»Einer muss den Mund aufmachen« - DER SPIEGEL
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NAHOST »Einer muss den Mund aufmachen«

Arafats Jerusalem-Beauftragter, der Universitätspräsident Sari Nusseiba, über die Fehler der Palästinenser und neue Wege zur Wiederbelebung des Friedensprozesses
• aus DER SPIEGEL 3/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Trotz Arafats Aufruf zum Waffenstillstand überfielen palästinensische Kämpfer einen israelischen Armeeposten. Geht die Intifada weiter?

Nusseiba: Es gibt gar keine Intifada. Das, was sich die letzten 15 Monaten hier abgespielt hat, war doch kein Volksaufstand, was das arabische Wort ja bedeutet. Lediglich in den ersten Wochen gingen Teile der Bevölkerung auf die Straße.

SPIEGEL: Dann steckt also hinter der anhaltenden Gewalt doch eine Strategie Arafats, wie Israel immer behauptet?

Nusseiba: Gewalt und viele Fehler gibt es auf beiden Seiten. Vergessen Sie nicht die Belagerung der Zivilbevölkerung durch Israels Militär. Das ganze palästinensische Volk leidet. Beide Seiten gießen Öl ins Feuer. Eine Strategie oder ein zielgerichtetes Konzept der palästinensischen Führung vermag ich allerdings nicht zu erkennen.

SPIEGEL: Auch nicht, nachdem die Israelis ein Boot voller Waffen und Munition aufgebracht haben, das angeblich für die Autonomiebehörde bestimmt war?

Nusseiba: Ich weiß nicht, wer die Waffen wirklich geordert hat. Wer immer es auch war - jede Militarisierung des Konflikts ist falsch. Wir brauchen keine Waffen. Ein palästinensischer Staat sollte entmilitarisiert sein. Nicht weil Israel es verlangt, sondern in unserem eigenen Interesse.

SPIEGEL: Wollen Sie auch auf den bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer verzichten?

Nusseiba: Überall auf der Welt wird Gewalt zur Durchsetzung von politischen Zielen angewandt, und häufig gilt das als legitim. Im israelischpalästinensischen Konflikt verhelfen Waffen jedenfalls nicht zu einer Lösung. Ich persönlich halte Gewalt für eine Kapitulation des Menschen vor seinen schlimmsten Instinkten.

SPIEGEL: Dann wenden Sie sich erst recht gegen Selbstmordattentate?

Nusseiba: Für mich sind diese Anschläge eine extreme Form von Verzweiflung, die moralisch inakzeptabel und politisch kontraproduktiv ist. Solche Attentate haben der palästinensischen Sache sehr geschadet. Ich jedenfalls will deutlich sagen, dass palästinensische Gewalt vielen Israelis tiefes Leid zugefügt hat.

SPIEGEL: Hätte Arafat nicht die Opfer verhindern können, wenn er vor eineinhalb Jahren das Angebot von Camp David angenommen hätte?

Nusseiba: Das Problem entstand danach. Die dort erzielte Übereinstimmung hätte ausgereicht, die Gespräche nicht gänzlich scheitern zu lassen. Daran hätte man anknüpfen müssen, anstatt zuzulassen, dass die ganze Situation außer Kontrolle gerät.

SPIEGEL: Wie bekommt man jetzt Gespräche wieder in Gang?

Nusseiba: Ich glaube nicht, dass die israelische Regierung unter Ariel Scharon, für dessen Wahl wir Palästinenser übrigens teilweise mit verantwortlich sind, ernsthaft an Verhandlungen interessiert ist. Doch unabhängig davon ist es unsere Pflicht, Israels Dialogbereitschaft herauszufordern. Dazu brauchen wir klar definierte Positionen, die auch verhandelbar und akzeptabel sind.

SPIEGEL: Die Palästinenser-Führung beharrt aber weiterhin auf Maximalforderungen.

Nusseiba: Wenn wir zu den Israelis gehen und sagen: Wir bestehen auf dem vollen Rückkehrrecht für über drei Millionen Flüchtlinge und darauf, dass für einen palästinensischen Staat alles seit 1967 besetzte Land geräumt wird, dann können wir sicher sein, dass wir nie zu einem Abschluss kommen. Aus israelischer Sicht würde das bedeuten, dass wir den jüdischen Staat, wie er jetzt besteht, zerstören wollen. Wir können von Israel nicht erwarten, dass sie so etwas unterzeichnen.

SPIEGEL: So viel Verständnis für israelische Interessen ist selten bei Palästinensern.

Nusseiba: Es bringt doch nichts, wenn wir uns etwas vormachen: Wenn wir beim vollen Rückkehrrecht bleiben, sind Verhandlungen pure Zeitverschwendung. So bekommen wir nie einen Staat.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie den Streit um Jerusalem lösen?

Nusseiba: Wir können nichts weniger als die vollständige Rückgabe Ost-Jerusalems unterzeichnen. Das wird unsere Hauptstadt sein.

SPIEGEL: Was wird mit dem Moscheebezirk Haram al-Scharif, den die Israelis als Tempelberg verehren?

Nusseiba: Wenn die Israelis Sicherheit haben wollen, dass dort keine palästinensischen Grabungen stattfinden - bitte schön. Darüber können wir uns einigen.

SPIEGEL: Wären Sie auch bereit, in einem Abkommen die Bedeutung des Tempelbergs für die Juden anzuerkennen?

Nusseiba: Als Muslim glaube ich, dass Juden eine religiöse Geschichte im Heiligen Land haben und dass diese Geschichte einen wesentlichen Teil ihrer Identität ausmacht. Deshalb müsste ich in einem Abkommen diese Geschichte und die emotionale Bindung Israels an seine religiösen Stätten respektieren können. Andererseits muss Israel aber auch die muslimische Realität anerkennen, die in Jerusalem nun einmal besteht.

SPIEGEL: Ist der Appell an gegenseitige Toleranz nicht vergeblich in einer Zeit, in der die Fronten extrem verhärtet sind?

Nusseiba: Die wechselseitige Zurückweisung der jeweiligen Geschichte entstand erst mit dem Erstarken des Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts und damit der Geburt des politischen Konflikts. Damals begannen beide Seiten zu verdrängen, dass Islam und Judentum verwandt sind. Für mich geht es in der Geschichte über die Reise des Propheten Mohammed nach Jerusalem vor allem darum, die Kontinuität zwischen Judentum und Islam zu bekräftigen. Der Kalif Umar holte im 7. Jahrhundert sogar die Juden als Erster nach Jerusalem zurück. Mir scheint es an der Zeit, dass wir uns über das Politische hinwegsetzen müssen, um zum wahren Verständnis der Kontinuität zwischen unseren beiden Religionen zurückzukehren.

SPIEGEL: Mit solchen Positionen stehen Sie in Ihrem Lager aber ziemlich allein.

Nusseiba: Na und? Nur Provokationen können überkommene Denkschemata aufbrechen und Positionen verändern. Ich bin Akademiker und verstehe mich als Lehrer. Auch meine Studenten habe ich oft bewusst gegen mich aufgebracht.

SPIEGEL: Sind Ihre ketzerischen Ansichten nicht vor allem ein Affront für Arafat,

der Sie auf den Jerusalem-Posten berufen hat?

Nusseiba: Ich habe ihm ein undatiertes Rücktrittsschreiben überreicht. Darin betone ich, dass es mir wichtiger ist, meine Meinung sagen zu können, als einen Posten zu haben. Ich habe ihm gesagt: »Wenn dich meine Meinung stört, setz einfach ein Datum ein.« Er gab mir das Papier zurück und sagte: »Sei nicht albern.« Arafat mag und respektiert mich. Und er ist tolerant.

SPIEGEL: Warum unterdrückt er dann palästinensische Medien so rabiat?

Nusseiba: Er wird durchaus manchmal wütend. Aber ich glaube nicht, dass es sich dabei um eine gezielte Politik handelt.

SPIEGEL: Haben Sie nicht selber kritisiert, die palästinensischen Bürger würden »wie Kinder« behandelt?

Nusseiba: Ein Großteil der palästinensischen Debatten ist nicht durch offenes, freies und rationales Denken gekennzeichnet. Den Menschen wird nicht erzählt, was sie hören sollten, sondern was sie hören wollen. Da ist viel Demagogie im Spiel.

SPIEGEL: Also gibt es eine Hetzpropaganda, wie sie Israel stets beklagt?

Nusseiba: Die Berichterstattung über den Konflikt ist hochgradig emotional, aber auch die Gespräche der Leute sind gefühlsgeladen. Da muss Mäßigung eintreten. Es müsste eine Balance geschaffen werden zwischen unvermeidbaren Gefühlen und einer rationalen Debatte. Aber die hat es bisher nicht gegeben.

SPIEGEL: Sie waren einer der intellektuellen Führer der ersten Intifada bis 1993, dann verschwanden Sie bis vor kurzem aus der Öffentlichkeit. Warum haben Sie so lange geschwiegen?

Nusseiba: Der Friedensprozess ist an einem gefährlichen Punkt festgefahren. Ich hatte das Gefühl, da muss einer den Mund aufmachen, um Blockaden aufzubrechen.

SPIEGEL: Was können Sie noch ausrichten?

Nusseiba: Ich will öffentliche Unterstützung für eine friedliche Lösung mobilisieren. Viele Palästinenser befürworten noch immer einen Kompromiss mit Israel, der entlang der Grenzen von 1967 auch einen Palästinenser-Staat entstehen lässt.

SPIEGEL: Sehen Sie dafür Chancen, solange Scharon an der Macht ist?

Nusseiba: Nur öffentlicher Druck wirkt auf Scharon. Was auch immer er will, sein Amt will er jedenfalls nicht verlieren. Wir müssen jetzt handeln. Noch gibt es weltweit Unterstützung für einen palästinensischen Staat. Wenn wir diese Chance verpassen, fürchte ich, ist sie auf immer vertan.

INTERVIEW: ANNETTE GROSSBONGARDT

Sari Nusseiba

entstammt einer der ältesten muslimischen Familien Jerusalems. Seit Jahrhunderten haben die Nusseibas die Schlüsselgewalt über die Grabeskirche. Die traditionelle Verwaltung soll Zwist zwischen den christlichen Konfessionen verhindern. Als Sohn eines Ministers in der jordanischen Regierung studierte Nusseiba in Oxford und Harvard. Seit 1995 leitet der Philosophie-Professor die Jerusalemer al-Kuds-Universität. Er gilt als Vertrauter von Autonomie-Präsident Jassir Arafat, der Nusseiba, 52, nach dem Tod des Jerusalem-Beauftragten Feisal al-Husseini im Oktober zu dessen Nachfolger ernannte.

* Oben: am vorvergangenen Sonntag mit Armeechef Schaul Mofaz(l.) und Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser vor demfestgesetzten Waffenschiff in Eilat; unten: nach dem Anschlag aufeinen Armeeposten bei Kerem Schalom am Mittwoch.

Annette Grossbongardt
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