Presse Ein wenig osten
Stündlich pendelt ein Fahrradbote zwischen zwei Altstadthäusern in West- und Ost-Berlin. Weil es noch an geeigneten Datenleitungen zwischen den Stadthälften fehlt, versorgt der Radler die Mitarbeiter des ersten gesamtdeutschen Zeitungskombinats wechselseitig mit Texten und Bildern: die Ost- und die Westredaktion der linksalternativen Tageszeitung (taz).
Am Montag dieser Woche startet eine 16seitige DDR-Ausgabe der taz mit einer Mixtur aus Ost-Berliner Eigenbeiträgen und angeliefertem Westmaterial - Auflage: 60 000, Preis: 80 Ost-Pfennig. Von Anfang April an ist das Blatt über den Postzeitungsdienst zu abonnieren.
Ihr Quartier fanden die ersten sechs Redakteure, knapp drei Fahrradkilometer von der West-taz entfernt, an der Friedrichsgracht in der Oberwasserstraße 12, einer bekannten Adresse. Dort residierte das ZK der früheren SED, die der taz bis zur Wende die Akkreditierung eigener DDR-Mitarbeiter verweigert hatte. Die »damals Mächtigen«, mutmaßte das Blatt, hätten wohl befürchtet, »daß mit der taz der Bazillus der unbotmäßigen DDR-Bewegungen noch mehr um sich greifen würde«.
Die Zeitung behalf sich gut ein Jahrzehnt mit der Entsendung illegaler Korrespondenten, die immer so lange das DDR-Geschehen beobachteten und Kontakt zur Opposition hielten, bis sie enttarnt wurden und Einreiseverbot erhielten. Einer von ihnen geht nun mit einem West-Berliner Redaktionskollegen der jungen DDR-Truppe in der Aufbauphase zur Hand.
Als erster Ost-Berlin-Redakteur wurde der Kunsthistoriker Andre Meier, 29, geheuert, zuvor freier Mitarbeiter der Kulturzeitschrift Sonntag. Andere Mitglieder des neuen Kollegiums kommen von der Gewerkschaftszeitung Tribüne, der Nachrichtenagentur ADN, dem Boulevardblatt BZ am Abend. Die Studentin Anja Baum, 23, hat mit der Übernahme des Frauenressorts auch das Thema ihrer Diplomarbeit an der Leipziger Uni-Sektion für Journalistik gefunden: »Alternative Medienkonzepte am Beispiel der DDR-taz«.
Der »Ruf der taz« biete der Zeitung auch in der Ost-Republik eine große Chance, meint Geschäftsführer Jürgen Kuttner, 32, ein promovierter Kunstwissenschaftler, der beim Verband bildender Künstler noch vor kurzem DDR-Generäle durch Museen lotste.
Mit der spezifischen Thematik der taz, so Kuttner, mit ihrer Hinwendung etwa zu Frauen-, Ausländer- und ökologischen Problemen, ihrer »anderen Sprache« und dem eigenwilligen Layout spreche die Zeitung besonders »das Selbstverständnis Linker und Intellektueller« an. Zwar gebe es auch »Arbeiter, die Sartre lesen« (Kuttner); aber beim Proletariat »müßte man wohl zu hart mit den Springer-Blättern konkurrieren«, spöttelt Meier, »warum sollte man sich da Illusionen machen«.
Mit dem Ruf einer unangepaßten, ideologisch nicht festgelegten Zeitung hebe sich die taz deutlich von der etablierten DDR-Presse ab, meint Jungredakteurin Baum, weil sie »kein Sprachrohr irgendeiner politischen Gruppierung« sei. Das einstige SED-Zentralorgan Neues Deutschland hat nach Einschätzung der DDR-tazler durch das Festhalten an Sichtweisen der SED-Nachfolgerin PDS die Chance eines Neubeginns bereits verspielt.
In bürgerlichen Blättern wie dem West-Berliner Tagesspiegel, der seit Dienstag letzter Woche 20 000 Exemplare zu je zwei, sonntags drei Ost-Mark in der DDR anbietet, sehen die tazler keine »gruppenspezifische Konkurrenz«. Auch vor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ihnen nicht bange, die vom ersten privaten DDR-Grossisten Udo Koska in Schwerin vertrieben wird.
Der Axel Springer Verlag (Bild, Berliner Morgenpost, BZ) hat sich vorerst selbst die Hände gebunden durch seine bislang gescheiterten Bemühungen, im Verbund mit drei anderen Großverlagen einen eigenständigen DDR-Pressevertrieb aufzuziehen (SPIEGEL 7/1990).
Gute Aussichten haben Kooperationen, wie sie sich zwischen der sozialliberalen Frankfurter Rundschau und dem Sächsischen Tageblatt in Leipzig, früheres Organ der Liberaldemokratischen Partei, anbahnen - zunächst durch den Austausch von Artikeln. Die Süddeutsche Zeitung läßt eine Wochenzusammenfassung für die DDR (Auflage: 50 000) in Dresden drucken. Erstaunlichste Querverbindung: Die CDU-nahe Frankfurter Neue Presse möchte nach den DDR-Wahlen bei der Thüringer Allgemeinen einsteigen, dem vormaligen SED-Blatt Das Volk in Erfurt.
Der taz (Westauflage: 65 000) aber könnte vor allem ein Projekt mit einer ihr ähnlichen politischen Bandbreite gefährlich werden: die Wiederbelebung des Traditionstitels Berliner Tageblatt durch eine gesamtdeutsche Journalisten-Initiative.
Da machte es Sinn, schleunigst taz-Realitäten in der DDR zu schaffen. Das Thema der deutsch-deutschen Vereinigung dürfe ohnehin nicht »dem rechtsnationalen Spektrum überlassen« bleiben, meint Chefredakteurin Georgia Tornow, 41, die auch einem »gewissen Professionalismus« das Wort redet.
Doch dann wieder, so auch bei der DDR-Gründung, wird improvisiert, daß Filialchef Kuttner »Staub vor den Augen« sieht: »Das ist eher 'ne Explosion als 'ne Geburt.« Ohne Nullnummer, nach kurzer Einarbeitung an den Setzcomputern aus dem Westen, liefen in der Druckerei des Neuen Deutschland für die taz die Rotationswalzen an.
Das taz-Modell eines selbstverwalteten Betriebs soll beibehalten werden - Einheitslohn hüben wie drüben: 1550 Mark. Die DDR-Schriftsteller Martin Stade (Romantitel: »Der junge Bach") und Klaus Schlesinger ("Leben im Winter") übernahmen zunächst als Inhaber den Anbau-Verlag, in dem die Ost-taz erscheint. Nach Verabschiedung eines DDR-Vereinsrechts werden sie als Treuhänder für die Belegschaft fungieren.
Von der Zusammenarbeit wollen beide Seiten profitieren. Die DDR-Redaktion wird mindestens ein Viertel des Inhalts, von der Meinungs- bis zur Medienseite, selbst einbringen und den Rest ein wenig »osten«, wie Meier die nötige Anpassung an Sprach- und Denkgewohnheiten der DDR-Leser nennt. Und die West-taz möchte mit Hilfe der neuen Kollegen bei der DDR-Berichterstattung ihren »Kompetenzvorsprung halten«, so Georgia Tornow.
Auf längere Sicht erwartet die Chefredakteurin ein Zusammenwachsen beider Ausgaben und »die Chance, eine ganz tolle deutsche Zeitung zu werden«. f