Einfach herumfahren - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 74 / 119

DSCHIBUTI Einfach herumfahren

Im Golf von Aden sind deutsche Soldaten im Einsatz gegen den Terror - und den Frust.
• aus DER SPIEGEL 6/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Offiziersmesse der Fregatte »Bayern« herrscht Aufbruchstimmung. Von 10 bis 15 Meter hohen Wellen ist die Rede, die der Monsun in den Golf von Aden peitsche wie in einen Trichter. Wahre Kaventsmänner. Und dass die Jungs ihnen trotzen werden und auch den Terroristen auf See - wenn es sie denn gibt. Gerade ist Admiral Gottfried Hoch, 54, aus Bahrein zurückgekommen und hat den Männern verkündet, was den Seeleuten wie eine Erlösung erscheint: Es geht wieder hinaus.

Die Operation »Enduring Freedom«, an der 16 Nationen, rund hundert Schiffe und 40 000 Soldaten beteiligt sind, läuft weiter auf Hochtouren. Die drei deutschen Fregatten »Emden«, »Köln« und »Bayern« laufen aus in den Golf von Aden, begleitet vom Versorger »Freiburg« und dem Tanker »Spessart«. In Bahrein holte sich der Deutsche beim US-Vizeadmiral Charles Moore letzte Instruktionen, die »Rules of Engagement«, zum bevorstehenden Einsatz. Und das, findet Hoch, wurde auch Zeit.

Denn nach einer dreiwöchigen Anreise und acht Tagen in Dschibuti muss den rund tausend deutschen Soldaten mal wieder etwas geboten werden. »Unsere größte Herausforderung«, doziert der Admiral freundlich, »ist, die Jungs und Mädels bei Laune zu halten.« Vor ein paar Tagen haben sie aus lauter Verzweiflung deshalb einen Staffellauf quer durchs Schiff gemacht. Und der, so sagen die Seeleute, war aufregender als die Landgänge durch Dschibuti, diesen trostlosen Flecken Erde zwischen Somalia, Äthiopien und Eritrea.

Vorerst sechs Monate lang werden nun bis zu 1800 deutsche Marinesoldaten die See am Horn von Afrika durchpflügen; unterbrochen nur von gelegentlichen Abstechern an Land. Doch wie man sich diesen Einsatz konkret vorzustellen hat, darüber herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Der Admiral jedenfalls hält sich bedeckt - »schließlich handelt es sich um eine militärische Operation«.

Immerhin verrät er so viel: »Einen Kampf im Sinne des Seekriegs wird es nicht geben.« Man müsse eben einfach so herumfahren und durch bloße Präsenz den Gegner einschüchtern. Die deutschen Fregatten, glaubt er, böten mit ihrem Kriegsgerät, »schon wenn sie am Horizont auftauchen, einen imposanten Anblick« - an Bord befinden sich 76-Millimeter-Geschütze, Torpedos, Anti-Schiffsraketen und allerhand mehr.

Und außerdem verbreite der deutsche Matrose allein durch seine Geschwindigkeit jede Menge Schrecken: »Wenn ein Kapitän, den wir freundlich auffordern, uns an Bord zu lassen, einfach weiterfährt, dann fahren wir eben nebenher.« Schneller sei man allemal. Man brauche gegen »eine asymmetrische Bedrohung« wohl »neue Einsatzformen« und müsse »an jeder Ecke ein Schiff aufbauen«.

Gekämpft wird jedenfalls an allen Fronten. An Bord befinden sich Geistliche gegen den Frust, Chipsletten, Bifis und Paulaner-Weißbier gegen die Fremde und ein Sanitätsteam, das so einige Kreiskrankenhäuser zieren würde.

Die Mediziner, so scheint es jedenfalls, haben womöglich den größten Widersacher. »Eine Epidemie wird kommen«, glaubt der Sanitätsoffizier, der aus Angst vor den Terroristen seinen Namen nicht nennen darf: »Es drohen Malaria, Tuberkulose, Gelb- oder Denguefieber.« Bisher sind allerdings erst Fälle von Erbrechen und Kreislaufzusammenbrüchen aufgetaucht. Das mag an den vielen Tabletten liegen, die fast alle schlucken, oder auch nur an der Hitze. »Viel Salz und täglich drei Liter Wasser zusätzlich«, empfiehlt der Arzt, nachdem er sich mit dem Bordmeteorologen besprochen hat.

Ganz andere Sorgen treiben Kapitän Klaus-Peter Rahlff, 63, vom Betankungsschiff »Spessart« um. Mit den 42 Zivilisten an Bord seiner »schwimmenden Tankstelle« fühlt er sich zwischen all den Soldaten wie ein Exot. Und besondere Abwechslung kann er seinen Leuten auch nicht bieten. »Wir haben noch nicht einmal eine Tischtennisplatte an Bord«, klagt er. Im Heizungsraum wäre zwar Platz, »aber dort ist es zu heiß«.

So wird der Frust zur ernst zu nehmenden Bedrohung. »Die Enge an Bord, die lange Zeit der Trennung von Freundin oder Familie, Vorwürfe aus Deutschland, man benehme sich in der Fremde nicht gebührend - das produziert Aggressionen«, vermutet der evangelische Bordpfarrer und bietet geistlichen Beistand an, während sich die Feldjäger um die weltlichen Probleme kümmern und die Bars des Rotlichtviertels durchstreifen.

Aber auch dort herrscht tote Hose. »Mehr als 20 bis 30 Soldaten verlassen selten auf einmal das Schiff«, haben die Militärpolizisten beobachtet. Und die können sich bei Preisen von sieben Euro pro Bier noch nicht einmal richtig betrinken.

Schade für die Damen aus den zahlreichen Nachtclubs, die sich schon auf die teutonischen Anti-Terror-Kämpfer gefreut hatten. »Sie sind so schüchtern«, beklagt sich ein Mädchen, das sich Lucille nennt, »und sie sind so diszipliniert.«

Da kann sich der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt (IBuK), Verteidigungsminister Rudolf Scharping, über die Wehrhaftigkeit seiner Männer einmal richtig freuen. Ihren obersten Dienstherren nennen sie bei der Truppe ohnehin nur noch respektlos »Bin Baden«. THILO THIELKE

Zur Ausgabe
Artikel 74 / 119