Ein Schuß fiel - DER SPIEGEL
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WAFFENBESITZ Ein Schuß fiel

• aus DER SPIEGEL 23/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In einer Verhandlung vor dem Braunschweiger Amtsgericht ist kürzlich die Tatsache offenkundig geworden, daß im westdeutschen Rechtsstaat die amtliche Gepflogenheit toleriert wird, Staatsbediensteten in gesetzwidriger Weise Schußwaffen und Munition auszuhändigen, ohne diese Amtsfunktionäre mit dem vorgeschriebenen Waffenschein oder auch nur mit einem Dienstausweis zu versehen.

Mit welcher Selbstverständlichkeit so verfahren wird, ergaben vor dem Gericht die Aussagen des Ex-Holländers Wilhelmus Josef ("Bill") Dortants, 34, der durch seine allerdings verzeihliche Unkenntnis vom Nachtleben des Braunschweiger Polizei -Revieroberwachtmeisters Dieter Schön, 25, auf die Anklagebank geraten war.

In Braunschweigs Blatzheim-Kellerbetrieb »tabu«, der inzwischen wegen ungenügender Rentabilität geschlossen worden ist, hatte Stammgast Dortants um die vierte Morgenstunde des 18. Mai 1957 nach dem Genuß von drei Flaschen »Hausmarke«-Sekt und 15 Glas »tabu-Zwetsch« - einer Art Slibowitz - eine 7,65-Millimeter-Pistole aus dem Wams gezogen und durchgeladen.

Die erschreckten Gäste des Amüsierkellers machten Anstalten, sich unter ihre Tische in Deckung zu begeben; der Schlagzeuger der »tabu«-Band jedoch schritt furchtlos auf den alkoholisierten Pistolenmann zu, drängte ihn in das Zimmer des Geschäftsführers Fried Franke und beredete ihn, die Waffe dort niederzulegen. Möglicherweise wäre die Entwaffnungsaktion gelungen, wenn Bill Dortants gewußt hätte, daß sein Kontrahent nur nachts »tabu«-Schlagzeuger, tagsüber aber der Polizei-Revieroberwachtmeister Schön vom 6. Polizeirevier ist. Ohne Kenntnis dieses Umstandes fühlte Dortants sich jedoch durchaus stark genug, auf den nächtlichen Musiker anzulegen. Lallend kommandierte er: »Hände hoch! Stellen Sie sich rechts in die Ecke! Machen Sie keine Umstände, sonst schieße ich!«

Im Schlagzeuger Schön erwachte in diesem Augenblick der Polizist: Es gelang ihm, den nicht mehr sehr standfesten Pistolenhelden zu unterlaufen und dem Schuß aus dessen Waffe zu entgehen. Wenige Minuten später trat die Besatzung des Funkstreifenwagens »Bremse 6« auf den Plan und transportierte den plötzlich in Apathie gefallenen Schützen ins Haftlokal.

Nun ist dieser Dortants der gleiche, den die halbvertrauliche DGB-Publikation »Feinde der Demokratie« vor einigen Jahren so apostrophierte: »Die alten Stahlhelm-Mitglieder ... sollen auch besorgt darüber sein, daß das ehemalige holländische SS-Mitglied Dortants eine erhebliche Rolle im Stahlhelm spielt. In der Bundesgeschäftsstelle soll es zu Pistolenschießereien gekommen sein.«

Daß die »Stahlhelm«-Bindung des blauäugigen und blondgeschöpften holländischen SS-Germanen Bill Dortants - von 1941 bis 1945 war er Untersturmführer der Waffen-SS - bis heute so frisch geblieben ist wie seine gefährliche Vorliebe für Schießwerkzeuge, geht beispielsweise aus dem Strafregister des Amtsgerichts Goslar hervor. Dort steht ein Strafbefehl über 30 Mark verzeichnet, den im November vorigen Jahres das »Stahlhelm«-Mitglied Dr.-Ing. Werner Neumann in Goslar erhielt, weil er dem Dortants eine Pistole lieh, ohne daß dieser einen Waffenschein besaß.

Vor dem Braunschweiger Amtsgericht nun beteuerte Dortants - des unerlaubten Waffenbesitzes und der Bedrohung angegeklagt -, er habe in jener »tabu«-Mainacht in dem Schlagzeuger und Polizisten Schön einen jener Dunkelmänner vermutet, die er seit etwa fünf Jahren fürchten zu müssen glaubt. Damals, so sagte Dortants, der seinen Beruf mit »Journalist« angibt, vor Gericht aus, habe er dem Braunschweiger Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer bei der Aufdeckung der als »Technischer Dienst« getarnten Partisanengruppe des später verbotenen »Bundes Deutscher Jugend« beigestanden und darüber eine Enthüllungs-Story in der Illustrierten »Revue« veröffentlicht. In Wirklichkeit allerdings ist die 1953 in der »Revue« abgedruckte Serie »Partisanen für den Tag X« von den hannoverschen Journalisten Wiehe und Leßmann verfaßt worden.

Einige Herren von Behörden

Amtsgerichtsrat Rotte als Einzelrichter und Amtsanwalt Meyer als Anklagevertreter hielten es für überflüssig, diese angeblich latente Bedrohung des Dortants näher zu erforschen. Sie fanden offensichtlich auch nichts Ungewöhnliches dabei, als Dortants preisgab: »Ich weiß, daß ich mich nach dem Gesetz schuldig gemacht habe, denn ich trug die Pistole bei mir, ohne einen Waffenschein zu haben. Ich bitte aber zu bedenken, daß mir die Waffe von einer Dienststelle gegeben worden ist, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.« Verständnisinnig schwiegen Richter und Anklagevertreter, als Dortants sich auch außerstande erklärte, seinen Dienstausweis vorzuzeigen. Das stehe alles in den Akten, belehrte er das Gericht.

So blieb die Frage, woher Dortants die Pistole hatte, die er im Braunschweiger »tabu« abfeuerte, in der Verhandlung unbeantwortet, und zwar - wie Amtsanwalt Meyer in seinem Plädoyer ausdrücklich bemerkte - »aus Gründen, die hier bewußt nicht erörtert werden«.

An der beflissenen Geheimnistuerei der Bewahrer des bundesdeutschen Rechts vermochte selbst die eidliche Aussage des Polizisten Schön nichts zu ändern. Schön bezeugte, Dortants habe ihm in der »tabu« -Nacht zweimal gedroht: »Lassen Sie mich, ich bin vom Verfassungsschutz.«

Dieser peinliche Hinweis auf die Untergrundtätigkeit des Angeklagten Dortants wurde sowohl vom Richter als auch vom Anklagevertreter schlicht überhört. Amtsgerichtsrat Rott zog die Pistole ein und verurteilte den Geheimmann zu 500 Mark Geldstrafe, zahlbar in Monatsraten zu je 30 Mark.

Kommentierte Dortants-Verteidiger Schäfer: »Wenn wir die Herkunft der Pistole erläutert hätten, würden wir einige Herren von Behörden da hineingezogen haben müssen. Das wollten wir nicht.« Mit der Behörde, so gab Anwalt Schäfer widerstrebend zu, meine er den westdeutschen Verfassungsschutz.

Pistolenheld Dortants

Waffen vom Verfassungsschutz

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