PRESSE Ein Zar
Diesen Freitag, den 13., wird Clive Thornton, Vorstandsvorsitzender des »Mirror«-Group-Pressekonzerns, nie vergessen. Als er um 8.30 Uhr an seinem Schreibtisch Platz nehmen wollte, saß da schon jemand. Im Chefzimmer in der neunten Etage des »Mirror«-Hauses am Londoner Holborn Circus thronte ein dunkelhaariger Mann mit buschigen Augenbrauen.
Der Eindringling posierte später vor Photo- und TV-Kameras mit einem »Mirror«-Exemplar. Die Schlagzeile des Massenblattes enthüllte, was sich in der Nacht zum Freitag ereignet hatte: »Maxwell kauft den Mirror«.
Robert Maxwell, 61, in England »sozialistischer Millionär« oder »tschechisches Stehaufmännchen« genannt, hatte vorletzte Woche in einem großen Coup für 422 Millionen Mark einen der größten Zeitungskonzerne der Welt erworben. Der »Daily Mirror« und seine fünf Schwesterblätter _("Sunday Mirror«, »Sunday People«, die in ) _(Schottland erscheinenden »Daily Record« ) _(und »Sunday Mail« sowie »The Sporting ) _(Life«. )
verkaufen wöchentlich 35 Millionen Exemplare. Und während der neue Pressezar Maxwell strahlte wie ein Angler nach einem Jahrhundertfang, fiel der Gegenschlag des Verlierers Thornton eher kläglich aus: Der ausgebootete »Mirror«-Manager ließ sich beim Zerreißen seines Blattes abbilden.
Thornton stand freilich nicht allein unter Schock. Zahlreiche Gruppen in Großbritannien sahen den Einbruch des reich gewordenen Wissenschaftsverlegers und Druckereibesitzers Mr. Maxwell in die Fleet Street mit Unbehagen:
Die regierenden Konservativen beunruhigt, daß mit Maxwell nun ein eingeschriebenes Mitglied der Labour Party den »Daily Mirror« (Tagesauflage: 3,3 Millionen) erworben hat. Der Neue gelobte auch gleich, er wolle die Partei weiterhin unterstützen. Der »Mirror« hält als einzige von elf Londoner Tageszeitungen zur Labour-Opposition.
Die aber war über die Transaktion in der Fleet Street auch nicht glücklich. Denn Labour macht prinzipiell Front gegen zuviel Zeitungsmacht in einer Hand und traut den kapitalistischen Genossen Maxwell nicht über den Weg: Obwohl er sogar die Labour Party sechs Jahre im Unterhaus vertreten hat (1964 bis 1970), bewundert Maxwell heute Margaret Thatcher, weil sie »in Churchills Schuhe« getreten« sei.
Britanniens Gewerkschaften wiederum fürchten den Unternehmer Maxwell als harten Rationalisierer. Wenn Maxwell kommt, werden Arbeitsplätze eingespart, nach dem Grundsatz: »Weniger Leute, mehr Technologie«.
Englands Geschäftswelt wiederum findet sich schwer damit ab, daß ausgerechnet einem zugereisten Juden aus Osteuropa immer wieder Millionencoups gelungen sind. Denn Maxwell hat ein gutes Gespür für Geschäfte. Er kauft und verkauft Unternehmen wie andere Waren, ohne daß in den von ihm erworbenen Firmen Begeisterung ausbräche. »Die waren so scharf darauf, mich zu begrüßen«, spottete Maxwell über das Management der 1980 gekauften British Printing Corporation, »wie sie bereit gewesen wären, eine erfrorene Ratte zu schlucken.«
Maxwell begegnet der vornehmen englischen Ablehnung mit Superpatriotismus. In den 60er Jahren startete er als Abgeordneter eine »Buy British - sell British«-Kampagne. 1982 kaufte er auf der Drupa-Fachmesse in Düsseldorf Druckereimaschinen und -geräte im Wert von drei Millionen Pfund, ausschließlich von britischen Unternehmen, wie er stolz betonte. Selbst Rolls-Royce-Fahrer, versucht Maxwell zuweilen Porsche-Enthusiasten für englische Wagen zu bekehren. Seit Maxwells Machtergreifung erscheint der »Mirror« mit dem Motto »Forward with Britain« unter dem Zeitungskopf.
»Es gibt große Qualitäten«, schrieb Maxwell im Begrüßungskommentar in seinen Zeitungen, »die allein wir haben.« Mit »wir« meint er die Briten. Und der - von Stürzen unterbrochene - Aufstieg dieses Selfmademan ist wohl vor allem ein Kampf um die Anerkennung, ein Brite zu sein.
Denn ob Maxwell Ehrentitel der Universitäten von Harvard oder Moskau annahm, ob er Filme wie »Don Giovanni« und »Schwanensee« mitproduzierte, ob er die Memoiren von Breschnew oder Erich Honecker herausbrachte und aus jenem Anlaß den DDR-Staatsratsvorsitzenden selbst interviewte (SPIEGEL 35/ 1980) - stets wollte er seinen britischen Landsleuten beweisen, daß er mehr kann als nur Geld verdienen. Er suchte gesellschaftliche Anerkennung.
Maxwell gehöre zu jener Sorte von Geschäftsleuten, schrieb der Londoner »Guardian«, die »ihre ... Unternehmen tragen wie Gucci-Hemden«, und ein Fleet-Street-Verlag war ihm offenbar ein Traumhemd. In den letzten fünfzehn
Jahren wollte Maxwell dort sechsmal Zeitungen erwerben - immer vergebens. Verhandlungen mit dem »Observer« scheiterten. Die Besitzer von »News of the World«, »Sun« und »Times« verkauften lieber an Maxwells Rivalen Rupert Murdoch. Der war zwar auch ein Zugereister, aber immerhin Anglo-Australier.
Nun sagte Maxwell sofort dem Pressekönig Murdoch den Kampf an: Er will »die Auflage des ''Mirror'' in kürzester Zeit um eine Million Exemplare steigern«, soll heißen Murdochs »Sun« als Spitzenreiter unter den britischen Massenblättern überholen.
Maxwells langer Marsch nach Fleet Street hatte in den Karpaten begonnen. Der Sohn eines armen jüdischen Landarbeiters ging in der damals zur Tschechoslowakei gehörenden, unterentwickelten Karpato-Ukraine nur drei Jahre zur Schule. Jan Ludvik Hoch, wie Maxwell damals hieß, schloß sich der Widerstandsbewegung gegen Hitler an und kam als Mitglied der Emigrantentruppe »Tschechische Legion« über Frankreich nach England.
Dort nannte er sich zunächst du Maurier, dann Jones. Aber er hieß schon Robert Maxwell, als er in die britische Armee eintrat und 1945 aus der Hand des Feldmarschalls Montgomery das Militärkreuz entgegennahm, weil er bei den Kämpfen nach der Landung in der Normandie »in höchster Gefahr Führungseigenschaften von außergewöhnlicher Qualität« gezeigt habe.
Mit 23 Jahren besorgte Hauptmann Maxwell im Nachkriegs-Berlin als Presseoffizier der Britischen Kontrollkommission die Lizenzierung deutscher Publikationen im britischen Sektor. Er lernte dabei den Verleger Ferdinand Springer kennen (nicht verwandt mit Axel Springer) und vertrat ab 1947 dessen Wissenschaftsverlag in England. Vier Jahre später kaufte er mit geliehenen 13 000 Pfund einen Ableger des Verlages, Springer & Butterworth.
Maxwell nannte sein Unternehmen Pergamon Press und verdiente Ende der sechziger Jahre mit seinem Verlag Millionen: Pergamon Press brachte in dieser Zeit jährlich rund 500 neue Bücher heraus und redigierte 150 wissenschaftliche Zeitschriften.
Kapital hatte sich der Wissenschaftsverleger, der sich in neun Sprachen unterhalten kann, auch im Ost-West-Handel beschafft. Mit seinem Partner Kurt Wallersteiner lieferte Maxwell Pharma- und Chemieprodukte sowie argentinisches Fleisch in die DDR und bezog von dort Glas und Textilien.
Der dynamische Unternehmer begann auch eine politische Laufbahn als Labour-Abgeordneter, fiel aber 1969 »flach auf den Hintern«. In einem undurchsichtigen Pokerspiel kaufte sich der amerikanische Elektronik-Konzern Leasco Data Processing Equipment Corp. damals bei Pergamon ein. Maxwell sah sich als Vorstandsvorsitzender zum Rücktritt gezwungen.
»Dieser Mann«, hieß es in einem Bericht des britischen Handelsministeriums zur Leasco/Pergamon-Affaire über Maxwell, »ist offenbar so sehr auf seine eigenen Fähigkeiten fixiert, daß er die Ansichten anderer ... übersieht. Er ist nicht geeignet, eine große Aktiengesellschaft zu leiten.« Zu dieser unfreundlichen Erklärung kam ein weiterer Schlag: 1970 verlor Maxwell sein Unterhausmandat.
Doch der Stehaufmann kam bald wieder nach oben. Schon 1971 kam Maxwell als Direktor mit begrenzten Vollmachten zu Pergamon zurück. Er kaufte die meisten Aktien wieder auf und wurde 1974 erneut Vorsitzender des Verlages. Nun wollte er es den Engländern erst recht zeigen und stieg ins Lohndruckgewerbe ein. Von Maxwell kontrollierte Firmen führen heute etwa 50 Prozent des Farbtiefdrucks aus.
»Es wird im Bereich des Informations- und Kommunikationswesens weltweit nur zehn Mammutunternehmen geben«, erklärte er der Londoner »Financial Times« die Zukunft, »und ich bemühe mich bescheiden um einen dieser zehn Plätze.«
Der unbescheidene Maxwell hat bislang jedenfalls erfolgreich mitgemischt. Denn das Neue und Notwendige hat der Autodidakt immer rechtzeitig erkannt.
Der Abgeordnete Maxwell kämpfte für Gesetze zur Reinerhaltung der Luft, der Unternehmer Maxwell führte früher als andere Computer ein und hat sich Anteile am Kabelfernsehen gesichert. Zu solchem Weitblick kommt altmodische Pingeligkeit: Als er die Londoner Park-Royal-Druckerei erworben hatte, lauerte Maxwell um acht Uhr im Betrieb und stauchte das später kommende Personal zusammen.
Seinen Sohn Ian feuerte er - vorübergehend - aus seinem Unternehmen, weil er einen Geschäftstermin mit dem Vater in Paris nicht pünktlich einhielt.
Mitteleuropäer würden härter arbeiten als die geborenen Briten, erklärte Maxwell einmal einem Reporter. Er gehöre keinem Club an, halte keine Rennpferde, spiele nicht Golf.
Inzwischen hat Maxwell seine Enthaltsamkeit gegenüber Clubs aufgegeben. Er rettete als Mäzen den fast bankrotten zweitklassigen Fußballverein Oxford United. Sein Hilfsangebot beim ebenfalls gefährdeten Club Manchester United, dem mehrfachen englischen Meister und Pokalgewinner sowie Gewinner des Europa-Cups, wurde allerdings nicht angenommen. Maxwell hatte wieder einmal zu hoch gegriffen.
Tatsächlich vertat sich der sozialistische Millionär öfters im gesellschaftlichen Leben. So verteilte er bei einer Feier seines Druckerei-Unternehmens BPCC Kuverts mit von ihm signierten 50-Pfund-Scheinen an die Notabeln der Rundfunkgesellschaft BBC. Die peinlich berührten Gäste schickten die Spende (die der »Guardian« als »gefühlvolle mitteleuropäische Geste« erklärte) am nächsten Tag zurück.
»Er ist noch weit entfernt davon«, schrieb die »Financial Times« über Maxwell, »in der Londoner City volle Anerkennung zu finden.«
Widerwilliger Respekt ist ihm seit dem »Mirror«-Coup sicher. Maxwell aber wünscht sich nicht mehr und nicht weniger, als ein Zeitungszar »im Stil Beaverbrooks« zu werden. Beaverbrook war Lord.
»Sunday Mirror«, »Sunday People«, die in Schottland erscheinenden"Daily Record« und »Sunday Mail« sowie »The Sporting Life«.