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»Ein Trauerspiel«

Bizarre Nebenwirkung der Gesundheitsreform: Ausgerechnet bei Volksleiden wie Asthma oder Diabetes soll künftig gespart werden.
• aus DER SPIEGEL 3/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im ohnehin vertrackten Gesundheitswesen gilt der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen als die komplizierteste Erfindung. Er kenne »drei Leute, die das verstanden haben«, gestand der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer, als er das System vor 14 Jahren eingeführt hatte. »Ich gehöre nicht dazu.«

Es geht um die Frage, wie die Versicherungsbeiträge von 70 Millionen Kassenpatienten möglichst gerecht auf die rund 200 deutschen Krankenkassen verteilt werden - eine 140-Milliarden-Frage.

Die Große Koalition hat nun ihre Antwort gegeben, und die klingt zunächst mal gut. Künftig soll es eine zielgenauere Unterstützung für jene Kassen geben, die wenig junge und gesunde Mitglieder haben, aber viele Kranke versorgen müssen. So wurde es bei der jüngsten Gesundheitsreform von Union und SPD verabredet. So weit die Theorie.

In der Praxis sieht es anders aus. Vergangene Woche präsentierte das Gesundheitsministerium das konkrete Konzept, und das bewirkt nach Ansicht von Experten das Gegenteil dessen, was erreicht werden sollte. Das System wird nicht billiger, sondern teurer. Statt es zu vereinfachen, wird es noch komplizierter. Statt die Krankenversorgung zu verbessern, könnte sie für viele Versicherte sogar schlechter werden.

Der Vorschlag sieht vor, dass die Kassen künftig genau ermitteln, von welchem Gebrechen jedes ihrer Mitglieder geplagt wird. Es gibt eine Liste von 80 Krankheiten, die das Bundesversicherungsamt erstellt hat. Für jeden Patienten, dessen Leiden aufgeführt ist, kann seine Kasse künftig einen Zuschuss aus dem Gesundheitsfonds verlangen, der in einem Jahr in Kraft treten soll.

Die Liste enthält Krankheiten wie »Störungen des Säure-Basen-Haushaltes« oder die »Lippen-Kiefer-Gaumenspalte«. Nicht aufgeführt sind jene Massenleiden, die konsequent bekämpft werden müssen und hohe Gesamtkosten verursachen: Asthma, leichte Diabetes, Rheuma, Bluthochdruck.

Dabei hatten die Krankenkassen erst vor wenigen Jahren auf politischen Druck hin spezielle Behandlungsprogramme gegen chronische Erkrankungen wie Asthma, Diabetes und koronare Herzkrankheiten aufgelegt. Diese bewährten Programme werden künftig nicht mehr besonders gefördert.

Die Krankenkassen müssen nun umdenken. Sie werden künftig nicht mehr finanziell bezuschusst, wenn sie ihre Versicherten möglichst gesund machen, sondern - im Gegenteil - möglichst krank.

Für einen Patienten mit leichter Diabetes, der Dank eines speziellen Behandlungsprogramms bestens eingestellt ist, bekommt die Kasse künftig weniger Geld als heute, weil die Chronikerprogramme gekürzt werden. Wird der Patient hingegen schlecht behandelt, fällt womöglich ins Koma oder verliert seine Gliedmaßen, bekommt die Krankenkasse für die weitere Behandlung einen Bonus. Denn Diabetes mit »schwerwiegenden Komplikationen« ist auf der neuen Liste enthalten.

»Ein Trauerspiel«, urteilt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und bringt damit die Haltung fast aller Gesundheitspolitiker der Koalition zum Ausdruck. Die Fachleute von Union und SPD erinnern dieser Tage gern daran, dass sie einst gegen die Gesundheitsreform gestimmt haben.

Die Hoffnung der Experten, das Projekt noch stoppen zu können, sind dennoch gering. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte erst vergangenen Mittwoch wieder, dass am Zeitplan der Reform nicht gerüttelt werde. »Das Motto lautet Avanti Dilettanti«, sagt Lauterbach. ALEXANDER NEUBACHER

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