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WAHLKAMPF Einfach null

Kuriosum in Schleswig-Holstein: Die dänische Minderheit stellt sich auch vor den Toren Hamburgs zur Wahl. *
• aus DER SPIEGEL 18/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Kragen der derben Windjacke hochgeschlagen, die Schirmmütze tief in der Stirn - so betritt Karl Otto Meyer, kaum zu erkennen, den Boden Helgolands. Doch sofort tönt es ihm entgegen, als stünde die Befreiung des Eilandes vom fremden Joch unmittelbar bevor: »Mensch, da kommt ja endlich der Mann.«

Ohne Umschweife auch wird der Wahlkämpfer hereingebeten, als er unangemeldet beim Heizungsbauer Klaus Köhn vor der Tür steht. »Hier wissen doch alle«, sagt Handwerker Köhn, »wer Karl Otto Meyer ist.«

Seit der Barschel-Affäre erfreut sich der Abgeordnete der dänischen Minderheit im Kieler Landtag einer Popularität, wie sie sonst nur Spitzenpolitikern der Großen zuteil wird. »Überall, wo du hinkommst«, staunt Meyer, »kennt man dich auf einmal.«

Mehr als 500 Briefe bekam der Politiker allein während der ersten Wochen der Skandalbereinigung, Dutzende von Anrufern stützten ihn gegen Anfeindungen aus dem CDU-Regierungslager. In Meinungsumfragen bringen es der deutsche Däne und sein Südschleswigscher Wählerverband (SSW) bisweilen schon auf stattliche 2,6 Prozent der Stimmen. Nach 30 Jahren, so scheint es, könnte die Minderheit im Norden des nördlichen Bundeslands wieder ein zweites Mandat erringen - Mensch Meyer.

Doch die Umfragen gehen von falschen Voraussetzungen aus. »Die Leute denken nicht daran«, sagt Meyer, »daß wir nicht überall auf dem Stimmzettel stehen.« Zu wählen ist der SSW eigentlich nur im Landesteil Schleswig. Zwischen Eider und dänischer Grenze, wo jahrhundertelang die Dänen herrschten, leben, mit eigenen Schulen und Kulturvereinen, rund 50 000 dänisch orientierte Schleswiger. Ihnen und einigen tausend »nationalen Friesen«, die am Wattenmeer für ihr Volkstum trutzen, fühlt sich die Klein-Partei verpflichtet.

Der SSW braucht, seit einem Abkommen zwischen Bonn und Kopenhagen 1955 zum Schutz der dänischen Minderheit, als einzige Partei in der Bundesrepublik nicht die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, um ins Parlament zu kommen. Der Dänen-Partei genügen jeweils so viele Stimmen, wie nach dem Zählverfahren für das letzte Mandat notwendig sind - zuletzt 19 475.

Zwar könnten die Dänen gut und gern auch anderswo im Land antreten. »Zahlreich« ging bei dem populären Meyer vor der Wahl am kommenden Sonntag die Aufforderung ein, »nun kandidier doch endlich«. Doch Meyer will nicht; andernfalls wäre, so fürchtet er, »die Begründung für die Befreiung von der Fünf-Prozent-Sperrklausel womöglich nicht mehr gegeben«.

Deshalb will der SSW dort verharren, »wo wir geschichtlich wirklich hingehören«. Einzige Ausnahme ist der Wahlkreis 21 Pinneberg-Nord in unmittelbarer Nachbarschaft Hamburgs. Dorthin hat es die Dänen von Amts wegen verschlagen: Die Insel Helgoland, verkehrstechnisch eng an die Region Hamburg angebunden, wurde 1932 dem Landkreis Pinneberg zugeordnet.

Fast 100 Jahre lang, von 1714 bis 1807, war Helgoland, das »heilige Land der Friesen« (der örtliche SSW-Kandidat Alfried Boysen), dänisch besetzt. Noch heute fühlen sich manche stammestreuen Insel-Friesen »von deutscher Seite«, wie Kaufmann Richard Kuchlenz klagt, »oft übergangen«.

Die Dänen trauen sich aber nicht, auf dem Festland vor den Toren Hamburgs zu werben. Dort gebe es »keine Wahlveranstaltungen, keine Plakate, keine Flugblätter«, sagt Meyer, »einfach null. Wer weiß, wie sonst die Reaktion der Behörden wäre«.

In Helgoland dagegen bedient Meyer, alle Wahlen wieder, mit Handzetteln und Hausbesuchen die letzten friesischen Familien. Auf der Insel erwartet er zwar nicht gerade einen »Erdrutsch«, wohl aber »ein bißchen Zuwachs«.

Beim letzten Mal holten die Dänen im Hamburger Umland, ganz ohne Wahlkampf, 116 von rund 41 000 Stimmen. Auf Helgoland waren es 27 von gut 1000 - um die 2,5 Prozent.

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