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»Ein Zögling aus dem Konvikt«

• aus DER SPIEGEL 48/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Vorstandssprecher der Grünen Hans-Christian Ströbele, 51, ist Anwalt in Berlin.

Lafontaine ist sich selbst der gefährlichste Gegner«, hatte ich gerade verkündet, als mir das neue Buch von Werner Filmer und Heribert Schwan über den Kanzlerkandidaten der SPD in die Hände kam**.

Etwas widerwillig begann ich zu lesen. Denn die beiden Autoren arbeiten bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die gerade die Elefantenrunde vor der Wahl gekippt hatten, weil es der Kanzler so wollte. Doch die Autoren schonen den Kandidaten nicht. Allerdings sind nur die Kapitel über Schul- und Studienzeit des jungen Oskar sowie die Resümees zur Person richtig aufregend; alles weitere - und speziell die absurd breitgewalzten 16 Kapitel über das Attentat - kann man vergessen.

Oskar Lafontaine verbrachte die entscheidenden Jahre seiner Jugend im Bischöflichen Konvikt in Prüm in der Eifel und im dortigen katholischen altsprachlichen Gymnasium. Sein Vater war in den letzten Kriegstagen gefallen, als Oskar noch nicht zwei Jahre alt war. Bis Anfang 1953 lebte er mit seinem Zwillingsbruder Hans zu Hause bei Mutter und Tante im katholischen Dillingen an der Saar. Auf Empfehlung des örtlichen Pfarrers kommt er in dem Konvikt unter, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß er Priester wird. Das Leben und Denken der Konviktzöglinge wird anschaulich, das Fehlen der Privatheit: *___"Die Zöglinge hausten in großen Schlaf- und ____Studiersälen«; *___das Unverhältnis zu Frauen ("absolut unbekannte ____Wesen"); *___die verbogene Sexualmoral (Küssen galt »als Abgrund der ____Schlechtigkeit«, Onanie als »Todsünde"); *___die Hackordnung, bei der der »hartgesottene, wenig ____zimperliche« Oskar immer ganz oben ist ("Grenzenlos ____konnte er die Kameraden niedermachen, körperlich und ____verbal").

Mittelalterliche Klostermoral und Erziehungsideale im 20. Jahrhundert mitten unter uns. Wird aus einem solchen Zögling ein Kanzlerkandidat?

Das Konvikt hat ihm offenbar gefallen - vielleicht, weil er meist oben schwamm. Der Mutter soll er gesagt haben: »Wenn du dich auch ärgerst: Es gefällt uns im Konvikt besser als daheim.«

Im Gymnasium trifft er auf den Lehrer, der ihn nach seiner eigenen Darstellung wesentlich geprägt hat. Bei ihm lernt er nicht nur Mathematik, Physik und Erdkunde. Der Lehrer hat Adolf Hitler verehrt, ja geliebt, auch nach dem Krieg ist er stolz, seiner »politischen Überzeugung immer treu« geblieben zu sein; ein Altnazi, wie er im Buche steht.

Davon gab es in den fünfziger Jahren viele. Später Geborene haben schwer nachvollziehen können, wie sehr wir uns über den Einfluß der Altnazis in Schulen, Hochschulen und Gerichtssälen der jungen Bundesrepublik aufgeregt haben. Schlimme Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit lagen dem zugrunde.

In Filmer/Schwans nüchternen Nacherzählungen dieser Lebensabschnitte von Lafontaine fehlt, wie Oskar solche Eindrücke weggesteckt und verkraftet hat. Wie hat er es hingekriegt, fast bis zum Abitur bei Erziehern und Lehrern den Eindruck aufrechtzuerhalten, er wolle Priester werden, obwohl er schon lange entschlossen war, das katholische Konvikt und die Schule nur zur Erlangung der Hochschulreife zu nutzen?

Nach dem Abitur studiert Oskar in Bonn und Saarbrücken Physik. Bei der Auswahl des Studienfachs hat der Einfluß des Mathematiklehrers fortgewirkt. ** Werner Filmer, Heribert Schwan: »Oskar La- _(fontaine«. Econ Verlag; 375 Seiten; 44 ) _(Mark. * Bei der Erstkommunion 1952. )

Studentenbewegung und Apo sind an Oskar Lafontaine weitgehend spurlos vorbeigegangen, obwohl er behauptet, die politischen Reformbestrebungen hätten auch sein Denken geprägt. Er hat an keinem Sit-in teilgenommen. Der Student Oskar unterscheidet sich damit nicht nur von den Gleichaltrigen bei den Grünen, sondern auch von vielen in der SPD. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den Bewegungen, die Hochschulen und Gesellschaft in Unruhe versetzten, ist mir völlig unbegreiflich.

Ein anderer aus dieser Generation, der heutige Minister in Bayern, Peter Gauweiler, hat mir mal erzählt, Ende der sechziger Jahre habe bei ihm zur Entscheidung gestanden: Entweder ich werde in der Studentenbewegung politisch aktiv, etwa an der Seite von Rolf Pohle in München, oder ich entscheide mich für eine politische Karriere in der CSU. Bekanntlich tat er letzteres.

Oskars Protest gegen seine »politischreaktionären« Lehrer und Konviktleiter bestand darin, daß er sich der SPD zuwandte.

So wie Gauweiler in München haben sich in Berlin Diepgen oder Landowsky aus der späteren »Betonfraktion« der CDU entschieden. Mit verteilten Rollen haben sie die Führung der CDU in Berlin erobert. Lafontaine mag sich ähnliches gedacht haben. Filmer/Schwan berichten darüber nicht viel. Nur, daß Lafontaine 1966 den Kommilitonen Reinhard Klimmt - noch heute sein Vertrauter und Kronprinz - angesprochen hatte, ob man nicht gemeinsam den laschen Haufen der Jusos in der Landeshauptstadt zur Aufmüpfigkeit bringen könne. »Ich mach'' den Vorsitz, du den Stellvertreter«, soll Oskar gesagt haben.

Als die politisch bewußten Studenten ihrer Generation gegen Vietnamkrieg, gegen den Einfluß alter Nazis, gegen den Mief an den Hochschulen auf die Straße gingen, organisierten Lafontaine und Kommilitonen mit konsequentem Opportunismus den Vorstoß in das personelle Vakuum der etablierten Parteien und an die Hebel der Macht. Mit Erfolg, wie man sieht.

Die Autoren versuchen das Erfolgskonzept Lafontaines zu ergründen. Sie finden ein ausgeprägtes Machtbewußtsein, ein Selbstwertgefühl, das keine Widersacher duldet, Redegewandtheit, das Bemühen, sich mit einem Kreis gut ausgesuchter Berater zu umgeben, und ein ausgeprägtes politisches Gespür für Themen und Stimmungen in der Bevölkerung; vor allem aber immer wieder die medienwirksame Provokation: 1969 provoziert er mit dem Vorwurf der Korruption die Landesregierung an der Saar wegen der Errichtung einer Spielbank und des Verkaufs der Saarbrücker Zeitung. Im Prozeß hält er den Verdacht nicht aufrecht. Aber in der Zwischenzeit hat er sich bundesweit in den Medien profiliert.

Wer Lafontaines neue Programmatik und insbesondere das Programm Fortschritt 90 der SPD abklopft - wie es Renate Damus, Vorstandssprecherin der Grünen, im Buch tut -, um Konkretes über die politischen Auffassungen des möglichen Partners einer rot-grünen Koalition zu erfahren, findet nur ein Sammelsurium und nicht viel Konkretes, an dem sich ein gesellschaftliches Projekt Rot-Grün orientieren könnte.

Auch der Biographie ist nicht viel Prinzipielles über seine politischen Auffassungen zu entnehmen. Er selbst spricht von »Solidarität = Nächstenliebe«. Wenn das nicht bloße Worte bleiben, müßte etwas davon in der politischen Praxis Lafontaines zu finden sein. Ich sehe davon nichts. Mit vielen seiner Thesen scheint es ähnlich zu verlaufen wie mit dem Vorwurf der Korruption gegen die Landesregierung 1969. So hat Lafontaine seiner Glaubwürdigkeit immer wieder selbst geschadet.

Lafontaine ist nicht der Strauß der SPD, vielleicht eine ebenso schillernde Persönlichkeit, aber es fehlen die Prinzipien des Bayern. Ist Lafontaine deshalb bloß ein Opportunist, prinzipienlos als Relikt seiner Konviktserziehung? Auch das Buch von Filmer/Schwan beantwortet diese Frage nicht.

** Werner Filmer, Heribert Schwan: »Oskar Lafontaine«. Econ Verlag;375 Seiten; 44 Mark. * Bei der Erstkommunion 1952.

Hans-Christian Ströbele
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