EINMALIG - DER SPIEGEL
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Briefe

EINMALIG
• aus DER SPIEGEL 8/1971
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EINMALIG

(Nr. 5/1971, Industrie)

Als Hamburger drängt es mich, zu Ihrem Artikel »Einmalig an der Küste« Stellung zu nehmen. 46 Quadratkilometer zusätzliche Industriefläche zum Hafenerweiterungsgebiet: Welch ein tüchtiger Mann ist der Herr Senator Kern, und welch große Leistung vollbringt er mit seinen Mitarbeitern, für die er die politische Verantwortung trägt. Hamburg und besonders Senator Kern werden die weitgestreute und kostenlose Reklame des SPIEGEL bei passender Gelegenheit zu würdigen wissen. Leider vermisse ich in diesem SPIEGEL-Bericht auch nur ein einziges Wort zu den Menschen, auf deren Kosten Hamburg erst in die Lage versetzt wird, Hafen- und Industriegelände zur Verfügung zu stellen. Es sind ja auch nur Gärtner (Obstbauern) und Landwirte, über die zu schreiben jedes Wort überflüssig wäre. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, die Betroffenen und ihre Vertreter sind nicht so dumm und engstirnig, als daß sie nicht erkennen würden, daß ein Gemeinwesen wie Hamburg nur funktionieren kann, wenn die Wirtschaft und der Hafen florieren.

Hamburg FRIEDRICH GODDEMEYER

Nach Ihren Worten »auf Publizität geeicht«, kann ich die seltene Gelegenheit, daß der SPIEGEL sich mit der Wirtschaftspolitik Hamburgs beschäftigt, nicht ohne Stellungnahme vorübergehen lassen.

1. Sie stellen meine »Trichter-Theorie« buchstäblich auf den Kopf. Ich will nicht möglichst viel an neuen interessanten Industriebetrieben für Hamburg oben hineinstopfen, so daß für unsere Nachbarn fast gar nichts mehr übrigbleibt. Im Gegenteil: Wenn ich zur

Veranschaulichung vereinfachend das Modell eines Trichters gebrauchte, dann sprach ich immer von einem auf den Kopf gestellten Trichter,

der wirtschaftliche Aktivität nicht tropfenweise durch die Tülle aus Hamburg ins Umland entläßt, sondern unter dessen breitem Rand ökonomische Wachstumsimpulse -- auch in Form umsiedelnder Betriebe -- ständig hervorquellen und nach außen strömen. Die Tülle oben hat dann nicht die Funktion eines künstlichen Engpasses zuungunsten des Umlandes, sondern ist dazu da, daß in das Zentrum nur solche Betriebe hineinkommen, welche die dort gebotene besondere Standortgunst auch wirklich im Sinne höherer Produktivität und verstärkten Wachstums der Wirtschaft unseres Raumes nutzen können. Und dabei ist keinesfalls nur an die Parkindustrie gedacht. Je mehr Betriebe solcher Art die Tülle passieren, desto mehr wirtschaftliche Aktivität wird auch in unsere Nachbarländer fließen können. Daß dies keine bloße Theorie ist, dafür zwei Zahlen: Von 1957 bis 1970 blieb die Zahl der in der Hamburger Industrie Beschäftigten so gut wie konstant, während sie in den vier schleswigholsteinischen Landkreisen im Norden unserer Stadt um fast 60 Prozent wuchs (im übrigen Schleswig-Holstein um vier Prozent)!

2. Ich bin mir völlig darüber im klaren, daß die Metropole Hamburg auf die Dauer nicht Metropole von sich allein sein kann, sondern daß sie ein lebenswichtiges Interesse daran haben muß, daß in ihrer engeren und weiteren Nachbarschaft immer potentere Partner ihrer eigenen Wirtschaft heranwachsen. Deshalb haben mich die spektakulären Ansiedlungen international renommierter Unternehmen an anderen Standorten des Unterelberaumes wie Stade oder Brunsbüttel nicht etwa -- wie der Leser Ihres Artikels annehmen -- könnte -- mit Verdruß erfüllt, sondern mit Freude und Genugtuung. Die Entwicklung in Hamburg wie in anderen Orten an der Unterelbe und an der Nordseeküste (wie in Wilhelmshaven) zeigt uns, daß unsere langwierigen und intensiven Bemühungen, die deutsche Küste als Ziel des industriellen »Zuges zum Meer« interessant zu machen, anfangen, ihre Früchte zu tragen. Das ist der Beginn einer Entwicklung, die dem Schlagwort von Norddeutschland als dein Schlußlicht im wirtschaftlichen Wachstum der Bundesrepublik endgültig den Garaus machen wird.

Hamburg HELMUTH KERN

Senator für Wirtschaft und Verkehr

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