»Eine Art positiver Rassismus«
Stammeskriege erschüttern europäische Metropolen. Ob London, Paris, Frankfurt, Leipzig oder Berlin: Überall bietet sich ein ähnliches Bild. Jugendbanden durchstreifen mit lautem Kriegsgeschrei und martialischem Outfit den Großstadtdschungel. Aufgeschreckte Bürger verlangen nach Polizeischutz und verbarrikadieren sich in ihren Wohnungen. Die Rhythmen, die den multikulturellen Alltag begleiten, sind ihnen zu heiß.
Die schrillsten und radikalsten Partituren werden augenblicklich im welthistorisch gebeutelten Berlin komponiert. Dort liefern sich, beschattet von deutsch-deutschen Vereinigungen, multiethnische Streetgangs Straßenschlachten mit Skinheads, Neonazis und Polizisten.
Rivalisierende Gangs wandeln auf dem Kriegspfad. Sie kämpfen um Ruhm, Ehre und die Kontrolle über ihre Hoheitsgebiete. Mit Fahrradketten, nagelbespickten Baseballschlägern, Butterfly-Messern, Wurfsternen, Leuchtspurgeschossen, Molotowcocktails und asiatischen Kampfhölzern bewaffnet, ziehen sie in die Schlacht. Die Freunde klarer politischer Weltbilder stoßen schnell an Grenzen. Denn die Kämpfe der multikulturellen Streetgangs lassen sich dem Links-Rechts-Schema nicht einfach zuordnen. ** Klaus Farin, Eberhard Seidel-Pielen: »Krieg _(in den Städten. Jugendgangs in ) _(Deutschland«. Rotbuch Verlag, Berlin; ) _(157 Seiten; 15 Mark. * Aus Frankfurter ) _(Schulen. )
Täglich wechseln Kämpfer die Fronten. Wie ist der 17jährige Mesut einzuschätzen? Erst prügelt der Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters in einer Skinheadgruppe für Deutschland. Danach schließt er sich einer von türkischen Jugendlichen dominierten Streetgang an - jetzt vertritt er die Meinung: »Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi.«
11 Verfahren wegen Körperverletzung hat Mesut am Laufen. Seine weichen Gesichtszüge und sein unbeholfenes Auftreten passen nicht recht zum Bild des erbarmungslosen Schlägers. 1987 gründete Mesut mit ein paar Freunden die »Fighters« im Märkischen Viertel. Hier, in der Streetgang, beginnt seine eigentliche Schlägerlaufbahn.
Ständig ist er in Auseinandersetzungen mit echten und vermeintlichen Skinheads und Neonazis verwickelt. »Ich habe einen Auftrag zu erfüllen. Wenn ich einen Nazi sehe, muß ich gleich auf ihn zugehen und ihn umhauen.« Sein Haß ist grenzenlos.
Seit der Grenzöffnung in Berlin haben Mesut und die »Fighters« alle Hände voll zu tun. »Jetzt sind wieder mehr Nazis da.« Aus dem Berliner Industrievorort Henningsdorf fallen in regelmäßigen Abständen rechte Skinheads im Märkischen Viertel ein und machen mit Leuchtspurmunition Jagd auf Mitglieder der Streetgang. Aber auch die »Fighters« fackeln nicht lange. Als sie von der Vorherrschaft der Skinheads und Hooligans auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz erfuhren, machten sie mobil. »Wir sind öfter rübermarschiert und haben auf dem Alex aufgeräumt.«
Die bevorzugte Behandlung von Aus- und Übersiedlern sowie der Ostdeutschen im Zuge der Wiedervereinigung stößt den in Berlin geborenen ausländischen Jugendlichen sauer auf. Zu keiner Zeit haben sie ihre Zweit- und Drittklassigkeit so hautnah gespürt wie in den letzten Monaten. Die Empfindung, in der »Heimat« für immer fremd zu bleiben, verfestigt sich. Auch die Ängste vor Verdrängung auf dem Arbeitsmarkt sind nicht unbegründet.
Letztes Jahr waren im Bereich der Banken und des Handels in West-Berlin bereits 40 bis 50 Prozent der Lehrstellen mit Ost-Berliner Jugendlichen besetzt. Unter diesen Bedingungen haben es ausländische Schüler selbst mit Hauptschulabschluß schwer, einen Ausbildungsplatz zu erhalten.
Prompt haben sich die Streetgangs ein neues Angriffsziel erkoren. Überfälle auf Schulen kommen in Mode. So zogen rund 40 türkische Kids nach Schulschluß los, um die Friedensburg-Oberschule in Berlin-Charlottenburg »aufzurauchen«. _(* Am 17. August aus Anlaß des Todestages ) _(von Rudolf Hess. ) Hintergrund des Feldzuges: Zuvor war es an der Schule zu Auseinandersetzungen zwischen türkischen Jugendlichen und den Kindern polnischer Aussiedler gekommen. Vorwurf der Türken: »Die Polacken zeigen zuviel Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz. Sie drücken damit das Niveau der türkischen Schüler.«
Was sich hier in aufsehenerregender Form Ausdruck verschafft, ist nicht zuletzt das Ergebnis verfehlter Schulpolitik. Ein Schulsystem, das inhaltlich und didaktisch ausschließlich auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft programmiert ist, erzeugt vor allem bei den Kindern der türkischen Einwanderer schulischen Mißerfolg. Die Konsequenz: Mehr als dreimal so viele ausländische wie deutsche Schüler verlassen die Hauptschule ohne Abschluß.
Experten sind sich über die Ursachen des kollektiven Schulversagens einig. So werden in Berlin 25 Prozent der Grundschüler und 54 Prozent der Hauptschüler aus türkischen Immigrantenfamilien getrennt von den Deutschen unterrichtet.
Der »Türkische Elternverein« sieht hier eine der Hauptursachen für die Bildung von Jugendbanden: »Die Zahlen belegen eindrucksvoll die Chancenbegrenzung und gesellschaftliche Isolierung der türkischen Kinder und Jugendlichen schon im Schulalter. Die Multikulturalität dieser Gesellschaft spiegelt sich nirgendwo in den Rahmenplänen wider. Nach mehr als 35 Jahren Immigration muß sich dieser Prozeß auch in den Lehrinhalten niederschlagen, damit ein interkulturelles Lernen sowohl für die Deutschen als auch für Immigrantenkinder ermöglicht wird.«
Auch Güven sieht in der Schule die Keimzelle der Gangs. Güven, Mitglied einer Streetgang aus dem Märkischen Viertel, sticht im Mai 1990 einen Jugendlichen in der U-Bahn nieder und verletzt ihn lebensgefährlich. Er wird festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Aus der Zelle schreibt er an seine Freunde: _____« Es fängt meistens in den Schulen mit der » _____« Bandenbildung an. Die Jugendlichen schließen sich immer » _____« häufiger einer Gang an, wo sie dann glauben, daß sie sich » _____« nicht mehr schwach fühlen müssen. Sie fühlen sich dadurch » _____« sicherer und haben dann auch keine Angst, daß ihnen etwas » _____« passieren könnte. Die meisten haben Probleme in der » _____« Familie, deshalb fühlen sie sich in der Gruppe wohl und » _____« glauben, daß dadurch alles wieder besser wird. Man sollte » _____« genau dort mit der Hilfe anfangen, wo auch die Probleme » _____« anfangen. »
Sozialpädagogen und Psychologen stimmen mit Güven überein. So kommen der Türkische Elternverein und der »Bund psychosozialer Fachkräfte aus der Türkei« zu dem Ergebnis: »Der Generationskonflikt zwischen Immigrantenjugendlichen und ihren Eltern hat sich nach unserer Beobachtung zugespitzt. Viele dieser Jugendlichen sind nicht mehr bereit, nach den Wertvorstellungen ihrer Eltern zu leben, vor allem die elterliche Autorität unbefragt zu akzeptieren.«
Experten, die vor Ort arbeiten, haben bereits vor Jahren eine derartige Entwicklung prognostiziert. So auch der Psychologe Kadir Kaynak: »Wir haben den Politikern immer wieder versucht klarzumachen, daß die türkische Familie nicht so stark ist, wie sie glauben möchten. Die Energien der Familien reichen nicht mehr aus, die Konflikte mit den Jugendlichen, die viele Ursachen haben, allein zu lösen.
»Viele Eltern haben kaum noch Kontakt zu ihren Kindern. Sie stehen morgens um vier, fünf Uhr auf und gehen in die Fabrik. Um 16 Uhr haben sie Feierabend. Anschließend treten sie ihren zweiten Job an und putzen nach Ladenschluß noch zwei, drei Stunden irgendwelche Büroräume und Kaufhäuser. Wenn diese Kinder nicht durch Kinderläden und andere soziale Einrichtungen aufgefangen werden, landen viele bereits mit neun, zehn Jahren in kriminellen Gruppen. Ich lerne elfjährige Kinder kennen, zu denen kein Kontakt mehr aufzubauen ist. Sie sind völlig verwahrlost, leben auf der Straße, in Abbruchhäusern oder bei älteren Männern, die sie sexuell und als kriminelle Handlanger mißbrauchen.«
Die Jugendlichen werden aufgerieben zwischen Migrationsprozeß, gesellschaftlicher Diskriminierung und verfehlter Lebensplanung der Eltern. Schon macht das Wort von der »Verlorenen Generation« die Runde.
Das Faustrecht der Straße ist oftmals das einzige Mittel, einen Rest an Würde zu wahren - eine Erfahrung, die Wolfgang Zirk, Mitarbeiter der »AG Gruppengewalt« der Berliner Polizei, in seinem Arbeitsalltag immer wieder macht. »Die Mühe, die man für Anerkennung zum Beispiel in der Schule aufwenden muß, kann man auf der Straße innerhalb kürzester Zeit nachholen. Wenn man jemanden flachhaut, ist im Nu die Anerkennung der Freunde da.«
»Irgend etwas kaputtmachen, Scheiben zusammentreten, eine S-Bahn auseinandernehmen . . . Da kann ich mich so richtig auslassen.« Saufen, Randale und die Prügeleien, das ist es, was wiederum Alexander, 21, so an der rechten »Olsenbande« fasziniert. Vor zwei Jahren erregte die Gang durch spektakuläre Überfälle auf Linke und Ausländer die Gemüter.
Ähnlich den Weddinger Vorläufern der türkischen Jugendgangs in den frühen Siebzigern lungern die Jungs der Olsenbande orientierungslos auf den Straßen herum. Kein Jugendzentrum, das ihnen offenstünde. Deren Mitarbeiter scheuen das »Faschopack« wie der Teufel das sprichwörtliche Weihwasser.
»Mit Neonazis arbeiten? Ich glaube, da käme ich ganz schön in Schwierigkeiten mit meinen Überzeugungen.« Das Gros der Pädagogen ist mit »wichtigeren« Aufgaben beschäftigt.
Kids wie Alexander fallen als Klientel einer fortschrittlichen und politischen Stadtteilarbeit schon lange aus. Die frühen siebziger Jahre, in denen man mit der »proletarischen Jugend« noch diffuse Revolutionserwartungen verknüpfte, sind längst passe. Die Politikfreaks der frühen Stadtteilinitiativen arbeiten mittlerweile als verbeamtete Dozenten an Hochschulen in hübsch möblierten Bildungs- und Integrationseinrichtungen oder staatlich subventionierten Stadtteilprojekten.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gilt ihre ungeteilte Fürsorge heute einem ganz anderen »brennenden gesellschaftlichen Problem": der Integration von Einwandererfamilien. Mit Veranstaltungen und mahnenden Appellen werben sie bei der Mehrheitsgesellschaft um Toleranz und Verständnis für die ethnischen Minderheiten.
Jugendliche wie Alexander, die sich aufgrund ihres lebensgeschichtlichen Hintergrunds dem multikulturellen Optimismus der neuen Mittelschichten verweigern, bleiben von den Angeboten der buntschillernden alternativen Initiativenwelt faktisch ausgeschlossen.
Thomas Mücke, einer der wenigen Sozialarbeiter, die die Kulturschranken zu den rechten Jugendlichen überwinden, sagt: »In ihrer Freizeit wissen die Jugendlichen nicht, was sie machen sollen. Einen attraktiven Jugendtreffpunkt gibt es nicht, da die Angebote der dort bestehenden Jugendeinrichtungen sie nicht ansprechen; als Möglichkeit des Gruppentreffens und -geschehens bleibt nur die Straße.«
Artikuliert einer der teutonischen Jungs seine Schwierigkeiten mit den orientalischen Nachbarn einmal laut, wird er gleich verbal niedergemacht. Fortschrittliche Lehrer kanzeln »unqualifizierte, rassistische Wortmeldungen« souverän mit Verweisen auf den deutschen Faschismus ab. Einige von ihnen schrecken nicht einmal davor zurück, den Identitätsschwierigkeiten ihrer Schüler mit dem bewährten Pauker-Druckmittel der Zensurenvergabe zu begegnen.
Alexander und seine Freunde finden an diesem Typ repressiv-antifaschistischer Aufklärung aus gutem Grund keinen Gefallen. »Natürlich strecken wir die rechte Hand aus und brüllen ,Sieg Heil''. Aber das ist mehr ein Gag und eben Provokation.« Vor allem in der Schule konnte man linke Lehrer damit herrlich hochnehmen. Und eine gelungene Provokation zieht die nächste nach sich.
So machte ein anderer »Gag« die Runde in der Olsenbande: »Vor zwei Jahren hat man zu jedem gesagt: Eh, paß auf, kauf nicht bei Juden!« Aber ganz so harmlos, wie ihn Alexander darstellt, ist der Spaß wohl doch nicht. »Manche von uns meinen das schon ernst. Die essen auch keinen Döner und kaufen nichts beim Türken.« Als ein Kumpel Alexander besuchte, lehnte er das angebotene Schultheiss-Bier ab. Alexander hatte es im türkischen Imbiß an der Ecke gekauft.
Bei einigen Pädagogen setzt sich langsam die Erkenntnis durch, daß nicht jede Hakenkreuzschmiererei der Ausdruck in sich gefestigter, faschistischer Überzeugungen sein muß, sondern auch als ein verklausulierter Hilferuf gelesen werden kann: »Wir haben in der Vergangenheit zu einseitig das Bild des edlen und hilflosen Ausländers beschworen, der per se Opfer ist und sowohl vor diskriminierenden Gesetzen geschützt werden muß wie vor denkbaren Angriffen.«
Ein seit den frühen Siebzigern in Berlin-Wedding arbeitender Sozialarbeiter kommt angesichts der jüngeren Entwicklung ins Grübeln. »Wir haben die deutschen Jugendlichen häufig mit einer Art positivem Rassismus überfordert. Einseitig haben wir von ihnen Verständnis für die kulturellen Eigenarten und Besonderheiten ihrer türkischen Nachbarn eingefordert, ohne dieselben Forderungen auch an die andere Adresse zu richten.«
Engagierte Wissenschaftler haben in den zurückliegenden Jahren ganze Bibliotheken mit gutgemeinten Forschungsarbeiten gefüllt. Ihre gesammelten Anstrengungen sind unter Titeln wie »Das türkische Wertesystem im Wandel«, »Das zerrissene Leben zwischen zwei Kulturen« oder »Die soziale Integration der Immigranten« erschienen. Gleichzeitig wurden Hunderte von Integrationsprojekten, Beratungsläden und Betreuungszirkeln mit viel Energie aus dem Boden gestampft - allesamt sicherlich Einrichtungen, die ihre Berechtigung keineswegs unter Beweis stellen müssen.
Daß sie unverzichtbar sind, zeigt die täglich geleistete Arbeit. Die erschreckende Funkstille, die herrscht, sobald es um andere Aspekte des Einwanderungsprozesses geht, muß daher um so mehr überraschen.
Kaum ein Wissenschaftler hat sich ernsthaft mit den psychosozialen Folgen befaßt, wie sie durch die Einwanderung auf seiten der Mehrheitsgesellschaft entstanden sind. Man tut so, als wäre die Einwanderung ein Phänomen, das lediglich die Biographien und Psychen der Immigranten berühre.
Reagiert ein Deutscher auf die Erfahrungen im multikulturellen Mietshaus, auf dem Kiez und am Arbeitsplatz mit demonstrativem Rückzug in seine an den Idealen der westlichen Aufklärung orientierte, germanophile »community«, wird er schnell als unverbesserlicher, nationalistischer Fremdenfeind abgestempelt. Selten - und wenn, dann nur sehr verhalten - werden seine Leistungen im Verlaufe des Einwanderungsprozesses gewürdigt. Er, der in weniger als 20 Jahren die Veränderung seines Wohnumfeldes von einem zentraleuropäisch geprägten, zumeist proletarischen Bezirk hin zu einem multiethnischen Konglomerat bereitwillig mitvollzog, bleibt mit seinen Verunsicherungen allein.
Schwierigkeiten werden allenfalls am Stammtisch oder im Familienkreis, dann allerdings lautstark, geäußert. Für eine diskutierende Öffentlichkeit sind solche Äußerungen kein Thema. Sie würden unter der Rubrik Ausländerfeindlichkeit schleunigst abgeheftet.
Auch breite Teile der Linken können sich diesen Fragen offenbar nicht wirklich stellen. Wahrscheinlich sind sie ihrem eigenen, verdeckt rassistischen Menschenbild verhaftet, das stillschweigend von der kulturellen Überlegenheit der Deutschen ausgeht. Also bleibt die ihren Diskussionen zugrundeliegende Voraussetzung unbefragt, es sei von einer deutschen Bankangestellten eben ein höheres Maß an Toleranz, Einsicht und situativer Anpassungsfähigkeit zu erwarten als von der Bäuerin aus dem unterentwickelten Anatolien.
So fehlt bis zum heutigen Tag zum Beispiel eine breite Diskussion, die sich mit den autoritären, nationalistischen und sexistischen Strukturen in vielen Einwandererfamilien auseinandersetzt. Die Ursachen von Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus werden in der Mehrheitsgesellschaft gesucht - in vielen Fällen zu Recht. Allerdings fällt dieser Ansatz nach 35jähriger Immigration _(* In Ueckermünde am Stettiner Haff; nach ) _(einem Anschlag in der Nacht vom 10./11. ) _(August. ) weit hinter den Stand der Entwicklung zurück. In den Einwandererbezirken und -städten gibt es inzwischen ein wechselseitiges Verhältnis des Erschreckens vor dem Andersartigen, das in Feindseligkeit und Aggression bis hin zu offenem Rassismus umschlagen kann. Die Formel »Ausländer sind die Opfer, Deutsche die Täter« hat sich überlebt.
Auch die Schule versagt, wenn es um die Probleme der Jugendlichen geht. Konflikte und Aggressionen werden zu Verwaltungsakten. Rainer Sauter, Sozialpädagoge in Kreuzberg: »Die Regel ist doch, daß auffällige Jugendliche verwarnt werden oder die Schulverwaltungen sich an die Polizei wenden, um dort in Form des Polizeischutzes nach einer ,Lösung'' zu suchen. Das verschärft den Konflikt und trägt ihn wieder aus der Schule heraus, aus dem Ort, der eigentlich hervorragend geeignet wäre, alle Grundfragen, die die Jugendlichen haben, aufzunehmen.«
Tatsächlich verdrängen viele Schulleiter die Realitäten. »Mit unseren Schülern haben wir keine Probleme. Es sind schulfremde Personen, die die Unruhe hier hereintragen« - auf so eine Reaktion stößt man häufig. Keine Schule möchte in den Geruch kommen, womöglich ein Zentrum jugendlicher Gewalt zu sein.
Natürlich ist der Rassismus eine wichtige Antriebsfeder der Kämpfe. Für eine Annäherung an die Motive der Akteure, zur Bestandsaufnahme und Analyse der rivalisierenden Jugendkulturen ist der Begriff jedoch nur bedingt geeignet. Inflationärer Gebrauch und ideologische Überfrachtung - beides Ausdruck für den unterentwickelten Stand der Rassismusforschung in der Bundesrepublik - machen ihn zur stumpfen Worthülse.
In der politischen Auseinandersetzung ist der Rassismusvorwurf eine gern und schnell gezückte Waffe, um den Gegner zu diskreditieren. Vielen dient er gleichzeitig als Orientierung in einer komplizierten Welt - der Rassist ist schlecht, der Antirassist ist gut.
Hooligans, Skinheads und Neonazis als rassistisch zu entlarven ist eine einfache Sache. Die Denkfaulen entledigen sich damit der Aufgabe, intensiver über Ursachen, Entstehungsbedingungen und Wirkungszusammenhänge nachzudenken.
** Klaus Farin, Eberhard Seidel-Pielen: »Krieg in den Städten.Jugendgangs in Deutschland«. Rotbuch Verlag, Berlin; 157 Seiten; 15Mark. * Aus Frankfurter Schulen.* Am 17. August aus Anlaß des Todestages von Rudolf Hess.* In Ueckermünde am Stettiner Haff; nach einem Anschlag in der Nachtvom 10./11. August.