DIPLOMATEN Eine scheußliche Sache
Um den bayerischen Staatsrat Dr. Gebhard Seelos ist es in diesen Tagen noch einmal laut geworden, um den Mann, der am 5. Oktober 1950 in der 89. Sitzung des Deutschen Bundestages die Einsetzung des SPIEGEL-Ausschusses beantragt hatte und der seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag (am 25. September 1951) als rüstiger Fünfziger ohne Beschäftigung, aber mit den 1200 DM Monatsgehalt eines aktiven Ministerialdirektors, in München spazieren geht. Der neue Wirbel um seine Person hänge, wie Seelos sagt, mit seinem Versuch zusammen, sich »unauffällig und in aller Stille aus dem politischen Leben zurückzuziehen«. Dieser Versuch brachte Seelos ein staubwirbelndes Parteiausschlußverfahren aus der Bayernpartei ein.
In das politische Leben, das für ihn nun abgeschlossen sein soll, geriet der Dr. Seelos relativ spät und zunächst in gemäßigter Form, als die ersten Keime staatlicher Neuordnung nach der bedingungslosen Kapitulation aus dem frisch gepflügten demokratischen Acker Nachkriegsdeutschlands sprossen.
Er war als Parteiloser nacheinander Bevollmächtigter Bayerns im Range eines Ministerialrats beim Länderrat der US-Zone in Stuttgart und später - als Ministerialdirektor - beim Exekutivrat des Frankfurter Wirtschaftsrats. Am 1. Juli 1947 wurde er zum Bayerischen Staatsrat ernannt. Was ihn für diese Ämter prädestinierte, war außer seiner bewährten bayerisch-föderalistischen Grundeinstelstellung noch eine komplette Ausbildung und langjährige Praxis im diplomatischen Dienst, die schon am 1. Juli 1925 begonnen hatte und bis hoch in den zweiten Weltkrieg hinein dauerte.
In die Frankfurter Zeit des Dr. Seelos beim Wirtschaftsrat fielen die ersten Diskussionen über die Vorbereitung deutscher diplomatischer Vertretungen im Ausland - zunächst als Wirtschaftsvertretungen geplant - , damit natürlich auch die ersten rivalisierenden Reibungen zwischen SPD und CDU, in denen der an diesen Dingen von Berufs wegen interessierte immer noch parteilose Diplomat Seelos seine Meinung mit der Bemerkung markierte: »Wenn die von der SPD glauben, ein zukünftiges Außenamt ohne die Erfahrung der alten Füchse vom AA aufbauen zu können, dann tut mir Deutschland jetzt schon leid.«
Mehr noch als Deutschland dauerte katholischen Föderalisten wie Seelos in der ersten Hälfte des Jahres 1949 aber offenbar die Entwicklung, die es mit dem Lande Bayern und mit dessen Verhältnis zum kommenden Bund nahm.
Seine Gedanken zu diesem Thema und seinen daraus entspringenden Entschluß, sich der Bayernpartei anzuschließen, teilte Seelos am 1. Juni 1949 dem Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Ehard (CSU) mit.
Bis zum 19. Juni hatte Seelos dann vom demagogischen Jargon seines nunmehrigen Parteichefs Josef Baumgartner bereits soviel abgeguckt, daß er auf dem Landesparteitag der BP in Passau seine ebenso kurze wie markerschütternde Rebellenrede hielt, in der er »zum Kreuzzug für Bayern und zur Rebellion gegen die Verantwortungslosigkeit, gegen die unsauberen politischen Methoden, gegen den innerpolitischen Belagerungszustand der Bürokratie, gegen einen preußischen Nationalismus und schließlich gegen die Übernahme des Kommandos in Bayern durch Hannover« (den damaligen Sitz des SPD-Vorstandes) aufrief.
Der Erfolg dieser Rede war geteilt: Die Bayernpartei nominierte ihn als Kandidaten
für die Bundestagswahl - der Bayerische Ministerrat beschloß am 20. Juni seine Beurlaubung als Ministerialdirektor. Immerhin: als er im Herbst 1949 über die Ergänzungsliste der BP in den Bundestag einzog, wo er BP-Fraktionsvorsitzender wurde, konnte er die Gewißheit haben, neben den zu erwartenden Diäten noch über 1200 DM Monatsgehalt zu verfügen.
Die Ernüchterung des Staatsrates Seelos über die Entwicklung in seiner Bonner Bayernpartei-Fraktion ließ nicht lange auf sich warten. Da waren - wie er erst sehr viel später gestand - »dauernder mit schmutzigen Mitteln geführter Streit in der Bayernpartei, Skandale am laufenden Band um Führer und Abgeordnete der Bayernpartei« und, als Seelos auf Amerika-Reise war, schließlich »Enthüllungen der menschlichen Unzulänglichkeiten von Abgeordneten der Bayernpartei im SPIEGEL-Ausschuß«. Seelos beantragte selbst die Einsetzung des Untersuchungsausschusses 44, der als SPIEGEL-Ausschuß bekannt wurde.
Um »die Partei nicht in dieser Krisenzeit im Stich zu lassen«, verschob er nach seiner Heimkehr aus Amerika die Niederlegung seines Bundestagsmandates noch bis zum 25. September 1951. Er begründet diese Niederlegung damit, daß er in den diplomatischen Dienst zurückkehren wolle.
Seit dieser Zeit empfängt er nun in München sein Gehalt als aktiver 51jährider Ministerialdirektor mit dem gleichen Gefühl, das der Preuße Bismarck einst nach seiner Entlassung in die Worte kleidete: »Es ist eine scheußliche Sache, morgens, nachdem man seine Uhr aufgezogen hat, schon zu wissen, daß nun die Arbeit für den kommenden Tag getan ist.«
Als die innerpolitischen Machtkämpfe des Frühjahrs 1952 dem Bayerischen Landtag zu einer Folge turbulenter Sitzungen verhalfen, war Seelos immer noch nicht in den diplomatischen Dienst zurückgekehrt. Und da tat er den Schritt, auf den nun sein Parteiausschlußverfahren folgte. Er glaubte trotz seiner Abseitsstellung einen »Ruf zur Einigkeit« in Münchens »Süddeutscher Zeitung« veröffentlichen zu sollen, in dem er einmal mehr den irrealen Wunschtraum föderalistischer bayerischer Idealisten in Worte faßt:
»Es ist also für die CSU und Bayernpartei hohe Zeit, sich über die Art des Zusammengehens zu unterhalten. Zu einer Lösung wird man leicht kommen können, wenn sowohl von der CSU als von der Bayernpartei je ein bis zwei maßgebende Persönlichkeiten ausscheiden, die in der Oeffentlichkeit allzu umstritten sind.«
Bayernparteigründer Ludwig Lallinger und sein Kreisverband München der Bayernpartei hatten die Sache mit dem »Ausscheiden maßgeblicher Persönlichkeiten« prompt übelgenommen: Das Ausschlußverfahren wurde nun gegen Seelos beantragt.
Die Partei war um Erklärungen nicht verlegen: »Das Rebellentum des Dr. Seelos erschöpfte sich in dem ergebnislosen Bemühen, während seiner Bundestagstätigkeit in den diplomatischen Dienst übernommen zu werden. Er schied dann 1951 aus dem Bundestag aus, als die Regelung seiner Pensionsbezüge als Staatsrat gesetzlich verankert und damit seine Existenz gesichert war.«
Seelos bestreitet nicht, daß er sich ergebnislos bemühte, in den diplomatischen Dienst übernommen zu werden. Er behauptet nun aber: »Gerade wegen meiner Tätigkeit in der BP haben sich bei der Frage meiner Wiederverwendung im Auswärtigen Dienst - auf die ich einen gesetzlichen Anspruch habe - Schwierigkeiten ergeben.«
Welcher Art diese Schwierigkeiten waren, das steht ausführlicher in jenem Brief, den der Dr. Seelos gegen Ende des vorigen Jahres dem Generalsekretär der Bayerischen CSU und Obmann der Landesgruppe CSU im Bundestag, Franz Joseph Strauß, schrieb. In dem Brief steht auch eine mögliche Erklärung dafür, warum der Staatsrat Seelos jetzt mit dem Einigungsaufruf in der Zeitung seinen Ausschluß aus der Bayernpartei provoziert haben könnte.
In diesem Brief erinnert der Bayerische Staatsrat Seelos an den Tag seiner Verabschiedung von Strauß, nachdem er im September 1951 sein Bundestagsmandat niedergelegt hatte. Damals sei es zwischen den beiden bayerischen Politikern zu einem einstündigen Gespräch gekommen, in dessen Verlauf beide Gesprächspartner die Übereinstimmung ihrer Ansichten zu außenpolitischen Fragen hätten feststellen können.
Jetzt, so schrieb Seelos weiter, erfahre er nun, - nachdem er sich nochmals offiziell um Wiederverwendung im Diplomatischen Dienst, seinem erlernten Beruf, beworben habe - daß der CSU-Generalsekretär Strauß beim CDU-Vorsitzenden, Kanzler und Außenminister Adenauer eine Intervention der CSU angekündigt habe für den Fall, daß der Dr. Seelos mit einem Gesandtenposten betraut werde.
Der bayerische Staatsrat Seelos vergaß nicht, daran zu erinnern, daß ihm CSU-Generalsekretär Strauß seinerzeit die Unterstützung der CSU zugesagt habe, wenn er, Seelos, sich entschließen könne, »mit Eklat« aus der Bayernpartei auszuscheiden.
Und mit Eklat aus der Bayernpartei auszuscheiden, das ist es, was der Staatsrat Seelos, der immer noch auf seine Wiederverwendung im Diplomatischen Dienst wartet, jetzt im Begriff ist zu tun.