SIERRA LEONE Ein Knirps als Scharfrichter
Sara Sahrkumba* war knapp sechs Jahre alt, als seine Mutter ihn in einen der überfüllten Minitransporter setzte, die zwischen den Marktflecken Sierra Leones verkehren. Er war das sechste von zehn Kindern und ihr Lieblingssohn. Doch nun schickte sie ihn fort, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Er sollte den Großeltern im Diamantengürtel von Kono beim Schürfen nach Edelsteinen helfen.
Eingeklemmt zwischen schwitzenden Leibern und staubigen Kassawasäcken, erhaschte Sara einen letzten flüchtigen Blick auf die Mutter, bevor sich der Laster in Bewegung setzte. Klein und gedrungen wirkte ihre Gestalt am Straßenrand; aufmunternd ihr Lächeln. Keiner der beiden ahnte, dass sie einander nicht wieder sehen würden. Doch Saras Kindheit nahm ein abruptes Ende: Aufständische besetzten die Diamantenminen von Kono, und ein Trupp bewaffneter Männer entführte den Jungen in den Busch.
Drei Buchstaben prangen auf Saras Brust, als er nach sechs Jahren abgemagert und fiebrig bei Port Loko, hunderte Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, wieder auftaucht: »R U F«. Die Insignien stehen für »Revolutionäre Vereinigte Front«, eine barbarische Rebellenbewegung, die acht Jahre lang die eigene Bevölkerung terrorisierte, bevor sie im vergangenen Juli einen brüchigen Frieden mit der Regierung in Freetown schloss.
Tausende Kinder und Jugendliche haben die Freischärler im Verlauf des Bürgerkriegs in ihre Gewalt gebracht. Sie haben sie zu Lastenträgern, Informanten und Killern abgerichtet. Und damit sie nicht entkommen konnten, schnitzten sie ihnen ihr Logo gut sichtbar in die Haut.
Sara kam dabei noch glimpflich davon. Die Markierung wurde mit einer Rasierklinge eingeschnitten; sie ist gut vernarbt. Anderen dagegen ritzten Kameraden das Schandmal mit stumpfen Messern oder Metallspitzen in die Brust. Danach streuten sie heiße Asche in die blutende Wunde. Mit zwölf Jahren hat Sara durchlebt, was Gleichaltrige im Westen allenfalls aus »Rambo«-Filmen kennen: Er hat gebrandschatzt und geplündert, Feldzüge angeführt und selbst Kinder entführt. Er exekutierte vermeintliche Kollaborateure und Verräter. Denn sein Kommandeur, der landesweit gefürchtete »Colonel Superman«, hatte ihn zu seinem Scharfrichter ernannt.
Nichts wünscht sich Sara heute mehr zurück als die verlorene Unschuld. Er ringe darum, wieder »der Mann« zu sein, der er einst war, sagt er, im Busch altklug geworden. Doch selbst wenn es gelingen sollte, das Kainsmal auf seiner Brust abzuschleifen, wird der Junge zeitlebens von diesem Krieg gezeichnet sein.
Der Krieg hat das kleine Land an der Westküste Afrikas derart ausgeblutet, dass es heute als eines der ärmsten der Erde gilt: 100 000 Menschen starben, 500 000 flohen ins Ausland, an die 10 000 Bauern sind Invaliden; Kinder wie Sara hackten ihnen mit Äxten und Macheten Hände, Arme, Ohren ab. Grund für die Gräuel war die weltweite Gier nach Sierra Leones lupenreinen Diamanten. Und so wurde der einzige Reichtum des Landes zu seinem Fluch.
Als Sara Mitte 1994 nach Kono aufbrach, hielten die Rebellen längst weite Teile der edelsteinreichen Gebiete im Osten des Landes besetzt. Der Zustand der Regierungsarmee war desolat. Denn in den mehr als 30 Jahren, in denen die ehemalige britische Kolonie für befreite Sklaven unabhängig war, hatten ihre Machthaber sich vor allem selbst bereichert. Nicht nur die Exporterlöse für Diamanten flossen auf private Konten ranghoher Militärs und Bürokraten, selbst die für die Landesverteidigung veranschlagten Gelder kamen nie bei der Truppe an. Das Heer wurde weder bezahlt noch aufgerüstet.
Auch der Putsch junger, frustrierter Offiziere im April 1992 hatte das Blatt nicht mehr wenden können. Trotz massiver Rekrutierung neuer Soldaten schnitten die Rebellen den Statthaltern in Freetown deren einzige noch verbliebene Lebensader ab.
Ihr Führer, ein in Libyen zum »Revolutionär« ausgebildeter Fotograf namens Foday Sankoh, nahm all das für sich in Anspruch, was der Staatsführung fehlte zu ihrem Machterhalt: eine straff geführte Truppe, Untergebene, die ihn wie eine Kultfigur verehrten oder bis zur Selbstaufgabe fürchteten, und unerschöpfliche Geldmittel aus dem Schmuggel von Diamanten. Selbst das moralische Recht zum Widerstand proklamierte er für sich. Die Politiker, so ließ er verlauten, hätten sich als »unfähig, unverantwortlich und korrupt« erwiesen. Doch während er sich als der Rächer der Entrechteten aufspielte, plünderten seine Truppen jeden Flecken Land, den sie besetzten.
In den acht Jahren ihres Feldzugs gegen »kriminelle Politiker und militärische Abenteurer« gruben Sankohs Buschkämpfer ganze Straßenzüge und Felder in den Ostprovinzen des Landes um. Über 30 Millionen Karat Diamanten wurden zwischen 1994 und 1998 über Liberia und die Elfenbeinküste ins belgische Antwerpen geschmuggelt. Für den Erlös kaufte Sankoh Waffen aus ehemaligen Sowjetbeständen. Hätten die jungen Putschisten nicht eine südafrikanische Söldnerfirma zu Hilfe gerufen, das Land wäre bereits vor sechs Jahren in totale Anarchie versunken.
Als Sankohs Guerrilla im Oktober 1994 das Dorf attackierte, in dem Sara mit den Großeltern lebte, stand der Junge bis zu den Knien in Sumpfgras. Er hatte gerade eine Fuhre Geröllmassen zum Fluss geschleppt, um das edelsteinhaltige Gestein herauszuwaschen, da sah er sie: etwa zwei dutzend uniformierte Männer, die Schnellfeuerwaffen im Anschlag. Lautlos wie Raubkatzen hatten sie sich angeschlichen. Jeder Fluchtversuch war aussichtslos. Das Gras war messerscharf und zu hoch für seine kleinen Beine, um davonzulaufen.
»Du kannst dich hier zur Ruhe legen«, meinte einer der Rebellen und machte ein unmissverständliches Handkantenzeichen in der Höhe seines Adamsapfels, »oder du kannst mitkommen.« Sara, der fürchtete, sie könnten auch noch die im Busch kauernden Großeltern entdecken, fügte sich. Die Milizen hatten bereits das halbe Dorf in ihre Gewalt gebracht. Die Bauern waren gezwungen, ihr eigenes, von den Rebellen beschlagnahmtes Hab und Gut davonzuschleppen. Wer jammerte oder unter der Last zusammenbrach, dem wurde die Kehle durchschnitten oder der Bauch aufgeschlitzt. Sara brauchte nicht lange, um zu begreifen: Nur wer von Nutzen war, hatte überhaupt eine Überlebenschance.
Acht Tage dauerte der Gewaltmarsch nach Kailahun, dem Hauptquartier der Rebellen an der Grenze zu Liberia. Nicht eine Nacht wurde Halt gemacht. Dank der Schlagkraft der südafrikanischen Söldnertruppe mussten die Aufständischen in der folgenden Zeit wichtige Diamantenminen räumen. Umso dringlicher wurde die mi-
litärische Ausbildung neuen Kanonenfutters für den Gegenschlag.
Fünf Monate ist Sara durch die Hölle gegangen. Der Knirps musste sich unter scharfem Beschuss unter Stacheldraht hindurchrobben, über Gräben voller Glasscherben springen, Lasten tragen, die schwerer waren als er selbst, und ein Schnellfeuergewehr bedienen, das ihm bis zum Bauchnabel reichte. Von mehr als hundert Kindern, die so zu Soldaten abgerichtet wurden, überlebten knapp zwei Drittel das Training. Sara war einer der besten Neuzugänge. Am Ende konnte er die 30 Schuss seiner italienischen Beretta binnen weniger Sekunden abfeuern, ohne sich auch nur einmal die Finger am Abzug zu verbrennen. Er war ein guter Schütze. Deshalb machte ihn Superman, der Kommandeur, schließlich zum Vollstrecker seiner Willkür.
Das erste Mal weinte Sara noch, als der Mann, den man ihn hinzurichten zwang, blutüberströmt zusammenbrach. »Ich wusste, dass ich Schreckliches getan hatte«, sagt er. Aber die kalte Gewehrmündung an seiner Schläfe war Furcht erregender als die Angst davor abzudrücken. »Du oder er«, brüllte Superman ihn an. Sara schoss, dreimal in die Lenden, wie man ihm befohlen hatte, und einmal in den Kopf - weil er den Anblick qualvollen Sterbens nicht ertragen konnte. In den Reihen der Rebellen galt er fortan als gestandener Mann. »Kill man, no blood«, nannten sie den kleinen Killer, der kein Blut sehen mochte, von jenem Tag an.
Ähnliche Bewährungsproben hatten die meisten der entführten Kinder zu bestehen. Nicht selten nötigten die Kommandeure ihre jugendlichen Geiseln gar, den eigenen Bruder umzubringen, andere mussten Nachbarn verstümmeln. Wer nicht parierte, starb. Wer gehorchte, würde nie mehr in sein Dorf zurückkehren können. So waren die Kinder ihren Befehlshabern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Sara überlebte, weil er lernte, ebenso unerbittlich gegen sich selbst wie gegen andere zu sein. Mit der Zeit sei ihm das Töten immer leichter gefallen, sagt er. Mit roboterhafter Beflissenheit führte er Befehle aus, die er weder guthieß noch verstand. Er zündete Dörflern die Strohdächer über den Köpfen an, gab Feuerschutz, während andere wie im Blutrausch Hände und Ohren abhackten; er bohrte Schnappschlösser durch die Lippen vermeintlicher Verräter, um ihnen für immer den Mund zu versiegeln, und er plünderte, was sein Herz begehrte: Transistorradios und Kassettenrecorder für die wilden Partys nach geschlagener Schlacht, Schuhe, Fernseher und seine Uniform. Die hatte einem erwachsenen Regierungssoldaten gehört, der bei einem Feuergefecht umgekommen war. Sara musste sie im Bund und an den Fesseln mit Kordel festschnüren, damit sie ihm nicht von den schmalen Hüften rutschte.
Seine Waffe verlieh ihm Allmachtsgefühle. Er war gefürchtet und geachtet. Denn je mehr einer tötete, desto größer war sein Ansehen.
Sara wurde schließlich einer jener »small boys units« zugeteilt, die weitgehend auf sich selbst gestellt Dörfer räumten und Jagd auf frische Rekruten machten. Seine Einheit war fast ständig auf den Beinen. Erst machten die südafrikanischen Söldner ihnen die Gebietsgewinne streitig. Später hielten nigerianische Eingreiftruppen sie im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft in Schach.
Unterdessen herrschten in Freetown von Jahr zu Jahr andere Regenten. Eine Zeit lang wähnten sich gar die Rebellen an der Macht: Nach einem Staatsstreich im Mai 1997 bot ihnen Putschistenführer Jonny Paul Koroma die Regierungsbeteiligung an. Sara konnte ein wenig verschnaufen. Und endlich gab es genug zu essen sowie Medikamente für die Kranken.
Doch die Nigerianer machten diesem Zwischenspiel ein Ende: Sie stürzten die Junta und setzten den 1996 zum Staatschef gewählten Rechtsanwalt Ahmed Tejan Kabbah wieder ein. Koroma und sein »Revolutionsrat der Streitkräfte« (AFRC) flohen in den Busch und schlossen sich Sankohs Truppen an. Der Rebellenführer selbst befand sich da längst in nigerianischer Haft. Der Bürgerkrieg wütete schlimmer als je zuvor. Und als Sankoh schließlich im Oktober 1998 von Sierra Leones Justiz zum Tode verurteilt wurde, gingen
die Aufständischen in eine alles vernichtende Offensive.
Tausend Mann hatte Superman, Saras Kommandeur, für den Endkampf zusammengezogen. Binnen weniger Wochen hatten sie die kriegsmüden Nigerianer weit zurückgedrängt und die Vororte Freetowns eingenommen.
Immer standen bei solchen Feldzügen die Kindersoldaten an vorderster Front. Sie schossen als Erste, wenn ein Munitionsdepot auszunehmen war oder Panzer angegriffen werden sollten. Vollgepumpt mit euphorisierenden Drogen und angstmindernden Psychopharmaka, stürzten sie sich in die Schlacht, als sei der Krieg ein virtuelles Videospiel. Wunderheiler suggerierten ihnen, dass sie unverwundbar seien. Wer trotzdem starb, hatte sich nicht an ihre Anweisungen gehalten.
Auch Sara hatte einen solchen »Juju«-Mann besucht. Der rieb ihn von Kopf bis Fuß mit Kräutern ein und wies ihn an, sich zehn Tage lang nicht zu waschen und keine Bananen, Orangen oder Kassawa mehr zu essen. Dass er den Kampf um Freetown überlebte, schreibt Sara heute der Magie der Kräuter und der Tatsache zu, dass er sich im Busch fast nur von Reis, Erdnüssen und erbeuteten Keksen ernährte.
Unzählige Kameraden musste er auf dem Vormarsch auf Freetown begraben oder mit einer Kugel im Bauch am Wegrand zurücklassen. Um die Gefallenen zu ersetzen, wurden neue Kinder entführt und in Schnellkursen unterrichtet, mit einer Waffe umzugehen. Dennoch waren sie nur noch 19, als sie Ende Januar vergangenen Jahres nach überstürztem Rückzug wieder in ihren Basiscamps ankamen.
Trotzdem zählt der Freetown-Feldzug zu den denkwürdigsten Momenten in Saras Buschkarriere. Als er am 6. Januar auf dem Motorrad eines Rebellenführers durch die Hauptstadt fuhr, wähnte er sich in Disneyland. Nie hatte er solch schnittige Autos gesehen oder in Flaschen abgefülltes Wasser. Am faszinierendsten waren die Spielzeugläden und ihre Vitrinen voller Modellautos. Er plünderte sie mit kindlicher Begierde und war zum ersten Mal, seit er die Mutter verlassen hatte, wieder selig vor Glück.
Wie die Vertreibung aus dem Paradies empfand er den Rückzug in den Busch. Statt frischen Fischen und Schalentieren gab es wieder nur Reis. Und wie immer, wenn die Truppe von ihren Versorgungslinien abgeschnitten war und die Geldmittel knapp wurden, mussten die Kinder mit Rindfleisch vermischtes Menschenfleisch auf den Märkten der Umgebung feilbieten.
Mit der Sachlichkeit eines Weidmanns beschreibt Sara, wie die Opfer gehäutet wurden. Doch seine Stimme klingt tonlos dabei, und sein Blick ist in weite Ferne gerückt. Es gibt Dinge, die er in diesem barbarischen Krieg mit ansehen musste, an die selbst er, der kühle Killer, sich lieber nicht erinnert.
Seit Monaten bemühen sich Sozialarbeiter der Caritas in Port Loko um seine Wiedereingliederung in eine menschlichere Gesellschaft. Mit einer Spielzeugpistole war er eines Tages in ihrem Zentrum für demobilisierte Kindersoldaten aufgetaucht. Die Beretta hatte sein Kommandeur einkassiert, bevor er den Jungen in die Freiheit entließ.
3000 Kinder entführten die Rebellen nach Schätzungen des Uno-Kinderhilfswerks allein für ihren Freetown-Feldzug. Gerade mal 800 sind aus dem Busch aufgetaucht, seit sie mit der Regierung einen Frieden schlossen, der die Entwaffnung aller am Bürgerkrieg beteiligten Gruppen vorsieht und den Gewalttätern im Gegenzug Amnestie zusichert. Rebellenchef Sankoh und seine RUF wurden gar in die Regierung integriert. Dennoch ist bisher keiner der Kindersoldaten mit einer Waffe zurückgekehrt. Die halten die Kommandeure offensichtlich für den Fall zurück, dass das Friedensabkommen scheitern sollte.
Die Spielzeugpistole - das Geschenk eines nigerianischen Hauptmanns - amüsierte Sara. Statt Kugeln abzufeuern, gab sie ein eher lächerliches Geräusch ab. Sara vermisst sein Schnellfeuergewehr. Ein halbes Leben lang zur Unterwerfung gezwungen, war es sein einziges Mittel zur Selbstbehauptung. Selbstbewusstsein ohne Waffe im Anschlag wird er erst noch erlernen müssen.
Zur Jahreswende hat ihn ein Caritas-Mitarbeiter mit nach Rom genommen. Dort erteilte ihm der Papst persönlich die Absolution. Hinterher, sagt Sara, habe er sich zum ersten Mal auch ohne sein Gewehr »großartig« gefühlt. BIRGIT SCHWARZ
* Name von der Redaktion geändert.* Durch Soldaten der nigerianischen Eingreiftruppe.* Im Wiedereingliederungslager Port Loko.