Ein Mensch
In Ihrem Beitrag über Gerhart Hauptmanns Nachlaß (Spiegel .Nr. 25) nennen Sie Walter Rathenau einen »Kulturphilosophen und Politiker«. Gegen diese Definition ist an sich nichts einzuwenden. Rathenau war das eine wie das andere (wenngleich »Kulturphilosoph« als vielleicht etwas übertriebene Bezeichnung für einen Mann scheinen mag, der klug, klar und empfindsam genug war, um sich entsprechende Gedanken über die Situation seiner Zeit und »von kommenden Dingen« zu machen). Aber Rathenau war auch Industriemagnat, und dies erscheint mir wichtig, wenn man seine Persönlichkeit umreißen will, sei es auch nur wie in diesem Fall in einer Apposition.
»Aber man darf annehmen, daß Gerhart Hauptmanns dichterische Anteilnahme weder den Politiker noch dem Kulturphilosophen noch dem Industriemagnaten galt, sondern ganz einfach dem großartigen Menschen Walter Rathenau, einem Menschen in jenem hervorragenden Grade, der allem Anschein nach nur aus dem Gefühl der Einsamkeit wächst. (Und Rathenau stand einsam zwischen den Linien.) Vielleicht hätten Sie mit der Definition »Mensch« Rathenau am treffendsten charakterisieren und sich alle anderen Bezeichnungen ersparen können, wobei allerdings, wie ich zugebe, zu befürchten gewesen wäre, daß sich wenige darunter hätten etwas vorstellen können. Aber der Industriemagnat, Politiker und Kulturphilosoph, der vor 25 Jahren in einer stillen Grunewaldstraße unter den Schüssen aufgehetzter junger Leute fiel (die wirklich Schuldigen und Verantwortlichen blieben im Dunkeln), war immer und überall in erster Linie Mensch.
Hamburg
HELMUT HELMERSDORF