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AFFÄREN Einfach lächerlich

Nach seinem Austritt aus der Regierung wollte der Reagan Freund Michael Deaver Millionär werden. Das gelang - zu schnell. *
• aus DER SPIEGEL 19/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Keiner Gesellschaftsgruppe hat Ronald Reagan eine glänzendere Zukunft versprochen als Amerikas freiem Unternehmertum. Selbständige, risikobereite Profis sollten jene Avantgarde darstellen, die den Marsch der Vereinigten Staaten in die oft beschworene »konservative Chancen-Gesellschaft« anführte.

Daß man allerdings wegen allzu ausgeprägten Geschäftssinns auch ins Straucheln geraten kann, ist eine Erfahrung, die derzeit Michael Deaver, 48, machen muß. Dem Titel nach war er bis zum Mai vergangenen Jahres Stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, in Wirklichkeit aber ungleich mehr: Auge und Ohr seines Freundes Reagan. Beschützer und, wenn's sein mußte, auch Kettenhund des Präsidenten.

Um den leicht Ermüdenden zu schonen, halbierte Deaver Aktenberge, die Mitarbeiter für den Chef zusammengestellt hatten. Er bewachte die Tür zum Oval Office; machte die Termine für den Präsidenten; bestimmte, weil er wie kein anderer das Denken und Fühlen seines Chefs kannte, die Agenda der Regierung.

Weil der harmoniesüchtige Reagan es nie übers Herz brachte, Mitarbeiter zu feuern, war es Deavers Aufgabe, unliebsame Helfer loszuwerden.

Ihm vor allem ist der Erfolg zu verdanken, den Ronald Reagan bei den amerikanischen Wählern erringen konnte. Niemals ist ein Präsident wirkungsvoller in der Öffentlichkeit verkauft worden. Effektbewußter Zeremonienmeister des großen Selbstdarstellungsrituals war Michael Deaver.

Genau diese Erfahrungen wollte Deaver, nach eigenem Eingeständnis schon immer knapp bei Kasse, nach 52monatiger Regierungszeit endlich in Dollar verwandeln. Mit dem Segen seines Chefs, der sich nach Deavers Abgang »amputiert« fühlte, stieg der Reagan-Freund ins große Lobby-Geschäft ein.

Er tat das so ungeniert. daß nun mehrere Untersuchungsausschüsse des Parlaments prüfen, ob Deavers Karriere mit den Verhaltensvorschriften für ehemalige Regierungsmitglieder in Einklang steht. Auf Antrag prominenter Senatoren soll das Justizministerium in den nächsten Wochen entscheiden, ob es ein Ermittlungsverfahren gegen Deaver einleitet.

Mit einem öffentlichen Hearing brachte der konservative Senator Strom Thurmond aus North Carolina am vergangenen Dienstag außerdem ein Gesetzgebungsverfahren in Gang, das dem smarten Mister Deaver das gerade erst begonnene Handwerk legen könnte. Sollten die vorgeschlagenen Rahmenbedingungen für Lobbyisten Gesetz werden, droht Amerikas erfolgreichstem Jungunternehmer ein schnelles Ende.

Nur wenige Tage nachdem Deaver die Regierung verlassen und seine Beraterfirma Michael K. Deaver & Associates gegründet hatte, begann der beispiellose geschäftliche Aufstieg. Als erste versicherte sich die kanadische Regierung der Dienste des kundigen Lobbyisten. Für 105000 Dollar sollte Deaver sich für kanadische Wälder und Seen einsetzen die durch den in den Industriegebieten des amerikanischen Mittelwestens erzeugten sauren Regen geschädigt werden.

Für 350000 Dollar bewog die amerikanische Fluggesellschaft TWA den ehemaligen Präsidentenberater, seinen Einfluß gegen eine Übernahme der Traditionsfirma durch einen Börsenspekulanten geltend zu machen. Ähnliche Sorgen plagten die Fernsehgesellschaft CBS. Um die Kosten für das Honorar ihres prominenten Fürsprechers auszugleichen, mußten allerdings gleich sieben Angestellte gefeuert werden.

250000 Dollar ließ die südkoreanische Stahlfirma Daewoo Corporation springen. Ihr Auftrag an den Präsidenten-Freund: Vermittlung im Streit mit dem amerikanischen Finanzministerium, das von den Südkoreanern wegen Vergehens gegen amerikanische Handelsgesetze eine Konventionalstrafe von zwölf Millionen Dollar fordert.

Ebenfalls 250000 Dollar zahlte der Rüstungsmulti Rockwell International. Die Firma wollte die US-Regierung dazu bringen, mehr als die bisher gesetzlich bewilligten 100 B-1-Bomber in Auftrag zu geben. Um saudiarabische Waffenwünsche sicher durch den Kongreß zu geleiten, kassierte Deaver beim Wüstenreich gar 1,5 Millionen Dollar.

Ob karibische Inseln ihre Zuckerexportquoten erhöhen. Puerto Rico Steuervergünstigungen für US-Investoren erreichen oder der Flugzeugbauer Boeing gern das neue amerikanische Präsidentenflugzeug bauen wollten, Deaver schnappte sich stets die fettesten Berateraufträge.

Sein Ziel, möglichst schnell Millionär zu werden, erreichte der Multi-Lobbyist in weniger als einem Jahr: Ende März wies sein Auftragsbestand 4,5 Millionen

Dollar aus. So gefragt waren die Deaver-Dienste, daß der britische Werbemulti Saatchi & Saatchi, mit der Tory-Partei Margaret Thatchers eng liiert, 18 Millionen Dollar für die Firma bot. Deaver, der natürlich weiterhin Direktor bleiben sollte, zeigte sich interessiert.

Der Erfolg rief Neider auf den Plan. Gegen Deavers Gewinnaussichten verblaßte selbst das Millionengeschäft, das der Reagan-Abgänger David Stockman für seine Erinnerungen ausgehandelt hatte.

Das mag den ehemaligen Budget-Direktor gewurmt haben; jedenfalls war er einer der ersten, die aus dem Glashaus heraus mit Steinen warfen. Als die Frage auftauchte, ob bei Deavers plötzlichem Reichtum alles mit rechten Dingen zugegangen sei, meldete auch Stockman Zweifel an.

Ihm sei schon zu gemeinsamen Regierungszeiten aufgefallen, wie sehr sich Deaver für eine Kanada-freundliche Regelung im Streit um den sauren Regen eingesetzt habe, berichtete er. Als dann, nach Deavers Ausscheiden, der Vertrag mit Kanada bekannt wurde, seien in seiner Behörde »überall die Augenbrauen hochgegangen«. Sollten die Ermittlungen ergeben, daß Deaver schon zu Regierungszeiten einen späteren Kunden anwarb, wäre das in der Tat ein offener Verstoß gegen geltendes US-Recht.

Als sich Deaver persönlich beim Stockman-Nachfolger James Miller für seinen Klienten Rockwell stark machte, war der nächste Skandal da.

Amerikanische Gesetze verbieten es Ex-Regierungsbeamten für ein Jahr, in ihrem ehemaligen Aufgabenbereich als Lobbyist aktiv zu werden. Mit der Beschaffung des B-1-Bombers war Deaver aber auch im Weißen Haus beschäftigt gewesen. Ein ehemaliger Reagan-Berater: »Ich weiß nicht, ob das unangemessen oder illegal war, auf jeden Fall zeugt es von äußerst schlechtem Geschmack.«

Dennoch kommt die öffentliche Entrüstung über Deavers Lobby-Tätigkeit überraschend.

Hinter dem Run auf die Dienste des Reagan-Freundes verbirgt sich nämlich die traditionelle Ansicht der amerikanischen Geschäftswelt, daß jede Regierung käuflich sei. Schon immer haben Regierungsabgänger es verstanden, ihre Washingtoner Erfahrung in Dollar umzusetzen.

Neu dabei ist höchstens die skrupellose Offenheit, mit der zur Zeit das Einfluß-Gewerbe betrieben wird. War bislang Diskretion das beherrschende Kennzeichen amerikanischer Lobbyisten, so hat sich das Geschäftsgebaren nun gründlich geändert.

Einen der einflußreichsten Washingtoner Lobbyisten, William Timmons, machte die Republikanische Partei beispielsweise zum Direktor ihres letzten Wahlparteitages in Dallas. Bewerber für republikanische Spitzenpositionen mußten ihn um günstige Auftrittszeiten bitten. Daß er sich auf diese Weise womöglich künftige Reagan-Nachfolger verpflichten kann, wird Timmons-Klienten wie Boeing oder Chrysler nur recht sein.

Michael Deaver allerdings betrieb seine Geschäfte noch ein bißchen schamloser als die Konkurrenz, und das wird ihm jetzt zum Verhängnis.

Sein Abstieg begann in dem Augenblick, als er glaubte, den Gipfel erreicht zu haben. Am 3. März hob das Nachrichtenmagazin »Time« den tüchtigen Deaver auf den Titel: im Fond seines Jaguar mit Chauffeur, Telephon in der Hand, das Kapitol, häufiges Ziel seiner Lobbytätigkeit, im Wagenfenster sichtbar. Ein Deaver-Freund über die Geldgier des ehemaligen Spitzenberaters: »Er hatte es viel zu eilig, und darunter hat sein Urteilsvermögen gelitten. Er war ganz schlicht und einfach dumm.«

Die juristischen Schwierigkeiten, die Deaver aus dem Justizministerium und aus dem Kongreß drohen, schlagen aufs Geschäft durch. Schon halten Klienten mit Verträgen zurück. Auch der Multimillionen-Verkauf an Saatchi & Saatchi kommt wohl nicht zustande.

Ronald Reagan allerdings steht nach wie vor zu seinem Freund. Auf dem Weg nach Tokio tat er öffentlich kund, was er von den Anschuldigungen gegen Deaver hält: »Die ganze Sache ist einfach lächerlich.«

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