NAHOST Eine Krone für den Verräter
Es gab Augenblicke, in denen der Palästinenser Abdullah Salama* kurz davor war aufzugeben und alles zu gestehen. Einmal, schon halb besinnungslos von den Schlägen, brachten seine Peiniger Metallkabel zum Glühen, mit denen sie ihn dann malträtierten. Er wurde fast verrückt vor Schmerzen. »Rede endlich!«, brüllten sie. Doch er hielt durch, sein Instinkt sagte ihm: »Wenn ich alles zugebe, bin ich mit Sicherheit tot - wenn ich schweige, überlebe ich vielleicht.«
Das Kalkül ging auf. Nach fünf Tagen ließen ihn die Milizen laufen. Einige Kilometer vor seinem Dorf warfen sie ihn aus dem Auto. Auf allen vieren kroch er vorwärts, bis ihn durch Zufall ein Freund fand. Vorerst war er gerettet, doch er wusste: Von nun an war er gebrandmarkt. Auf einem Flugblatt hatten Fatah-Kämpfer bekannt gemacht, dass Salama ein Kollabo-
rateur war, ein Spitzel der Israelis. Einer, der Namen und Pläne von palästinensischen Kämpfern ausplauderte. Der seine Brüder an den jüdischen Feind verriet.
Das geschah im Sommer 1991, die Intifada, der erste Aufstand gegen Israel, tobte, und die Jagd auf die Spione in den eigenen Reihen hatte begonnen. Besorgt brachten die Israelis einige ihrer besonders bedrohten Top-Informanten in Sicherheit. Doch Salama lehnte ab: »Solange ich in meinem Haus leben kann, bleibe ich.« Erst 1997, nachdem ihn der palästinensische Geheimdienst ein Jahr lang in Haft gehalten hatte, sah er ein, dass er fliehen musste.
So kam es, dass Salama, 48, ein religiöser Muslim, Metzger, Taxifahrer und Marktverkäufer, an die Türen des jüdischen Staates klopfte und um Asyl bat. Zuerst rief er seinen früheren Kontaktmann vom Geheimdienst an. »Was willst du denn hier?«, blaffte der ihn an, »geh wieder nach Hause.« Doch als er über einen anderen
Kollaborateur den Tel Aviver Anwalt Michael Teplow fand, der sich für ihn einsetzte, öffneten sich die Türen doch.
Nun leben Salama und sieben seiner zehn Kinder in einem Apartment mit Blick aufs Mittelmeer südlich von Tel Aviv. Die Behörden haben ihm einen israelischen Personalausweis ausgestellt. So wie er fanden Tausende ehemaliger Kollaborateure samt ihren Familien Unterschlupf in Israel, viele mit neuer Identität. Andere flohen auf eigene Faust aus dem Gaza-Streifen oder dem Westjordanland und leben seither illegal im jüdischen Staat. Häufig sind sie abgerutscht in die Kriminalität.
Für sie alle gibt es keinen Weg zurück. Immer wieder werden Informanten, manche auf bloßen Verdacht oder böswillige Anschuldigung hin, auf offener Straße exekutiert - oft genug unter dem Beifall der umstehenden Menge. Über 90 mutmaßliche Spitzel wurden in den vergangenen vier Jahren getötet, einige zur Abschreckung an Lichtmasten aufgehängt. Killerkommandos der Fatah-nahen Al-Aksa-Brigaden haben sich auf die Jagd nach Kollaborateuren spezialisiert. Männer wie der Milizenchef Abu Radeb führen einen verbissenen »Krieg gegen die Verräter«.
Seit Beginn der Besatzung 1967 haben Zehntausende Palästinenser mit den Israelis zusammengearbeitet, auch heute noch liefert ein Heer von Spitzeln Israel die dringend benötigten Informationen für den Kampf gegen die Terrormilizen. »Hinter jeder gezielten Tötung eines Hamas-Anführers steckt ein Kollaborateur«, sagt der palästinensische Menschenrechtler Bassam Eid. Viele Landsleute seien von den Israelis zur Mitarbeit genötigt worden. »Das Muster lautet: Bring Informationen, dann bekommst du auch was von uns - eine Arbeitserlaubnis, eine Reisegenehmigung, vielleicht sogar Haftminderung.« Israels Gefängnisse gelten bis heute als eine der Hauptrekrutierungsquellen für Zuträger. Auch bei der Ermordung des Hamas-Mitbegründers Scheich Ahmed Jassin und seines Nachfolgers Abd al-Asis al-Rantissi im Frühjahr sollen Verräter geholfen haben.
Anfang des Monats erst marschierten palästinensische Rachekommandos am helllichten Tag in das Hauptkrankenhaus von Gaza-Stadt und erschossen zwei mutmaßliche Spitzel in ihren Betten.
Solche Nachrichten lassen Salama das Blut gefrieren. Die Angst, dass es ihn eines Tages doch noch erwischen könnte, wird ihn wohl nie mehr verlassen. Er kann nicht mehr begründen, warum er so lange als Informant tätig war. »Das Schlimme ist: Ich weiß es nicht.« Doch Gewissensbisse plagen ihn nicht wirklich: »Ich habe vielleicht einige schlechte Dinge getan, aber auch viele gute.«
Gerade 20 war er, als die Zusammenarbeit 1976 begann. »Ich wollte was aus mir machen und dachte, dazu brauche ich Einfluss.« Von Bekannten hatte der Metzgerlehrling gehört, dass Kollaborateure nicht nur Geld bekämen, sondern auch Autos, manche sogar Häuser. Ein Freund, der bereits für die Israelis arbeitete, begleitete ihn zu einem ersten Treffen mit dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet.
Welche Aufträge er genau bekam, darf Salama nicht preisgeben. Es gehört zu den Auflagen seiner neuen Existenz in Israel, keine operativen Details zu enthüllen. Nur so viel: »Ich habe geholfen, geplante Anschläge zu verhindern.« Nie, beteuert er, seien Palästinenser auf Grund seiner Hinweise getötet worden. Richtig ist aber, dass er einige Landsleute ins Gefängnis gebracht hat, ein paar mussten bis zu 15 Jahre sitzen. Und ein wenig ist er auch heute noch stolz: »Ich hatte einen Namen als Kollaborateur. Ich habe tolle Arbeit gemacht.«
Lange fühlte er sich in seinem Doppelleben sogar sicher. »Bis zur ersten Intifada gab es eigentlich kaum Probleme. Vielerorts waren wir Kollaborateure nicht nur bekannt, sondern sogar angesehen. Wir konnten unsere Beziehungen auch zu Gunsten der Dorfbewohner nutzen.«
Salama sagt, er habe vielen Landsleuten die verhassten Gänge zu israelischen Behörden abgenommen. »Etliche Väter wandten sich an mich und baten mich, ihre Söhne aus der Haft zu holen.« In seiner weißen Mercedes-Limousine erledigte Salama Taxifahrten und auch seine heiklen Botendienste. »Ich hatte damals das einzige Auto im Dorf.« Später begann er sogar mit den verachteten Immobilienhändlern aus dem Westjordanland zusammenzuarbeiten, die palästinensischen Boden an Israelis verkauften.
Geld für seine Spitzeldienste habe er von den Israelis damals nicht bekommen, beteuert Salama, allenfalls »so etwas wie Reisespesen, mal 200 Schekel (etwa 35 Euro), mal 300«. Mit seinen Führungsoffizieren traf er sich meist in einem Café jenseits
der grünen Grenze, welche die besetzten Gebiete von Israel trennt.
Die erste Warnung erhielt er 1988, zu Beginn der Intifada. »Eines Abends kamen fünf schwer bewaffnete Maskierte in mein Haus. Sie drohten mir und forderten mich auf, meine Kontakte einzustellen.« Als der Schin Bet ihm einen weiteren Auftrag geben wollte, weigerte er sich: »Die Augen sind nun auf mich gerichtet.«
Nach seiner Entführung und öffentlichen Brandmarkung durch die Fatah-Milizen 1991 lebte er zunehmend isoliert. Das ganze Dorf wandte sich von ihm ab. Betrat er ein Kaffeehaus, verstummten die Gespräche. Hastig tranken selbst Freunde ihr Glas aus und standen auf, wenn er sich näherte. Er fand das scheinheilig. »Eigentlich hatten es doch alle längst gewusst.«
Dann, 1996, hätten ihn palästinensische Geheimpolizisten abgeholt, berichtet Salama. »Sie gaben mir Papier und sagten: ,Schreibe dein Leben auf.''« Mühsam füllte er fünf Seiten, doch die Zusammenarbeit mit den Israelis gestand er wieder nicht. »Du hast nicht geschrieben, was von dir erwartet wurde«, rügten ihn seine Kerkermeister. »Ein Jahr saß ich im Gefängnis und musste neue Misshandlungen erdulden.« Dann konnte er sich freikaufen. Als schon bald eine neuerliche Vorladung kam, entschloss er sich zur Flucht. »Ich zerriss das Papier in kleine Schnipsel und packte in Windeseile meine Sachen.«
Kurz nach den Verträgen von Oslo hatte das Büro des israelischen Premierministers mit dem Geheimdienst 1994 ein Aufnahmeprogramm zum Schutz ehemaliger Kollaborateure aufgelegt. Noch heute bekommen sie neue Papiere, Wohnung und Arbeit sowie Sprachunterricht. Der Staat hilft auch bei der Ausbildung der Kinder. Um jede Familie kümmert sich ein persönlicher Betreuer, der bei Problemen Tag und Nacht erreichbar ist.
70 000 Dollar erhielt Salama, so erzählt er, für den Kauf einer Wohnung. Um seine Kinder kümmern sich Nachhilfelehrer, im Sommer organisiert der Geheimdienst für sie sogar Grillpartys und Ausflüge.
Doch so gut ergeht es längst nicht jedem Spitzel. Der Geheimdienst sucht genau aus, wen er in Israel aufnehmen will und wen nicht. »Wir handeln aus humanitären Gründen, aber unser Budget ist begrenzt«, sagt ein Sicherheitsmann. Viele Informanten müssen selbst sehen, wo sie bleiben.
Mustafa Ibrahim* zum Beispiel kämpft derzeit vor Israels Oberstem Gericht um Aufnahme in das Programm - und damit um seine Anerkennung als Kollaborateur. Mit einer einstweiligen Duldung lebt der 37-jährige Schneider derzeit in Jerusalem. »Ihn in die Palästinensergebiete zurückzuschicken würde wohl das Todesurteil bedeuten«, sagt Anwalt Teplow. Über die Jahre hat der Jurist bereits Hunderte ehemaliger Kollaborateure vertreten, die eine Anerkennung ihrer Dienste fordern. »Sie haben Israel geholfen und dafür ihr Leben aufs Spiel gesetzt.«
Teplow, ein religiöser Siedler, glaubt, dass sein Land nicht genug für die einstigen Zuträger tut: »Wir haben die Verantwortung für diese Leute.« Einmal musste er dem Auswahlkomitee erst Fotos vorlegen, die hohe Armee-Offiziere auf Familienfeiern eines Kollaborateurs zeigten. Die israelischen Behörden hatten sich unmit-
telbar zuvor gegen eine Anerkennung des Spitzels ausgesprochen.
Auch Mustafa Ibrahim erhielt einen Ablehnungsbescheid. Vor dem Obersten Gericht musste der Schin Bet allerdings einräumen, dass Ibrahim ihnen im Jahr 1987 Informationen geliefert hatte. In 16 weiteren Fällen habe er der Polizei zugearbeitet, 5 seiner Hinweise seien sogar »produktiv« gewesen. Doch das reichte nicht. Die Unterstützung müsse »substanziell für uns gewesen sein«, erläutert ein Sicherheitsoffizier. Anwalt Teplow klagt: »Die Aufnahmekriterien sind Staatsgeheimnis.«
Ibrahim beteuert, er habe bereits 1984 begonnen, für den Schin Bet zu arbeiten. Er erinnert sich noch, als er zum ersten Mal zum israelischen Verwaltungssitz in Hebron kam, wo auch der Geheimdienst logierte. »Ich war damals 17 und wollte unbedingt eine Waffe. Ein Israeli mit dem arabischen Tarnnamen Abu Omar empfing mich. Er sagte, wenn ich ihm die Wahrheit berichte, werde er mir die Krone von König Hussein schenken.«
Sein erster Auftrag sei es gewesen, eine Zelle der Fatah-Jugend auszuspionieren, die einen Anschlag auf Siedler plante. »Wir trafen uns in einem Restaurant in Ost-Jerusalem, wo ich ein Abhörgerät bekam, das an meinem Körper befestigt wurde.«
Dann habe er sich in die Gruppe eingeschmuggelt und tatsächlich den Anschlagsplan auskundschaften können. »Die Verschwörer wurden verhaftet. Die Geheimdienstleute waren so zufrieden, dass sie mir eine Feier spendierten: Es gab reichlich Essen und sogar Alkohol.«
Als Israel die ersten Agenten in Sicherheit brachte, fragte Ibrahim seinen Kontaktmann, warum er nicht dabei sei. »Er sagte, nur diejenigen, die in Lebensgefahr schwebten, kämen nach Israel. Informanten wie mich gebe es Tausende.«
Dreimal wurde er seitdem von palästinensischen Sicherheitskräften verhaftet: »Sie ließen mich in Kübeln mit kaltem Wasser stehen, sie drückten brennende Zigaretten auf meinem Körper aus.« Schließlich konnte sein Vater erreichen, dass er freikam. Vor sechs Monaten warfen Unbekannte einen brennenden Traktorreifen in sein inzwischen verlassenes Haus. »Offenbar erkennen mich die Israelis erst an, wenn ich tot bin«, sagt er bitter.
Aber auch Salama, der längst erreicht hat, worum Ibrahim noch kämpft, ist deprimiert. »Ich habe keine Freude mehr. Ich bin weder Palästinenser noch Israeli, meine Vergangenheit werde ich nicht los.«
Manchmal begegnet er in Tel Aviv einem anderen Kollaborateur. Dann sagt er leise »Marhaba, hallo« - und geht schnell weiter. ANNETTE GROßBONGARDT
* Name von der Redaktion geändert.* Links: Hinweise von Kollaborateuren sollen bei der Tötung desan den Rollstuhl gefesselten Scheich Jassin durch israelischesMilitär eine Rolle gespielt haben; rechts: Die Männer zerren denToten die Treppe hinauf, um ihn zur Abschreckung auf dem Dachaufzuhängen.* Name von der Redaktion geändert.