KIRCHE / LUTHERFEIERN Einer für alle
Am 7. November werden die größtenteils gottlosen Sowjetmenschen den größten Gottlosen feiern, den sie ihr eigen nennen: Wladimir Iljitsch Lenin, der vor 50 Jahren Rußland bolschewisierte.
Eine Woche vorher, am 30. Oktober, werden die größtenteils gottlosen DDR-Oberen den größten Gottesmann feiern, den es in Deutschland je gab: Martin Luther, dessen Werk es vor 450 Jahren war, daß sich halb Europa reformierte.
Am 31. Oktober 1517 soll der gelehrte Mönch Luther -- wie es heute noch in den Schulen gelehrt wird -- seine 95 Thesen an die Schloßkirche von Wittenberg genagelt haben. Doch Datum und Hammerschlag werden neuerdings von evangelischen und katholischen Lutherforschern bestritten.
So meint der evangelische Historiker D. Dr. Hans Volz (Göttingen), der Reformator habe seine Thesen erst am 1. November 1517 an die Kirchentür geheftet; der katholische Historiker Professor Dr. Erwin Iserloh (Münster) behauptet, Luther habe die Thesen überhaupt nicht an die Pforte der Schloßkirche genagelt, sondern sie nur drucken und verteilen lassen (SPIEGEL 1-2/1966).
Die DDR-Obrigkeit hat sich weder für noch gegen die Hammer-und-Pforte-Version entschieden. Sie richtet zu Ehren des Reformators ein »Nationales Jübiläum« aus. In nahezu jeder Stadt des Arbeiter-und-Bauern-Staates wird georgelt und geredet, gesungen und getanzt, gehüpft und gesprungen. Und weil es sich gut trifft, daß Luther ein Landsmann der Mitteldeutschen war, übertreffen einige Städte die anderen Orte beim Luther-Jubel: die Lutherstädte.
In der Wartburgstadt Eisenach, wo Luther von 1498 bis 1501 zur Schule ging, wurden die Feiern schon Mitte Februar mit einem Musikfest eingeleitet. Im April spielt zu Ehren des ersten Protestanten eine tschechische Truppe Theater, Ungarn zupfen die Geigen. Im Juli gibt es ein »Fest der tausend Lichter auf dem Prinzessinnen-See« und ein Sportfest, im Oktober einen,, Großen Ball«.
In Leipzig, wo Luther 1519 mit dem Theologie-Professor Eck 18 Tage lang disputierte, begann in der vergangenen Woche eine Reihe von 16 Vorträgen. Erstes Thema: »Geistige Ausstrahlungen Luthers in die Philosophie«.
In Magdeburg, wo Luther 1497 die Schule besuchte, rüsten die Christen zu einem Kirchentag (27. Mai bis 11. Juni), zu dem Delegationen aus dem Ausland erwartet werden. »Gemeindetage« sind in weiteren 18 DDR-Großstädten geplant.
In Wittenberg aber, wo Luther fast vier Jahrzehnte lang lebte, werden alle anderen Feiern übertroffen werden: Dorthin sind für die Zeit vom 28. Oktober bis 3. November evangelische Kirchenführer aus aller Welt eingeladen. Dort wird in einem internationalen Symposion »Die Weitwirkung der Reformation« beredet. Dort werden die Feiern mit einem Brillantfeuerwerk beendet.
Und in Wittenberg wird auch so deutlich werden wie in keiner anderen Stadt, daß im Luther-Jahr Doppelkopf gespielt wird: Jeder feiert den Luther, der ihm gefällt.
Am 30. Oktober hält dort Gerald Götting. Vorsitzer der Ost-CDU und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates, die Festrede bei der Staats-Feier zum »Nationalen Jubiläum«. Tags darauf sprechen bei der Kirchen-Feier am selben Ort die evangelischen Bischöfe Johannes Jänicke (Magdeburg) und Gottfried Noth (Dresden).
Der Wetteifer zwischen Staat und Kirche begann, als nach dem kirchlichen Vorbereitungskomitee auch ein staatliches »Komitee der Deutschen Demokratischen Republik für die zentralen Veranstaltungen anläßlich des 450. Jahrestags der Reformation« gegründet und Staatsratsmann Götting zum Vorsitzenden gekürt wurde.
Die Grenzen zwischen Staat und Kirche steckte Götting sogleich ab. Das Staats-Komitee habe die Aufgabe, durch Luther-Feiern »in unserer gesamten Bevölkerung zur Festigung der politisch-moralischen Einheit beizutragen«. Das Kirchen-Komitee hingegen habe »ein spezielles Interesse« daran, »die Reformation und das Wirken Martin Luthers von kirchlichen und theologischen Gesichtspunkten her zu würdigen«. Gönner Götting: »Das soll ihnen unbenommen bleiben.«
Das Ost-Berliner CDU-Blatt »Neue Zeit« kündigte an, daß auch die Gelehrten beim Doppelkopf-Spiel mitmischen: »Mit der Veröffentlichung sowohl marxistischer wie auch theologischer Lutherstudien ist zu rechnen.« In der Tat: Gottlose Forscher für den Staat, fromme Gelehrte für die Kirche sieben aus Luthers Werken heraus, was sie brauchen.
Doch weniger die Frommen als vielmehr die Roten bedürfen des Schulungsmaterials über Luther: Sein Charakterbild schwankt in der DDR-Geschichtsschreibung.
Jahrelang hatten ihn die SED-Historiker als Judenfeind und Bauerngegner beschrieben. Luthers Pamphlet »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« sei in »kaum zu überbietender Mördermanier« abgefaßt -- das stellte der atheistische Luther-Forscher Günther Fablunke fest, ein Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Im 20. Jahrhundert sei man »versucht, in diesen blutrünstigen Haßtiraden Luthers eine historische Anleitung für das rücksichtslose und jeder Menschlichkeit hohnsprechende Vorgehen der deutschen Reaktion bis in die jüngste Vergangenheit hinein zu sehen«. Denn' so der SED-Professor weiter: »Nicht anders lauteten doch die Mordrufe der militaristischen Reaktion, deren blutbesudelter Soldateska Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und zahllose Kämpfer der deutschen November-Revolution von 1918 erlagen.«
Für solche Kreuz- und Querzüge durch die deutsche Geschichte wurde Fabiunke 1963, als sein Buch erschien, von seinen Genossen gelobt. Und Beifall fand auch seine These, Luther sei »der einflußreichste geistige Ahnherr« jener Moral, »die in dem Slogan »Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps' zum Ausdruck kommt«.
Fabiunke schrieb sein Lutherbuch mit der Faust des Klassenkämpfers: Zur Not, so mußte der Leser vermuten, hätte die Reformation auch ohne Luther stattfinden können. Denn nicht etwa der religiöse Eifer des Mönchs, sondern »die ins Gigantische gesteigerte Ausplünderung Deutschlands durch die römische Kirche führte unmittelbar zum Anwachsen der antifeudalen Bewegung«.
Mit solchen Partei-Parolen und spärlichem Luther-Lob wollen sich die DDR-Oberen im Jubiläumsjahr nicht begnügen. Götting forderte die Gelehrten auf, »mit neuen Erfahrungen die Ergebnisse und die Bedeutung der Reformation zu prüfen und zu würdigen«.
Noch immer wird das Lutherbild retuschiert. Früher wurde schwarzgemalt, jetzt gerät das Porträt den Kunstmalern schon zu licht.
So feierte das Staatliche Reisebüro in einem Prospekt für ausländische Touristen Luther als den »mutigsten Organisator der bedeutendsten Revolution in der deutschen Geschichte bis 1945«.
Das durfte denn doch nicht wahr sein. In der nächsten Auflage des Prospekts wurde Luther wieder vom Berufsrevolutionär zum Literaten heruntergestuft: Als Bibel-Übersetzer habe er »mit einer einheitlichen deutschen Schriftsprache ... der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in die Hand« gegeben.
Daß Luther ein solcher Werkzeug-Macher war, darf nicht einmal das SED-Politbüro bezweifeln. Die Behauptung ist 117 Jahre alt und stammt vom Karl-Marx-Mitstreiter und roten Heiligen Friedrich Engels.