»Eine Sauwut habe ich«
Mit zwölf Jahren verließ ich Deutschland, wo ich sechs Jahre gelebt habe. Meine Familie zog wieder zurück nach Italien. Das war 1973. Im Mai dieses Jahres kam ich nach Deutschland zurück, um hier in Frankfurt Germanistik zu studieren.
Die Deutschen schauen ängstlich nach allen Seiten, um ja einer drohenden Diktatur entgegentreten zu können. Sie haben die Diktatur schon längst. Sie kam schleichend, auf leisen Sohlen. Ihr habt sie nicht bemerkt in eurem Eifer, sie links oder rechts zu suchen. Sie kam von oben. Ihr habt eine Justiz-Diktatur.
Wenn ein Arbeiter unbequem wird, er wird mit der Justiz gefeuert. Wenn jemand eine politische Meinung vertritt, die jemandem nicht paßt, die Justiz macht ihn fertig.
Ich habe mich sehr gewundert, wie die Richter in Nürnberg die Jugend dort kassierten. Sie werden jetzt ins Vorfeld der Terroristen hineinverklagt: von der Justiz.
Es ist schlimm, mit meinen Freunden darüber zu reden. Sie werden gegängelt und trauen sich nicht, den Mund aufzumachen. Sie wollen zum großen Teil in den Staatsdienst. Wenn man sie in einer Demonstration erwischt, werden sie fertiggemacht. Von der Justiz.
Ihr baut hier eine Startbahn, ich weiß nicht, ob sie notwendig ist. Eure Lufthansa sagt, sie wird nicht gebraucht. Ein S.9 paar Tage später verschwindet diese Studie der Lufthansa, und die Mitarbeiter der Firma werden verdonnert, den Mund zu halten.
Meine Freundin, eine Stewardess, hält den Mund. Wovor hat sie Angst? Vor dem Rausschmiß. Wer macht dies möglich? Eure Justiz.
Ein Kollege meiner Freundin wird gerade gefeuert, weil er gegen die Startbahn ist. Wer macht das möglich? Die Justiz.
Die Startbahngegner werden zu Chaoten gemacht, weil sie sich gegen die Polizei wehren. Warum? Damit die Justiz sie besser fertigmachen kann. Den Sprecher gegen den Ausbau des Flughafens hält man sich vom Leibe, indem man die Justiz einschaltet.
Der Herr Börner sagte von Anfang an, er habe das Recht auf seiner Seite. Wer nicht seiner Meinung ist, dem drohte er nicht nur mit der Polizei, er setzte sie auch ein. Wessen Hilfe bedient er sich dabei? Der Hilfe der Justiz.
Mein Freund hat die Aufkleber von seinem Auto abgemacht und hält sich heraus. Er hat Angst, daß er sonst seine Stelle nicht erhält und umsonst studiert hat.
Eine Sauwut habe ich!
Mein Vater ist traurig, daß ich wieder in das Chaos von Italien zurückkehre. Ich werde versuchen, ihm zu erklären, daß seine gelobte deutsche Welt ein Friedhof ist.
Frankfurt RODOLFO CARNETTI