Eine Tür geht auf
Wie der »Spiegel« zuverlässig aus New York erfährt, haben Vertreter des Wirtschafts- und Sozialrats der UNO konkrete Empfehlungen erwogen, die einer bestimmten Anzahl Deutscher die Auswanderung ermöglichen sollen. Der »Spiegel« ist in der Lage, als erste Zeitung Einzelheiten über Art und Umfang der geplanten Aktion bekanntzugeben.
Die Türen der Welt werden sich in Kürze für Hunderttausende auswanderungslustiger Deutscher öffnen. Es ist erst wenige Monate her, daß die westlichen Militärregierungen und die bizonalen deutschen Behörden vor privaten Unternehmungen warnen mußten, die den deutschen Auswanderern in spe bedenkenlos die verlockendsten Auswanderungsangebote machten. Gegen horrendes Geld natürlich. Damals versicherten die Bi-Behörden zu Recht, daß die Türen der Welt für Deutsche noch verschlossen seien.
Wohl waren Einzelaktionen möglich. Hier und da öffneten sich die Türen einzelner Länder um einen kleinen Spalt. Deutsche Soldatenbräute durften ihren GI's oder Tommies nachreisen. Auch für Rüstungsspezialisten, Raketenforscher und prominente Wissenschaftler gab es kaum Auswanderungsschwierigkeiten. Für sie bezahlte das Gastland sogar bereitwillig die Kosten der Ueberfahrt. Ehemalige Widerständler wurden von gewissen Ländern, beispielsweise Australien, akzeptiert. Alte Leute, die Blutsverwandte in England hatten, von Großbritannien.
Großbritannien bemühte sich auch um Hausangestellte und weibliches Krankenhaus-Personal aus Deutschland. Luxemburg wandte sich an die Besatzungsbehörden der Bizone, um deutschen Facharbeitern die Uebersiedlung nach Luxemburg zu erlauben. Die Schweiz suchte deutsche Kellner, Frankreich Deutsche für seine Bergwerke. Und für die Fremdenlegion.
Daneben gab und gibt es auch eine illegale Auswanderung. Nach Ländern, die ihre Eingangstüren zwar offiziell verschlossen hielten, die aber anderthalb Augen zudrückten, wenn Deutsche durch die Hintertüre einschlüpften. Spanien gehört dazu. In seiner Fremdenlegion werden Deutsche mit offenen Armen aufgenommen. Und Argentinien, das Staatsasyl für Faschisten aller Länder. Oder die arabischen Staaten. Sie konnten für ihre »palästinensische Befreiungsarmee« immer kriegserfahrene deutsche Ex-Landser gebrauchen. Ehemalige Unteroffiziere avancierten unbesehen zum Major, Feldwebel zum Obersten. SS-Angehörige avancieren jeweils einen Dienstgrad höher.
Aber all diese legalen und illegalen Auswanderungsmöglichkeiten waren nichts als winzige Rinnsale in die Welt. Hinter dem Damm der Auswanderungsverbote stauten sich indessen die Ströme von Deutschen, die aus Raumnot, Kollektivschuld und Trümmern in eine Existenz streben, in der es sich atmen, arbeiten und leben läßt. Viele wollen aus Europa weg, um den nächsten Krieg auf Feuerland oder am Kongo zu erleben. Eine Gallup-Umfrage in der Bizone stellte fest, daß 21 Prozent der Befragten auswandern würden - wenn sie könnten.
Es kam hinzu, daß auf dem legalen Weg lediglich Einzelauswanderung möglich war. Nur der Spezialist oder Facharbeiter selbst war gefragt. Von seiner Familie wollte man nichts wissen. An eine geschlossene Gruppenwanderung an Stelle der Abschöpfung qualifizierter arbeitsfähiger Männer, die auch in Deutschland selbst dringend gebraucht wurden, war nicht zu denken.
Dabei hatte interessanterweise Frankreichs Ex-Außenminister Bidault auf jeder Verzögerungs-Konferenz über Deutschland ein Auswanderungs-Ventil für den deutschen Bevölkerungsüberdruck verlangt. Nach französischer Lesart gibt es in Deutschland und Europa zu viele Deutsche. Ein Teil von ihnen soll auswandern, je eher je lieber. Die Franzosen hatten deshalb bisher auch nur geringes Interesse für eine Besserung des deutschen Lebensstandards gezeigt.
Bidaults Rufe haben Resonanz gefunden. Vertreter des Wirtschafts- und Sozialrats der UNO, der augenblicklich in Genf tagt, haben in diesen Tagen konkrete Vorschläge formuliert, um Deutschen die Auswanderung nach einer Reihe von Ländern zu ermöglichen.
Der Wirtschafts- und Sozialrat hat eine Reihe von Unterausschüssen, die zuerst in internen, der Presse nicht zugänglichen Sitzungen ihre Probleme beraten und diskutieren. Erst wenn im Unterausschuß eine Einigung erzielt worden ist, wird das Problem in öffentlichen Vollsitzungen des Wirtschafts- und Sozialrates erledigt.
Anläßlich einer Sitzung des Unterausschusses für Menschenrechte (Human Rights Comitee), der sich in den ersten Augusttagen mit dem DP-Problem beschäftigte, kam es zu ersten internen Besprechungen über die Auswanderungsmöglichkeiten für Deutsche. Australiens Außenminister Herbert V. Evatt, regte eine offizielle Stellungnahme und konkrete Vorschläge der verschiedenen Regierungsvertreter an. Da Walter Kotschnig, der Vertreter der USA, Vincent Evans, der Vertreter Großbritanniens und die Vertreter Hollands und Brasiliens Evatts Vorschlag unterstützten, kam es ein paar Tage später zu einer zweiten Zusammenkunft.
Auf dieser Sitzung erklärten die Vertreter Australiens, Neuseelands und Südafrikas, ihre Regierungen seien bereit, Deutsche in ihren Ländern zuzulassen. Und zwar im Rahmen der Gruppenauswanderung. Ohne Beschränkung auf bestimmte Berufsgruppen.
Die Einwanderungspläne der drei Länder sehen ab 1949 folgende jährliche Einwanderungsquoten für Deutsche vor:
| □ Australien | 85000 |
| □ Neuseeland | 23000 |
| □ Südafrika | 65000 |
Die Vertreter verschiedener anderer Länder erklärten, daß ihre Regierungen gleichfalls Deutsche zur Einwanderung zulassen würden. Diese Länder wollen allerdings die Einwanderung von Deutschen vorläufig noch auf Angehörige bestimmter Berufe beschränken. So sucht Indien deutsche Seeleute, Architekten und Ingenieure. Brasilien: Bauern, Landarbeiter und Lehrer. Argentinien: landwirtschaftlich geschulte Kräfte, Aerzte und Handwerker. Bolivien: industrielle Facharbeiter. Und Kanada: Landwirte und Forstarbeiter.
Die betont freundliche Einstellung gegenüber dem einzelnen Deutschen war, wie dem Korrespondenten des »Spiegel« berichtet wurde, das besondere Merkmal aller Auswanderungsbesprechungen im Unterausschuß für Menschenrechte. Die Delegierten kamen überein, dem Plenum des Wirtschafts- und Sozialrats eine entsprechende Empfehlung weiterzuleiten.
Um einem vorzeitigen Run auf die Konsulate vorzubeugen: die internen Besprechungen im Unterausschuß für Menschenrechte sind noch nicht offiziell und bindend. Die Empfehlung des Unterausschusses muß jetzt in öffentlichen Vollsitzungen des Wirtschafts- und Sozialrats weiterberaten und dann entweder an die in Lake Success tagende Kleine Versammlung der UNO oder aber direkt an die für Oktober in Paris angesetzte UNO-Vollversammlung zur Beschlußfassung weitergeleitet werden. Da aber schon jetzt die Mehrzahl der in der UNO vertretenen Nationen die Vorschläge des Menschenrechtler-Ausschusses unterstützen, ist sehr wahrscheinlich mit einem positiven Entscheid der Kleinen oder der Vollversammlung zu rechnen.
Ueber die Zweischneidigkeit einer deutschen Massenauswanderung ist voreilig genug geredet und geschrieben worden. Appelle an die Vaterlandsliebe des einzelnen gab es in Menge, dagegen kaum eine sachkundige und leidenschaftslose Aufklärung, was die deutschen Auswanderer »drüben« erwartet. Was die viermächteamputierte Heimat zu bieten hat, ist oft so wenig, daß alle Ermahnungen, das mit Hypotheken überladene deutsche Schiff jetzt nicht zu verlassen, wenig fruchten werden bei Leuten, deren Kräfte in Deutschland - planmäßig oder nicht planmäßig - verkümmern.