NORDKOREA »Ein hungerndes Kind kennt keine Politik«
SPIEGEL: Seit Pjöngjang zugegeben hat, sein Nuklearprogramm heimlich weitergeführt zu haben, liefern die USA kein kostenloses Heizöl mehr. Andere Länder wie Japan haben ihre Lebensmittelhilfe gekürzt. Wie gravierend sind die Folgen für die 22-Millionen-Bevölkerung?
Zellweger: Es besteht die Gefahr, dass Nordkorea wieder auf den Stand der Hungerjahre von 1995 bis 1997 zurückgeworfen wird. Obendrein wird es ohne Energieimporte noch mehr Stromausfälle und Transportengpässe geben, auch für Hilfsgüter. So werden wegen der Kälte noch mehr Menschen erkranken.
SPIEGEL: Auch die Uno verschifft weniger Lebensmittel als früher.
Zellweger: Sie hat schon seit November die Nahrungsmittellieferungen an über drei Millionen Kinder, Schwangere und Kranke einstellen müssen, weil es aus den Geberländern nichts mehr zu verteilen gibt. Jetzt drohen weitere 1,5 Millionen Menschen nicht mehr versorgt zu werden. Die staatlichen Essensrationen reichen kaum noch zum Überleben aus. Bei meinem letzten Besuch im Oktober sah ich, wie alte Menschen abgeerntete Felder nach Körnern absuchten.
SPIEGEL: Wie betroffen ist die Caritas?
Zellweger: Wir haben ebenfalls große Probleme, Spenden zu bekommen. Wir brauchen dringend Reis für Kinder in Kindertagesstätten und Waisenhäusern. Im Gesundheitswesen ist die Lage dramatisch. Den Hospitälern und Polikliniken fehlt es an Medikamenten und Instrumenten. Sogar Pflaster fehlt.
SPIEGEL: Nordkorea hat die Preise für Lebensmittel freigegeben, gleichzeitig die Löhne erhöht. Hat diese erste marktwirtschaftliche Reform geholfen?
Zellweger: Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist noch zu früh, endgültig darüber zu urteilen. Immerhin haben so die Nordkoreaner zum ersten Mal mehr Entscheidungsfreiheit, wie sie ihren Lohn ausgeben. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt, die Eigenverantwortung steigt.
SPIEGEL: Doch ohne die Abkehr von der Planwirtschaft bleibt das Land am Tropf internationaler Zuwendungen hängen.
Zellweger: Ein hungerndes Kind kennt keine Politik. Wir versuchen, Politik und humanitäre Hilfe zu trennen. Das Eingeständnis der Nordkoreaner, ein Nuklearprogramm zu entwickeln, hilft uns natürlich nicht, Spenden aufzutreiben. Aber unschuldige Menschen deswegen zu bestrafen, ist nicht die richtige Antwort.