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RUSSLAND »Einfach hingehen und dort leben«

Moskau wähnt Gefahr im Osten: Hunderttausende Chinesen fluten aus den volkreichen Provinzen des Riesenreichs ins dünn besiedelte Nachbarland. Bislang fehlt der Regierung ein Konzept für die Massen-Immigration.
Von Jörg R. Mettke
• aus DER SPIEGEL 14/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herr Wu besitzt drei Stahlzähne, ein Bett in der örtlichen Chinesen-Herberge und den Schlüssel zu einem Container. Aus dem kramt er jeden Morgen zerknitterte Kleider, Röcke, Hosen und breitet sie über schäbige Holztische. Denn um zehn Uhr öffnet »Schanghai«, der Chinesenmarkt.

Der Basar im ostsibirischen Irkutsk mit seinen dunklen Gängen, fremden Gerüchen und Lauten birgt für manche hier lebenden Russen nichts als Unheil. Nicht gleich als Opiumhöhle oder Triaden-Treff, nicht so konkret böse. Eher als Messlatte einer gefährlich anschwellenden gelben Flut.

Dem kleinen Herrn Wu ist solche Besorgnis unverständlich. Er versteht ohnehin nur 60 russische Wörter, und die Hälfte davon kann er auch aussprechen. Wie soll er den Russen Angst machen? Er ist doch nur ein harmloser Tourist.

Einer, der einem Freund, dem Containermann, zur Hand geht. Einer, der mal hier, mal dort ist. Überdies findet er Russland und die Russen doch sympathisch. Schon wegen der praktischen Metallbeißer: Die hat er sich von einem russischen Dentisten preiswert einsetzen lassen, und nun erwägt er Anbauten. Weil die nicht braun werden beim ewigen Rauchen. Und angenehm blinken beim ewigen Lächeln.

Lächelnd schuften Zehntausende solcher Wus und Lis und Sungs auf sibirischen Baustellen im Akkord. Lächelnd besohlen sie in der Baikalstraße schiefgetretene Russenschuhe. Devot und lächelnd zeigen sie rüden Polizeistreifen immer wieder ihre Papiere, lächelnd handeln sie auf allen Irkutsker Märkten mit Textilzeug und Thermoskannen, Spielzeug-MPs und Springmessern, schwarzen Bomberjacken und bunten Büstenhaltern.

Das Lächeln drückt Optimismus aus, aber auch anerzogene Höflichkeit: Die Zeiten seien schlecht geworden seit dem großen Rubel-Absturz 1998, sagt der erfahrene Kauffahrer Wu lächelnd. Davor hätten sechs erhandelte Rubel einen Dollar gebracht für den Rücktransfer in die Heimat, der heute über 30 Rubel kostet. Und die Russen seien damals noch »richtig dankbar« gewesen für den reichen Ramschsegen aus dem geheimnisvollen Nachbarland. Als Anfang der neunziger Jahre Russland und China den visafreien Grenzverkehr verabredeten, kamen die chinesischen Tschelnoki - »Weberschiffchen«, wie Russen eigene und fremde Kleinhändler liebevoll nennen. Damals haben sie, so bestätigt der sibirische Historiker Wiktor Djatlow, »Irkutsk buchstäblich vor dem Waren-Hungertod gerettet«. Und seine Einwohner billig »von Kopf bis Fuß eingekleidet«.

Doch jene, welche voriges Jahr für eine Milliarde Dollar Ware in voluminösen karierten Plastiktaschen ("Chinesenkoffern") ins Land schleppten, sind zu viele geworden. Verdächtig viele.

Die »Schwarzhundertschaft«, ein Blättchen orthodoxer Patrioten, sieht bereits die »Chinesen unseren Fernen Osten besetzen«. Der Nationalbolschewik Eduard Limonow, zurzeit in Haft, hat prophezeit, Sibirien verwandle sich allmählich in »eine illegale Kolonie Chinas«. Und Nationalrabulist Wladimir Schirinowski, der in Russland niemals fehlt, wenn es gegen Andersdenkende und Andersfarbige geht, hält sogar Sofortmaßnahmen gegen Überfremdung für erforderlich: »In Sibirien heißt es: wir oder die Chinesen.«

Wie viele davon sich bereits in Russland heimisch gemacht haben, wie weit ihre Landnahme wirklich geht, weiß niemand genau. Schätzungen reichen von 150 000 bis zwei Millionen Zuwanderern aus dem Süden. Der Moskauer Sinologe Wilja Gelbras klagt, »keine einzige Zahlenangabe russischer Polizeibehörden stimmt«. Dunkelziffern und damit Stoff für Verschwörungstheorien überall, sogar im ausländerpolizeilich besonders sorgfältig kontrollierten Moskau: Dort sind gegenwärtig 12 000 Chinesen registriert. Publizierte Zahlen dagegen sprechen von 60 000, gar von einer Viertelmillion.

Die Russen aber sind ein schrumpfendes Volk mit sehr viel Raum: In ihrer Fernostregion siedelt ein Bürger pro Quadratkilometer, in den angrenzenden Provinzen Chinas müssen sich die gleiche Fläche 133 Menschen teilen. Über 115 Millionen leben dort, gleich nebenan, und jeder zehnte von ihnen ist arbeitslos.

Gleichzeitig geht Russlands Einwohnerzahl rapide zurück. Bis 2015 wird ein Verlust von 14 Prozent vorhergesagt. Die Gesamtregion entlang der chinesischen Grenze verlor zwischen 1993 und 1998 fast eine halbe Million Menschen und beherbergt heute nur zehn Millionen Bürger. Allein das noch am dichtesten besiedelte Primorje-Gebiet um Wladiwostok (13 Einwohner pro Quadratkilometer) benötigt während der nächsten Jahre rund zwei Millionen Ersatz-Arbeitskräfte.

Bis westlich vom Baikalsee holen sich heruntergewirtschaftete Kolchosen inzwischen billige »Gastarbeiter« aus dem nahen China. Brigadenweise werden sie auf russische Kohlfelder angesetzt, hegen Tomaten, ziehen Mohrrüben, bauen Melonen an.

Neuerdings dürfen sie auch Grund und Boden erwerben. Und einigen gelingt es, eine Russin zu heiraten und auf Dauer zu bleiben.

»Alle sind auf Qualität geprüft, genügsam und sehr fleißig«, lobt Leonid Prokoptschenko seine Sommergäste. Seit drei Jahren bestellt sich der Chef des landwirtschaftlichen Unternehmens Kaiskoje »rund zwei Dutzend« Saisonarbeiter aus dem Nachbarland, bei einer obskuren »Agentur für technisch-ökonomische Zusammenarbeit im Fernen Osten«.

Vom ostsibirischen Dorf Markowo kriegen die Arbeitsimmigranten nicht viel zu sehen. Sie kommen, sobald der Schnee getaut ist, und hausen in verwahrlosten Vierbettzimmern direkt auf dem Betriebsgelände, ein chinesisches Plakat an der Wand, Moskitonetze über dem Bett, ärmliche Pappkoffer darunter. »Was brauchen sie mehr?«, wundert sich Prokoptschenko: »Sie sind doch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Felde.«

Die Gewächshäuser von Markowo sind zertrümmert, die Heizschlangen geborsten, die Wege mit Splittern übersät, welche nur der Schnee verdeckt. Einst hatte das Staatsgut zwölf Hektar unter Glas und gab 600 Menschen Arbeit. Heute sind es noch 60, Chinesen mitgezählt.

Angeblich erhalten alle denselben Lohn, durchschnittlich 3500 Rubel (etwa 133 Euro) im Monat. Doch den Gastarbeitern werden davon Verpflegungskosten und allerlei Vermittlungsgebühren abgezogen. Einheimische beklagen lautstark chinesische Lohndrückerei wie die unheimliche Arbeitslust der Kollegen aus der Fremde: »Deren Stuckateure putzen hier bis zu 26 Quadratmeter am Tag«, registriert mit widerwilliger Anerkennung Alexej Terechow, Chef des Irkutsker Migrationsdienstes: »Ohne Feiertage, ohne einen Tropfen Wodka, nur mit einem Schälchen Reis.«

Als Handelsleute sind die Reisenden aus dem Reich der Mitte ihren Gastgebern noch eindeutiger überlegen. In Blagoweschtschensk am Amur, wo jeden Tag dreimal die Pendlerfähre aus dem gegenüberliegenden Heihe anlegt, breiten die Chinesen bereits morgens um sieben ihre Waren aus, während sich Russenstände erst ab zehn Uhr allmählich füllen.

Die Einheimischen trieben Handel »irgendwie gezwungenermaßen«, glaubt ein 40-jähriger Schuhverkäufer aus Harbin erkannt zu haben: »Sie haben mehr Spaß beim Ausgeben von Geld.«

Längst behaupten Chinesen die Platzhoheit auf dem zentralen Markt. Die erfolgreichsten beschäftigen bis zu einem Dutzend russische Kulis, welche ihnen die zollfreien 50 Kilo Klamotten über die Grenze schleppen. Für 200 Rubel am Tag.

Was fleißige chinesische Händler im Monat verdienen, entspricht nach Schätzungen russischer Steuerbehörden zwischen 250 und 500 Euro. Auf dem Markt von Blagoweschtschensk ließ der Fiskus eine dringende Warnung anbringen: Jeder, der »bei ausländischen Bürgern einkauft«, möge »unbedingt einen Kassenbon verlangen«.

Doch Quittungen, gar Kassenzettel, bleiben Raritäten auf den Basaren von Russisch-Fernost. Rubel-Milliarden fließen schwarz an der Staatskasse vorbei - direkt nach China oder in das Netz halb legaler chinesischer Unternehmen im Gastland. »Wir bekommen unsere Chinatowns«, warnt Wirtschaftsexperte Jurij Jefimenko aus Chabarowsk: »Banken, Investmentfonds, Lagerhäuser, Hotels, Restaurants, Spielclubs, Bordelle - alles in chinesischer Hand und nur für Chinesen. Dort bleibt inzwischen das meiste Geld.«

Sogar in Moskau erscheinen vier Zeitungen in chinesischer Sprache, funktionieren zwei chinesische Pager-Systeme, florieren 70 chinesische Restaurants sowie mehrere Supermärkte. Die Stadt entwickle sich, so Sinologe Gelbras, zum logistischen Knotenpunkt für den Transit von und nach China: Dorthin flossen allein über Filialen der obskuren »Intellektbank« eines Moskauer Stadtbezirks binnen zwei Jahren rund 30 Millionen Dollar.

Geldwäsche übernehmen mit Vorliebe auch große und kleine Spielclubs, die offen oder über Strohmänner Chinesen gehören. Bei der Eröffnung des Wladiwostoker Casinos »Aristokrat« verhaftete die Polizei voriges Jahr auf einen Schlag 33 tätowierte Mitgründer und Ehrengäste, denen danach die Zugehörigkeit zu Triaden-Gangs nachgewiesen werden konnte.

Sensationsberichte in der fernöstlichen Provinzpresse suggerieren oftmals Bedrohung ohne Beleg: »Es soll einfach Stimmung gegen uns gemacht werden«, meint eine junge Chinesin auf dem Markt von Chabarowsk, »als ob wir alle ihr Geld stehlen und in dunkle Geschäfte stecken.«

In Heihe am chinesischen Ufer des Amur, Blagoweschtschensk gegenüber, entstand in weniger als einem Jahrzehnt eine sichtbare, herausfordernde Stadtsilhouette mit properen Wohnhäusern, Verwaltungsgebäuden, Fabrikanlagen. »Bei uns hier geht alles dagegen bergab und verfällt«, klagt Ökonom Igor Sidorow, der sich als Taxifahrer durchschlägt.

»Diese Stadt haben wir gebaut«, behauptet Lokaljournalist Jewgenij Golowin: Jedem China-Reisenden, aus Blagoweschtschensk kamen im Jahr 2001 über 150 000, würden drüben umgerechnet 180 Rubel »Eintrittsgeld« abgenommen - »davon hat sich Heihe so rausgemacht«. Neid auf die prosperierenden Nachbarn mischt sich mit Selbstmitleid, Zorn auf das ferne - und angeblich viel zu chinafreundliche - Moskau und Verachtung gegenüber der hilflosen regionalen Obrigkeit: Zwischen Baikalsee und Stillem Ozean gärt eine zwiespältige Stimmung, noch unentschieden zwischen Furcht und Respekt angesichts der Bevölkerungsexplosion direkt vor der eigenen Haustür.

Die Provinzgewaltigen schwanken zwischen zwei widersprüchlichen Sorgen: der Angst, die China-Dollar zu verlieren und die billigen Importe, die das unter dem Existenzminimum lebende Bevölkerungsdrittel bei Laune halten; und der Furcht vor Unterwanderung, welche die demografische Expansion des Nachbarn vorbereitet - und dadurch das patriotisch eingestimmte Proletariat weiter aufmischt.

Regionale Geheimdienstler drängen darauf, die Wachsamkeit der Sowjetzeit wieder zu beleben und die Grenzen undurchlässiger zu machen. Bei ihm, erzählt Historiker Djatlow, habe sich ein Geheimer beklagt: »Ausländer, besonders schlitzäugige, befinden sich heute außerhalb des Blickfelds der zuständigen Staatsorgane.«

Um wieder mit totaler Überwachung beauftragt zu werden, streuen die Propagandisten der KGB-Nachfolgebehörde FSB (Bundessicherheitsdienst) beharrlich, junge, durchtrainierte Männer, als Händler getarnte ehemalige Offiziere und Kundschafter würden ins Land geschleust.

Jahrzehntelang war die Ostgrenze so abgeriegelt wie die im Westen. Betonierte Feuerstellungen und Beobachtungsposten längs der Grenzflüsse zeugen noch heute davon. Doch sie zerbröckeln, taugen gerade noch als wilde Müllkippen oder Liebesnester. Ältere Leute wie Babuschka Fedossija in Blagoweschtschensk wissen noch die wilden Geschichten: aus der Zeit der Kulturrevolution »drüben, als die Gelben bis an unser Amur-Ufer ruderten, sich auf Kommando im Boot umdrehten und ihre nackten Ärsche zeigten«.

Ausgestanden und vergessen scheint der Konflikt von damals zwischen Maoisten und Sowjetbürokraten, bei dem es um den wahren Kommunismus, Macht und Territorien ging. Nur wenige geben sich noch nachtragend wie Zhao Zelin aus der Provinz Jilin, der darauf beharrt, »weder damals noch heute« sei bei den Russen etwas zu lernen gewesen - »außer, wie man Leute schikaniert«.

Zhao wartet vor dem Hafengebäude von Blagoweschtschensk unter einem gewaltigen Plakat, das in kyrillischer und chinesischer Schrift ins Casino »Oasis« lockt, zu einem Pokerspielchen oder einer Runde Roulette. Schon zwei Stunden harrt der Chinese auf seinen Passierschein, ohne den er sich nicht weiter in die Stadt wagen darf.

Drinnen in der Halle sitzen füllige Russinnen an langen Tischen und überprüfen mit strenger Miene Hunderte von Kennkarten, die mit Lichtbildern versehen sind. Hier muss der »Bürger Tourist aus der Volksrepublik China« seinen Pass abgeben; nur wer pünktlich wieder ausreist, erhält ihn im Tausch gegen den Registrierzettel zurück.

»Die tauchen doch sonst bei uns unter«, erklärt Ljudmila Wiktorowna den Sinn ihrer wenig gastfreundlichen Kontrolltätigkeit: »Eine Höllenarbeit - alle sehen gleich aus, und keiner von ihnen spricht Russisch.«

Doch das große Kannitverstan täuscht. Viele Chinesen ziehen es vor, ihre Russischkenntnisse nur Kunden gegenüber zu offenbaren. Bei Beamten, vor allem Polizisten, dagegen empfiehlt sich völlige Verständnislosigkeit: »Wenn die merken, dass du auch nur ein Wort verstehst«, lautet Zhaos Lebensregel, »ziehen sie dir das letzte Geld aus der Tasche.«

Auch sein Freund und Handelskompagnon aus einem Dörfchen nahe der Grenzstadt Heihe nennt »Wsjatki«, Schmiergelder, als Spezialität der russischen Obrigkeit: Für 100 Rubel könne sich freikaufen, wer im Nachtasyl nicht gemeldet sei, mit 100 Dollar sei ein abgelaufenes Visum zu heilen. Und »zwischen 10 und 50 Rubel zahlst du überall, auf Schritt und Tritt, nur weil du Chinese bist«.

Als besonders rau gelten die Sitten weiter östlich, Amur und Ussuri stromabwärts, in den Gebietshauptstädten Chabarowsk und Wladiwostok: Wer dort in eine Razzia gerate, berichtet Zhao aus Erfahrung, werde »nicht nur beraubt, sondern auch geprügelt«. Der in Chabarowsk residierende chinesische Generalkonsul monierte offiziell »unbegründete Maßnahmen der Polizei gegen örtliche chinesische Firmen«.

Wiktor Ischajew, Gouverneur von Chabarowsk, hält die »einigen hunderttausend illegal in Fernost wohnenden Chinesen« nicht nur für ein Sicherheitsrisiko. Er glaubt, dass Peking ein geheimes Programm zur Aneignung russischer Erde ausgeheckt habe, ein besonders raffiniertes: »Erkämpfen wollen die nichts, aber sie sagen: einfach hingehen und dort leben.« Deshalb hat der Gebietschef eine Quote der für Chinesen offenen Arbeitsplätze verfügt: 480 in der Landwirtschaft, 500 auf Baustellen, 853 für die Goldgewinnung, 950 beim Bäumefällen. Polizeiaktionen seien schon gar nicht mehr möglich, klagt das Hauptstadtblatt »Trud«, weil die Chinesen »Landwirtschaft und Handel« im Fernen Osten bereits »dominieren«.

Und als wäre die Vorhersage des US-Politologen Samuel Huntington ("Kampf der Kulturen") bereits eingetroffen, wonach in wenigen Jahren die Chinesen in Wladiwostok einmarschieren, machte sogar die seriöse »Iswestija« mit der Frage Bange, ob die Chinesen wohl noch »Gäste« oder bereits »Hausherren« seien?

Sie kommen wirklich allein der Arbeit wegen. Soziologische Untersuchungen belegen, dass die meisten es schwierig finden, unter Russen zu leben, und wieder heim wollen. Wie schon ihre Urgroßväter, die vom »weißen Khan«, dem Petersburger Zaren, zu Hunderttausenden angeworben, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Goldgruben schufteten, den Hafen von Wladiwostok und die transsibirische Eisenbahn mitbauten. Und in der frühen Sowjetzeit der Parteiprominenz in Moskau die Hosen bügelten.

Sie alle hinterließen nicht einmal Spuren auf den Friedhöfen. »Schon damals gab es unter unseren Leuten eine eiserne Regel«, weiß Handlanger Wu über einen Vorfahren, der an der Murmansk-Bahn mitbaute: »Vom ersten Rubellohn wurde ein Sarg gekauft, damit wenigstens die Knochen nicht unter Barbaren bleiben mussten.«

Solch tief verwurzelte Selbstgenügsamkeit war dem deutschen Kaiser Wilhelm II. unbekannt, als er schon zur vorletzten Jahrhundertwende seinen russischen Vetter Nikolai II. gegen eine »gelbe Gefahr« zu mobilisieren trachtete. Russlands Regierungschef Pjotr Stolypin übernahm 1908 die wilhelminische Bedrohungsformel.

Ein heute mächtiger Chinese verweist dagegen auf das segensreiche Wirken der chinesischen Besucher. Pekings Parteichef Jiang Zemin ließ bei seinem letzten Moskau-Besuch einen Satz hören, der mehr war als höfliche Floskel: »Ich fühle mich wie zu Hause.« Er weiß längst, wie auch Russlands Präsident Wladimir Putin, was zwei russische Migrationsforscherinnen so formulieren: »Wenn die sibirische Erde nicht von Chinesen kultiviert wird, wird sie überhaupt nicht kultiviert.« Nach den Berechnungen der Geografin Janna Sajontschkowskaja und der Ökonomin Galina Witkowskaja könnte die Zahl der Chinesen in Russland zur Mitte dieses Jahrhunderts leicht zehn Millionen erreichen.

So mögen neue Realitäten einen alten Witz einholen: Vor 20 Jahren lachten Sowjetbürger herzlich darüber, wie Kremlherr Leonid Breschnew gemeldet worden sei, draußen auf dem Roten Platz säßen Zehntausende Menschen. Breschnew: »Sollen sie sitzen.« Nächste Nachricht: Sie essen. Breschnew: »Sollen sie essen.«

Aber sie essen mit Stäbchen!

JÖRG R. METTKE

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