Eine lange Ahnenreihe
Nr. 5/2004, Hightech: Das Maut-Desaster - wie die Blamage wirklich passierte
Jemandem 17 000 Seiten Vertragstext auf den Tisch zu legen ist gleichbedeutend mit der Aufforderung, den Vertrag ungesehen zu unterschreiben. Eigentlich ein Affront. Die schiere Menge sollte Sachkompetenz unterstellen. Wahre Experten müssen jedoch in der Lage sein, den Vertragsgegenstand in bis zu 150 Seiten zu formulieren. Florian Gerster ist wegen vergleichsweise harmloser Probleme aus dem Amt gezwungen worden. Die Herren Mangold beziehungsweise Schrempp, die dieses Maut-Desaster ja mitverantworten, sind jedoch absolut unbehelligt. Für mich wurde klar: Der technologische Super-GAU ist in vollem Bewusstsein der Realität den hilflos bis unfähigen Verkehrsministern und dem Ministerium untergeschoben worden. Geschädigt ist das Volk.
OSTERMÜNCHEN (BAYERN) DR. FRIEDRICH WÖRNDLE
Und? Kann das »Obu« etwa nicht einmal den physischen und psychischen Zustand des Fahrers übermitteln? Ach, wir Deutschen: Immer schön das Rad neu erfinden! Da muss es doch endlich möglich sein, die »Eier legende Wollmilchsau« in jeden Lkw zu implantieren!
SIMONSBERG (SCHL.-HOLST.) OLAF SCHOPPE
Automatische Kamerasysteme auf den Autobahnen, die jedes Fahrzeug aufnehmen. Genau dafür die vor ein paar Jahren eingeführten maschinenlesbaren Nummernschilder. Und alle Daten landen in einem Bunker, der als »bestgehütetes Geheimnis« beschrieben wird. Sollte irgendeine Unklarheit bestehen, wer wann mit welchem Auto wo in Deutschland unterwegs war, lässt sich das sicherheitshalber noch mit dem Verbindungsdatenbestand der Mobilfunkbetreiber abgleichen. Fehlt nur noch das GPS-taugliche Implantat für jeden Neugeborenen - schöne neue Welt. Ich vermute fast, die Toll-Collect-Komödie wurde nur deshalb aufgeführt, um von einem der größten Datenschutzdesaster abzulenken, die es in diesem Land je gab.
ISERLOHN (NRDRH.-WESTF.) MICHAEL BUßMANN
Es scheint wohl ein schon fast pathologischer Zug der Deutschen zu sein, in wiederkehrenden Abständen die Welt von der Genialität deutschen Erfinderschaffens und Innovationsgeistes überzeugen zu wollen. Toll Collect kann sich in eine lange Ahnenreihe verstiegener Technologie-Phantastereien einordnen, die von der V2, dem Nuklearschiff »Otto Hahn« bis hin zu Desy und dem Cargolifter reicht. Es ist traurig und unterhaltsam zugleich, dass sich Politiker, Wirtschaftsbosse, Wähler und Steuerzahler weiterhin in regelmäßigen Abständen mit Geschwafel von vermeintlichen »Zukunftstechnologien« die Hirne vernebeln lassen und sich dabei regelmäßig vor der ganzen Welt grandios blamieren.
HOLZKIRCHEN (BAYERN) DR. JÜRGEN LIESKE