»Eine Art Performance« - DER SPIEGEL
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»Eine Art Performance«

Nike Wagner, 61, Chefin des Kunstfests Weimar, über den Eklat um die Eröffnungsrede des Historikers Hermann Schäfer
Von Malte Herwig und Hans Michael Kloth
• aus DER SPIEGEL 36/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Wagner, wie erklären Sie es, dass Ihr Festredner Hermann Schäfer, der Stellvertreter von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, sich bei der Eröffnung des Kunstfests so im Sujet vergriffen hat?

Wagner: Ich kann das nicht erklären. Es ist mir unverständlich, dass seine Rede so ausgefallen ist. Es war ja nicht misszuverstehen, was das Thema des Abends war: »Gedächtnis Buchenwald« - deutlich zu lesen auch auf der Homepage der Bundesregierung.

SPIEGEL: Aber offenbar gab es schwere Missverständnisse über Begriffe und Kontext. Tragen Sie als Veranstalterin keine Mitverantwortung?

Wagner: Nach der Absage des Kulturstaatsministers war es richtig, sich an den protokollarisch zweiten Mann im Amt zu wenden. Dass dieser Historiker ist, zur Zeitgeschichte gearbeitet hat und überdies im Stiftungsrat der Gedenkstätte Buchenwald sitzt, schien günstig. Soll ich da noch die Oberlehrerin spielen und ihm das Aufsatzthema vorschreiben?

SPIEGEL: In Ihrer Einladung war als Thema für »Reflexionen« des Redners aber ausdrücklich von »Flucht und Vertreibung - Vertreibung und Vernichtung« die Rede.

Wagner: Der Hauptteil des Briefes handelt von Buchenwald, da steht ausdrücklich, dass es hier um ein Konzert zum Gedenken an die Opfer des ehemaligen KZ geht. Dann habe ich ihm einen thematisch weiter gefassten Raum skizziert, von seinem Fachgebiet Vertreibung aus rückwärts in die Zeit des Holocaust. Das gab ihm Gelegenheit zur Differenzierung. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das missverstanden werden könnte.

SPIEGEL: Die Schuld an dem Eklat reicht Schäfer nach wie vor an Sie weiter. Am Telefon sei es ihm als Ihr ausdrücklicher Wunsch benannt worden, dass er speziell über Flucht und Vertreibung reden möge. Ihre Geschäftsführerin Franziska Castell hat Schäfer deswegen der Lüge bezichtigt. Lügt Schäfer?

Wagner: Franziska Castell hat Herrn Schäfer im Juni um eine Antwort auf meine Einladung gebeten. Diese war zwischenzeitlich im Kanzleramt verlegt worden. Wochen später rief sein Büro an und erkundigte sich nach dem Thema. Frau Castell erläuterte lediglich den Charakter der Veranstaltung. Von einer weiteren Präzisierung des Themas war nicht die Rede.

SPIEGEL: Findet in Deutschland ein erinnerungspolitischer Paradigmenwechsel statt, für den diese Rede symptomatisch wäre?

Wagner: Zumindest gibt es eine Debatte, die notwendig war. Das Kunstfest darf es als Erfolg verbuchen, diese Debatte - wenn auch ungeplant und unfreiwillig - angestoßen zu haben. Hier ist etwas passiert, worum sich Theater vergeblich bemühen, eine Art Performance, eine sich selbsttätig entzündende Interaktivität zwischen Redner und Publikum. Als ob eine Landschaft vom Blitz schlagartig erhellt wird.

SPIEGEL: Der Beamte Schäfer wie auch sein Dienstherr haben sich inzwischen entschuldigt. Der Staatsminister will den Betroffenen schreiben, und Schäfer soll mit den KZ-Opfern reden. Stellt Sie das zufrieden?

Wagner: Das kommt auf die Art und Weise an, wie das Treffen von Herrn Schäfer mit dem Sprecher der ehemaligen KZ-Häftlinge verlaufen wird. Und Erkenntnisprozesse darf man immer vermuten. Leider nur solidarisierte sich die NPD Thüringens mit Herrmann Schäfer.

SPIEGEL: Würden Sie Herrn Schäfer noch einmal einladen?

Wagner: Nein.

SPIEGEL: Eine klare Antwort.

Wagner: Es gibt Dinge, die schockieren: Dinge des Stils, des Takts, der Haltung. Auf der Bühne und danach. Etwa Schäfers Entschuldigungsversuch: Hätte er gewusst, dass ein ehemaliger Buchenwald-Häftling vor ihm sitzt, hätte er ihn in seine Rede eingebunden. Als ob es darum ginge. Was, wenn der letzte Häftling verschwunden ist? Darf dann Schluss sein? INTERVIEW:

MALTE HERWIG, HANS MICHAEL KLOTH

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