Einsamer Wolf - DER SPIEGEL
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Vertriebene Einsamer Wolf

Machtkampf bei den Berufsflüchtlingen: Die erste Runde verlor der Herausforderer.
• aus DER SPIEGEL 28/1991
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Vier Jahre lang ordnete sich der junge Mann dem greisen Patriarchen willig unter. Nicht aus Opportunität oder Feigheit, meint Hartmut Koschyk, 32, bis zum vorletzten Wochenende Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen (BdV); vielmehr hätten ihn »Ehrfurcht und Treue« gegenüber dem Fossil an der Verbandsspitze, Herbert Czaja, 76, gebremst.

Die deutschen Tugenden gelten nichts mehr, seit Koschyk im letzten Dezember auf einem sicheren CSU-Listenplatz in den Bundestag gewählt und damit von der Pflicht befreit wurde, dem alten Gönner und Dienstherrn nach dem Munde reden zu müssen.

Der BdV-Präsident, gebürtig aus Oberschlesien und im Zivilberuf Oberstudienrat a. D., hatte Koschyk 1987 aus dem politischen Nichts aufgebaut, ihm seinen Geist eingehaucht und ihn zum Nachfolger ausersehen.

Doch der Alte ist zäh. Seit der letzten Bundesversammlung ist an der Spitze des Verbandes ein öffentlicher Machtkampf entbrannt, an dessen Ende Koschyk nur eine »tragische Figur« erkennen kann - Czaja.

»Vielleicht hat Czaja von mir erwartet, daß ich sein Erbe als einsamer Wolf antrete«, sinniert Koschyk - aber diese Rolle will er nicht spielen.

Der ganze Trouble begann mit der deutschen Einheit und der von Bonn eingegangenen Verpflichtung, nun auch mit Polen die letzten offenen Fragen zu regeln und einen Nachbarschaftsvertrag zu schließen. Selbst manche Hardliner unter Czajas Parteifreunden in der Union gaben angesichts der Veränderungen im Reform-Polen und im Zeichen der deutschen Einheit alte Rechtspositionen auf und suchen ein neues Verhältnis zum Nachbarn.

So auch der gebürtige Oberfranke Koschyk, der sich klug vorausschauend schon vor dem Zusammentritt des Bundestages vom haupt- zum ehrenamtlichen Generalsekretär umklonen ließ, weil eine »Weisungsbindung« an den BdV-Präsidenten mit seiner neuen Aufgabe als Volksvertreter nicht vereinbar sei. Dann startete er, gestärkt durch Gunstbeweise des Kanzlers, eine persönliche Wende vom Fundamentalisten und Revanchisten in den Gesinnungsgrenzen von 1937 zum Vertriebenen-Realo.

Zum Schrecken Czajas verkündete er auf einer Klausurtagung im März, die bisherige harte Linie des BdV sei zwar aus der Minderheitenlage heraus legitim gewesen, jetzt aber in ihrer Haltung »gegen nahezu den Rest der Welt falsch«. Um sich den »Einstieg in eine zukunftsorientierte Politik« zu sichern, müsse der BdV bei den Polen-Verträgen die »neue rechtliche und politische Lage« berücksichtigen.

»Und da schon schieden sich die Geister«, erinnert sich Koschyk. Er ließ Czaja noch eine Anstandsfrist, um die Volte nachzuvollziehen. Doch als sich Czaja auch nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages im Mai weigerte, von seinen alten Rechtsstandpunkten abzurücken, ging Koschyk zum offenen Angriff über.

Vor den Funktionären in Berlin warf er dem Präsidenten »Realitätsverlust« und »völlige Fehleinschätzung der politischen Lage« vor. Eine weitere Zusammenarbeit mit Czaja sei nicht möglich.

BdV-Sprecher Horst Egon Rehnert, der vor vier Jahren mit Koschyk angetreten war, attestiert seinem Präsidenten neuerdings, er gleiche einem »Häufchen Elend« und sei »in Berlin zu schwach gewesen, die Sitzung zu leiten«.

Das Präsidium reagierte am vergangenen Donnerstag mit der sofortigen Beurlaubung des Sprechers, für Rehnert ein »Ausdruck von Hilflosigkeit«.

Kaum einer mag mehr für Czaja sprechen, die Verbandsführung taumelt der Götterdämmerung entgegen. Allein BdV-Vize Rudolf Wollner gab seine Unterschrift für einen offenen Brief gegen Koschyk her. Nach Angaben Rehnerts hat Czaja dem Vize das flehentliche Schreiben ("Sie sollten den Rest der Loyalität wahren") in die Feder diktiert.

Von CSU-Chef Theo Waigel hat Koschyk Rückendeckung auch für die nächste Runde im Streit. Kanzler Kohl ließ wissen, er »könnte eine große Auseinandersetzung im Interesse der Vertriebenen nur bedauern«, und zielte damit auf Czaja, der sich nicht mehr lange zieren soll.

Doch genau das ist offen. Koschyk hegt zwar keinen Zweifel, daß das notwendige Drittel der im BdV organisierten Landsmannschaften und Landesverbände »noch in diesem Jahr« eine außerordentliche Bundesversammlung fordern und Czaja stürzen wird. Doch bis dahin werde Czaja weiterhin »seinen politischen Crash-Kurs fahren« und »Kamikaze« spielen.

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