keine Bewegungsfreiheit geben, können auch die Minister nicht viel tun.
Peres: Glauben Sie mir, wir möchten die besetzten Gebiete nur allzu gern wieder verlassen. Doch wir fürchten, dass in dem Moment, in dem wir gehen und niemand die Lücke füllt, die Terroristen wieder zurückkehren. Wir waren schließlich schon das Ziel von 120 Selbstmordattentätern. Insgesamt starben mehr als 500 Menschen. Wo immer es geht, werden wir die Abriegelungen und Ausgangssperren wieder aufheben. In einem ersten Schritt soll das Leben in Jericho, Betlehem und Hebron wieder zur Normalität zurückkehren.
SPIEGEL: Von Normalität ist die Lage in Palästina weit entfernt. US-Botschafter Dan Kurtzer spricht von einer »humanitären Katastrophe« in den besetzten Gebieten.
Peres: Es stimmt, wir müssen die Lage der palästinensischen Bevölkerung verbessern, wir arbeiten bereits daran. Wir müssen den Leuten Arbeit verschaffen und werden deshalb wieder Arbeiter nach Israel lassen. Industriezonen sollen wieder geöffnet, der Handel belebt werden. Wir werden auch die eingefrorenen Steuergelder der Palästinenser überweisen und ihre Stromschulden bezahlen.
SPIEGEL: Sind auch Sie der Meinung, dass Ihr alter Gesprächspartner Jassir Arafat abgelöst werden muss?
Peres: Arafat hat seine Glaubwürdigkeit weltweit verloren. Seine Worte haben keine Verbindlichkeit mehr. Ich habe schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen und spüre auch kein Bedürfnis danach.
SPIEGEL: Bedauern Sie, mit ihm den Friedensnobelpreis zu teilen?
Peres: Als er ihn bekam, war das berechtigt. Er war ein Palästinenser, der den Terror aufgeben wollte. Er war bereit, Israel anzuerkennen und in Verhandlungen einzusteigen. Erst danach begannen seine Fehler.
SPIEGEL: Ein Mitglied des Nobelkomitees, die norwegische Politikerin Hanna Kvanmo, soll bedauert haben, dass Ihnen der Preis verliehen wurde, sogar von Aberkennung war die Rede.
Peres: Das stimmt so nicht. Ich habe einen Brief aus Oslo bekommen, in dem das klargestellt wurde.
SPIEGEL: Viele Israelis fragen sich, wo denn der alte, auf Frieden bedachte Peres geblieben ist. Sie ernten von der Linken heftige Kritik dafür, dass Sie so unbeirrbar an der Koalition mit Ariel Scharon festhalten und allenfalls den Schaden reparieren, den er anrichtet.
Peres: Es ist doch auch eine wichtige Aufgabe, Dinge zu reparieren. Den größten Schaden allerdings hat Arafat verursacht durch seine Weigerung, auf das Angebot von Camp David einzugehen.
SPIEGEL: Ihre Kabinettskollegin Dalia Rabin-Pelossof ist aus Protest zurückgetreten. Sie sagt, sie könne die Politik Scharons nicht mehr mittragen, sonst verrate sie das Erbe ihres Vaters. Wann kommt für Sie der Punkt, an dem Sie aussteigen?
Peres: Ich setze keine Grenzen, ich will sie überwinden. Solange ich das Gefühl habe, ich kann etwas verändern und für Ausgleich sorgen, bleibe ich. Ich höre erst auf, wenn ich erkenne, dass nichts mehr möglich ist. An meinen derzeitigen Gesprächen sehen Sie, dass es doch Fortschritte gibt.
SPIEGEL: Auch andere prominente Parteifreunde wie Parlamentspräsident Awraham Burg fordern, die Koalition zu verlassen. Schaden Sie nicht Ihrer Partei?
Peres: Wir sind in einer sehr schwierigen Lage. Aber ich kenne das schon: Als ich 1977 die Parteiführung übernahm, war ich vollkommen allein. Ich fand noch nicht mal einen Sprecher und musste irgendeinen kleinen Journalisten nehmen. Das war Jossi Beilin, der spätere Oslo-Unterhändler. Innerhalb von vier Jahren kletterten wir dann von 32 auf 47 Sitze.
SPIEGEL: Jetzt wendet sich sogar Beilin von Ihnen ab und will eine eigene Partei gründen.
Peres: Ja, wir sind an einem Tiefpunkt, aber das gibt es bei Parteien immer wieder.
SPIEGEL: Umfragen zeigen, dass von der gegenwärtigen Situation nur die Likud-Partei von Scharon profitiert.
Peres: Gegenfrage: Was sollte ich denn in der Opposition machen?
SPIEGEL: Etwa dem Wähler zeigen, dass es eine Alternative gibt.
Peres: Ich glaube, das tun wir in der Regierung. Jeder in Israel weiß, wofür ich stehe.
SPIEGEL: Ein früherer Assistent von Ihnen wirft Ihnen sogar vor, Sie seien nur noch »Partner in einer verbrecherischen Regierung«.
Peres: Ich kann meine Position doch nicht danach ausrichten, ob mich andere kritisieren. Ich suche nicht ständig Beifall. Die meiste Zeit in meinem Leben wurde ich kritisiert.
SPIEGEL: Hat es denn nicht schon Momente gegeben, in denen Sie Ihr Rücktrittsschreiben formuliert haben?
Peres: Das bestreite ich ja gar nicht, manchmal ist es eben sehr schwierig. Aber ich übe mein Amt nicht zum Vergnügen, sondern aus Verpflichtung aus. Persönlich verstehe ich mich mit Scharon gut, inhaltlich gibt es große Differenzen. Aber ich denke an den Mann, der eines Tages zu Voltaire kam und klagte, das Leben sei so schwierig. Voltaire antwortete: Verglichen mit was?
SPIEGEL: Früher pflegten Sie Napoleon zu zitieren, der sagte, er kämpfe lieber gegen eine Koalition als mit einer.
Peres: Stimmt. Aber ich kann nicht ein Jahr warten, bis wir womöglich wieder die Regierung führen. Es geht darum, jetzt zu handeln.
SPIEGEL: US-Präsident Bush glaubt, dass ein Palästinenserstaat in drei Jahren erreichbar ist. Halten Sie das für realistisch?
Peres: Bush stützt sich auf den Plan, den ich mit dem palästinensischen Parlamentspräsidenten Ahmed Kurei ausgearbeitet habe. Danach würden wir zunächst einen provisorischen Staat anerkennen und dessen Grenzen sowie andere Grundsatzfragen in Verhandlungen innerhalb eines Jahres lösen. Die Bush-Rede hat jedoch allenfalls ein Licht am Ende des Tunnels gezeigt.
SPIEGEL: Eine Umfrage der Friedensbewegung legt nahe, dass die Mehrheit der Siedler bereit wäre, nach Israel zurückzukehren, wenn sie Entschädigung für ihre Häuser bekämen. Warum fangen Sie nicht damit an, ein paar Siedlungen aufzulösen?
Peres: Der anhaltende Terror verhindert solche Lösungen. Sobald wir auf der anderen Seite wieder Partner haben, fangen wir an. Sicherheit ist der Schlüssel.
SPIEGEL: Nicht nur Palästinenser, auch viele Israelis zweifeln daran, dass Scharon ein Partner für den Frieden sein kann.
Peres: Auch ich habe meine Zweifel. Aber was mache ich damit? Soll ich sie sammeln? Scharon kann auch nicht alles tun, was er will. Wir stecken in einer Krise, und schon denken die Leute, das ist das Ende der Welt. Die Welt hört nicht auf, Krisen wohl.
SPIEGEL: Sie sind offenbar wirklich der letzte Optimist in Israel.
Peres: Ist doch gut, dass es zumindest einen gibt. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Anstatt die Dunkelheit zu verfluchen, solltest du lieber eine Kerze anzünden.
SPIEGEL: Herr Außenminister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteurin Annette Großbongardt.