»Einer wird es schaffen« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 107 / 182

August 1998 »Einer wird es schaffen«

Seit fünf Jahren will US-Millionär Steve Fossett als erster Mensch die Erde im Ballon umrunden. Viermal ist er dabei vorzeitig hart gelandet ­ wie seine Konkurrenten auch. Als er im August bei Australien in den Pazifik stürzte, hatte ihn der Jet-stream schon 25 000 Kilometer weit getragen ­ Weltrekord. Zum Jahreswechsel will Fossett erneut starten, zusammen mit seinem britischen Rivalen Richard Branson und im Wettstreit mit fünf weiteren Teams.
Von Helmut Sorge
• aus SPIEGEL Chronik 54/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr. Fossett, sind Sie nach Ihrer dramatischen Notwasserung im Pazifik endlich überzeugt, daß die Weltumrundung in einem Heißluftballon ein Traum bleiben wird?

FOSSETT: Im Gegenteil. Mein Versuch, es über die südliche Hemisphäre zu schaffen, hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, daß es möglich ist ­ allein ein verheerendes Gewitter hat meinen Erfolg verhindert.

SPIEGEL: Wie viele Tage haben Ihnen für die historische Tat gefehlt?

FOSSETT: Viereinhalb.

SPIEGEL: Statt mit Ruhm wurden Sie mit Grauen konfrontiert ­ ein unkontrollierter Absturz aus 8500 Meter Höhe.

FOSSETT: Ich war bereits über der Gewitterzone. Plötzlich wurde ich in das Zentrum des Unwetters gesogen wie von einem gigantischen Staubsauger ­ heftige Winde haben mich abwechselnd nach oben getrieben und nach unten gezerrt, dabei ist die Ballonhülle gerissen.

SPIEGEL: Und das war's dann wieder einmal. Hatten Sie Todesangst?

FOSSETT: Es war jedenfalls schlimmer, als ich es mir je vorstellen konnte. Ich bin pro Minute 900 Meter gefallen. Mir blieben also kaum zehn Minuten, um mich auf die harte Landung vorzubereiten: Nur ­ ich konnte die Luke zu meiner wasserdichten Kapsel nicht mehr schließen, der Sturm hatte sie verklemmt. Da habe ich sechs Tanks abgeworfen, wodurch sich die Absturzgeschwindigkeit auf 800 Meter pro Minute verringerte.

SPIEGEL: Immer noch ausreichend für einen lebensgefährlichen Aufschlag.

FOSSETT: Ich habe mich flach auf die Liege gelegt, um die Wucht abzufedern. Ich landete mit der Kapsel über Kopf. Mir blieb nichts anderes übrig, als ins Wasser zu springen, mit der Rettungsinsel und dem EPIRB, dem Satelliten-Suchsystem.

SPIEGEL: Und danach Angst vor Haien oder weiteren Stürmen?

FOSSETT: Nein, ich war erleichtert zu leben und zuversichtlich, daß man mich finden und retten würde.

SPIEGEL: Was treibt Sie eigentlich zu immer neuen Versuchen, die Welt in einem Ballon zu umrunden ­ Ruhm, Abenteuer, der Kitzel zum Extremen?

FOSSETT: Die Herausforderung. Ich will einfach Unmögliches möglich machen, etwas erreichen, was vor mir noch kein Mensch geschafft hat. Einer von 800 Leuten zu sein, die auf den Mount Everest geklettert sind, ist nicht mein Traum.

SPIEGEL: Den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt haben Sie allerdings auch schon versucht.

FOSSETT: Ja, leider bin ich nicht sehr weit gekommen. Meine Lunge hat nicht mitgemacht. Da ich seit meiner Jugend Berge besteige, war das eine bittere Enttäuschung. Aber ich wäre ja auch nicht der Erste gewesen.

SPIEGEL: Einen Ihrer Ballons haben Sie »Solo Spirit« getauft. Wollen Sie die Weltumrundung mit dem Ballon der ersten Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh gleichsetzen?

FOSSETT: Die Welt ist längst nonstop mit allen möglichen Fluggeräten umflogen worden. Nur diesen Ballonflug hat noch keiner geschafft.

SPIEGEL: Was müssen Sie bei einem solchen Flug eigentlich am meisten fürchten ­ Explosion, Gewitter, Schneestürme?

FOSSETT: Da ich mit Helium fliege, ist eine Explosion unwahrscheinlich, es sei denn, es wird auf mich geschossen. Dieser Gedanke beschäftigt mich schon, vor allem wenn ich in der nördlichen Hemisphäre fliege, weil da zuweilen die Kommunikation nicht klappt und Militärs nervös werden, wie vor einiger Zeit in Belorußland: Zwei Amerikaner waren von Deutschland aus aufgestiegen. Sie hatten die Überfluggenehmigung von den zivilen Behörden. Nur davon wußten die Militärs nichts. Abgeschossen, tot. Über Saudi-Arabien bin ich einmal unruhig geworden, als plötzlich in der Nacht zwei Kampfflugzeuge immer wieder meinen Ballon umkreisten. Ich hatte zwar die Überflugerlaubnis, aber war das den Piloten bekannt?

SPIEGEL: Wegen eines defekten Brenners mußten Sie einmal in 8000 Meter Höhe Ihre luftdichte Fiberglasgondel verlassen. Was ist das für ein Gefühl?

FOSSETT: Nur nicht ausrutschen ist der erste Gedanke, wenn man draußen über die Kanister turnt, bei 290 Stundenkilometern Fahrt.

SPIEGEL: Können Sie sich notfalls mit einem Fallschirm retten?

FOSSETT: In der Vergangenheit habe ich einen dabei gehabt, einfach weil ich befürchtete, abgeschossen zu werden. Jetzt verzichte ich darauf.

SPIEGEL: Angeblich sind einige Ihrer Konkurrenten bewaffnet, wenn sie aufsteigen ­ für den Fall einer Notlandung in feindlichem Gebiet.

FOSSETT: Davon halte ich nichts. Bei meiner Notlandung im südlichen Rußland im Januar waren die Menschen unglaublich fasziniert von diesem Ungeheuer, das da vom Himmel herunterschwebte. Keine Spur von Feindlichkeit, nicht einmal von Bürokratie: Der Zoll hat meinen Ballon am selben Tag amtlich ein- und ausgeführt.

SPIEGEL: Vor Ihrem spektakulären Crash im August sind Sie bei Notlandungen nie von Panik erfaßt gewesen?

FOSSETT: Nein, eher verärgert. Ich denke da an jene Minuten, als ich schon 150 Meilen über dem Atlantik war und nicht nur das elektrische System ausfiel, sondern auch der Ballon zu zerreißen begann, da war keine Angst. Ich war nur sauer, daß so vieles auf einmal schiefgelaufen ist.

SPIEGEL: Mit Notlandungen haben Sie ja Ihre Erfahrungen ­ einer der Gründe für die Aufgabe in Indien ...

FOSSETT: ... war das Problem mit Überfluggenehmigungen sowohl für Libyen wie auch China. Bei dem Flug mußte ich über dem Atlantik vorzeitig zehn Prozent von meinem Treibstoff abwerfen, um über eine Schlechtwetterfront zu kommen. Dann hat mich der Wind gen Libyen getrieben, und für das Überfliegen fehlte mir die Erlaubnis. Letztlich haben die Libyer mir freie Fahrt gegeben, aber ich hatte sehr viel Zeit verloren. Drei Tage später war ich über Indien, mir fehlte ausreichend Treibstoff, um noch ganz um den Globus zu kommen. Außerdem hatten die Chinesen mir ihren Luftraum gesperrt. Natürlich hätte ich es gleichwohl versuchen können, doch ohne Genehmigung in China möglicherweise notlanden zu müssen, war ein Risiko, das mir zu groß erschien. Also bin ich nach 16 600 Kilometer Flug in Indien runtergegangen.

SPIEGEL: Wer steuert den Ballon, während Sie im Schlafsack ruhen?

FOSSETT: Einer meiner Mitarbeiter hat eine Steuerung entwickelt ­ die Brenner werden automatisch gezündet, die Höhe wird gehalten. Wenn's Probleme gibt, schrillt eine Glocke. Ich schlafe nachts ohnehin nur zwei Stunden.

SPIEGEL: Kaum hatte Sie das neuseeländische Kriegsschiff »Endeavour« aus dem warmen Wasser gefischt, erreichte Sie noch an Bord der Anruf eines Konkurrenten. Wollte der Brite Richard Branson Sie trösten?

FOSSETT: Nein. Er bot mir an, mit ihm und einem dritten Partner im Winter einen weiteren Versuch zu wagen ­ diesmal in einer Druckkabine. Ich habe mir Bedenkzeit erbeten. Nach einer Erholungspause habe ich zugestimmt ­ ich will nicht als Zuschauer dasitzen und miterleben, wie ein anderer die Weltumrundung schafft.

SPIEGEL: Sie sind also weiterhin überzeugt: In diesem Winter wird ein Ballonfahrer Geschichte schreiben?

FOSSETT: Das denke ich ­ einer wird es schaffen.

Interview: Helmut Sorge

Zur Ausgabe
Artikel 107 / 182