Ein Löwenfell für Blücher - DER SPIEGEL
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Ein Löwenfell für Blücher

Kunst in Preußen: Zweck als Maß
• aus DER SPIEGEL 1/1981
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Bei einer »flüchtigen Übersicht« von Weimar aus, »die Ausübung der Kunst in Berlin betreffend«, kritisiert der noch gar nicht so alte Goethe (sein »Faust« ist längst nicht veröffentlicht), es werde dort Poesie durch Geschichte, das Ideal durch Portrait verdrängt. »In Berlin scheint ... der Naturalismus mit der Wirklichkeits- und Nützlichkeitsforderung zu Hause zu sein ...«

Goethe hatte es mißfallen, daß die Berliner -- und unter ihnen vor allem Gottfried Schadow -- Fürsten und Heerführer und Gelehrte nicht mehr in Denkmälern mit Lorbeerkranz oder Toga idealisierten, sondern etwa Friedrich II. als skeptischen Souverän abbildeten (1793), den Generalfeldmarschall Zieten in der Uniform seines Husaren-Regiments, an einem Baumstamm lehnend, als lauernden und listigen Haudegen (1794).

Die Berliner wollten in der Tat Skulpturen nicht länger als Dekoration verstanden wissen. »Diese Figuren in römischer Tracht scheinen nichts mehr mit uns zu thun haben«, schrieb Schadow 1791 in einem Memorandum, und als Goethe und Schadow um des lieben Friedens und gegenseitigen Respekts wegen sich beim Plan eines Blücher-Standbildes für Rostock zusammentaten (1819), verloren sie alle beide. Schadow fand sich bereit, dem im übrigen halbwegs naturalistisch dargestellten Marschall ein Löwenfell über die Schultern zu drapieren, und Goethes Zutat, die Sockel-Inschrift, hätte allein auch kaum ausgereicht, ihn berühmt zu machen: »In Harren und Krieg / In Sturz und Sieg / Bewußt und groß / So riß er uns vom Feinde los.«

Die Kunst, Architektur und Städtebau, Skulptur und Malerei, war im Brandenburgisch-Preußischen seit je anders als im schwelgerischen Süden der Habsburger und Wittelsbacher oder der sächsischen Könige von Polen. Schon der Barock, schwungvolle Architektur kirchlicher und weltlicher Macht und Lebensfreude von Würzburg bis über Wien hinaus, aber doch auch im Norden bis Dresden, zeigt in Berlin sein Memento mori. Andreas Schlüter stattet das Zeughaus in der Straße Unter den Linden, das Waffen-Arsenal in der Nähe des Schlosses, mit einem Fries sterbender Krieger aus. Im Vergleich mit Schlössern und Klöstern in Süddeutschland und Österreich ist Friedrichs Sanssouci -- im Berliner Schloß mochte er nicht wohnen -nach Ausdehnung ein Gärtnerhaus.

Dagegen machten sie sich schon 1798 in Berlin daran, die königlichen Kunstsammlungen dem Publikum öffentlich zugänglich zu machen -- dergleichen gab es in Europa nur in Paris, dem Musee Francais, und auch da erst seit 1793, als eine Konsequenz der Revolution. Für Karl Friedrich Schinkel, den Architekten der Neuen Wache und des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt, dessen technische Ausstattung die Möglichkeiten für Inszenierungen ungemein vergrößerte, war »Zweckmäßigkeit Grundprinzip allen Bauens«. Er errichtete nicht nur jenes öffentliche »Alte Museum« auf der Insel zwischen den beiden Spree-Armen, von ihm stammt (außer, wahrhaftig, vielem anderen) auch der Entwurf für ein Warenhaus Unter den Linden, mit Wohnungen für die Einzelhändler, das allerdings wegen der hohen Kosten nicht gebaut wurde.

Langhans, Schadow, Schinkel und Rauch bilden, miteinander oder in direkter Nachfolge eine für den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts einzigartige Versammlung architektonischen und bildhauerischen Genies in Preußen. S.57 Das übrige Europa trägt sich auf der Warteliste ein. Schinkel soll nahezu gleichzeitig den Kölner Dom zu Ende bauen, dem König von Griechenland die Akropolis als Residenz einrichten, der Zarin am Schwarzen Meer einen Traumpalast erfinden (aus all dem wird zum Glück nichts). Rauchs Bildhauer-Fähigkeiten wurden entdeckt und ausgebildet, während er noch Lakai der Königin Luise war.

Um den Kupferstecher Chodowiecki bewerben sich die Verleger, weil mit seinen Illustrationen sonst schwer verkäufliche Bücher (auch von Goethe) glänzend abgesetzt werden können. Wilhelm von Humboldt gründet die Universität. Während Marx in Berlin studiert, entläßt der König von Hannover die Brüder Grimm, bekommen die Entlassenen je einen Akademiesitz im preußischen Berlin, gibt es eine Eisenbahnlinie von Berlin nach Potsdam, verkehren schon Omnibusse zwischen dem Alexanderplatz und dem Potsdamer.

Menzel wird vieles davon malen, die Eisenbahn, aber auch die Aufbahrung der Märzgefallenen von 1848. Daß er sich entschließt, Kuglers Geschichte Friedrichs zu illustrieren, erklärt er: »Meine Intention war, den Fürsten darzustellen, den die Fürsten haßten.«

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