Einstand - DER SPIEGEL
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Einstand

• aus DER SPIEGEL 50/1948
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Mehr oder weniger weit entfernt

Am kommenden Mittwoch wird in Saarbrücken der Handschlag zwischen Frankreichs Außenminister Schuman und Saarlands Ministerpräsident Hoffmann besiegelt, was Walther Sender die zweite Phase ("kulturelle Assimilierung") nennt: ein Kulturabkommen zwischen Frankreich und dem Saargebiet, das der französischen Sprache, der französischen Geschichte und der französischen Kultur Ehrenplätze in den Erziehungsinstitutionen des Saarlandes sichert. Walther Senders erste Phase, »die ökonomische Assimilierung«, war mit dem wirtschaftlichen Anschluß der Saar an Frankreich im November 1947 erreicht.

Walther Senders dritte Phase ist die Endlösung: »Naturalisation«; denn Walther Sender ist der Vorsitzende der Bewegung für den Anschluß der Saar an Frankreich (M. R. S.).

Die Geschichte des M. R. S. reicht zurück bis in die Tage des Falls von Paris. Damals trafen sich in der Rue Lafayette ein paar Männer, die sich »Bewegung für die Befreiung der Saar« (M. L. S.) nannten.

Als die Amerikaner in Saarbrücken eingerückt waren, sickerten die Befreier aus der Rue Lafayette langsam nach. Da es nichts mehr zu befreien gab, nannten sie sich »Bewegung für die Prosperität der Saar« (M. P. S.). Auch das erwies sich als unglücklich, als die Saar den Riemen immer enger schnallen mußte. So kam die dritte Namensänderung, die schon in die französische Besatzungsära fiel: M. R. S. »Was wollen Sie«, sagte Dr. Blank, Mitbegründer der Bewegung, »wir sind immer konsequent bei drei Buchstaben geblieben.«

Monsieur Blank, ein naturalisierter Franzose, ist nicht immer so konsequent gewesen. Als er in der Emigration 1940 einen Leidensgenossen fand, der sich den Verbrennungsöfen entziehen wollte, verlangte er für Hilfe über die Pyrenäengrenze eine runde Summe Franken. Der andere hatte keine runde Summe. Da lehnte der naturalisierte Blank ab.

Der andere kam auch so über die Grenze. Aber er erfror sich die Füße. Er wäre ganz erfroren, hätte ihn nicht ein katalanischer Bauer gerettet. Ohne etwas dafür zu verlangen. So kam es, daß der andere sechs Jahre später durch die Informationsabteilung des Gouvernements Militaire de la Sarre humpeln konnte. Er hatte dort den Rang eines Majors und pflegte zu sagen: »Ich habe Rassegenossen, die dafür sorgen, daß der Antisemitismus nicht ausstirbt.«

Er meinte den zweiten Spitzenmann des M. R. S., den naturalisierten Blank. Der erste Mann ist Dr. Walther Sender.

Früher sagte der: »Die Saar muß heim ins Reich.« Jetzt sagt er: »Wer mir vorwirft, ich würde heute ganz anders reden als vor 20 Jahren, dem habe ich zu sagen, daß sich mein Horizont inzwischen erweitert hat. Jawohl, ich war damals ein Ochse.« Heute ist er naturalisierter Franzose.

Als der saarländische Landtag gewählt wurde, der später die Verfassung zu akzeptieren hatte, lehnte Walther Sender die Aufstellung eigener M. R. S.-Listen ab. Er wußte warum. Zwar hatte das M. R. S. nach seinen Angaben 150000 Mitglieder; doch gab es Leute, die wissen wollten, es seien nur 20000 Mitgliedskarten gedruckt worden.

»Wir filtrieren uns so nach und nach in die Parteien hinein«, sagte Walther Sender, »dann haben sie eines Tages ein Gewächs im Bauch, das nicht mehr wegoperiert werden kann. Unsere Taktik ist richtig. Wir sind über den Parteien, wir sind in den Parteien, wir handeln durch die Parteien.«

Walther Sender hat recht behalten. 15 M. R. S.-Mitglieder wurden in den fünfzigköpfigen saarländischen Landtag gewählt, ohne daß das M. R. S. eigene Listen aufgestellt hatte. Im Kreise Saarlouis zum Beispiel ging das so: Der Delegierte der französischen Militärregierung ruft einen Kreisparteivorsitzenden zu sich: »Ist Ihre Kandidatenliste fertig?« »Nicht endgültig«. Der Delegierte: »Die Vorschläge der Untergliederungen sind durchzuarbeiten.« Er legt nahe, noch einen naturalisierten Franzosen, einen Bürgermeister, auf die Liste zu setzen. Der Bürgermeister ist Parteimitglied. Er ist auch M. R. S.-Mitglied.

Mit dem M. R. S.-durchsetzten Landtag ist Walther Sender zufrieden. »Er hat die Finanzkonvention mit Frankreich geschluckt«, sagt er, »er hat die juristische Konvention geschluckt, und er wird noch mehr schlucken. Wir haben unsere besten Köpfe dort sitzen.«

Im übrigen nahm Walther Sender die Saarstaatlichkeit nicht sehr ernst. Er bespöttelt die »Liliputminister« und ihre Verfassung, die er ein »Interregnum« nannte.

Er stieß dabei allerdings auf den Widerstand derer, die nach dem Anschluß als Minister oder Politiker brotlos sein würden. Selbst der sonst so frankreichfreundliche SPD-Minister Richard Kirn verbreitete sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit darüber, daß das Kabinett sich demnächst mit dem M. R. S. befassen müsse. Und Ministerpräsident Hoffmann kündigte ein Gesetz zum Schutze des saarländischen Staates an. Das geht gegen die Kommunisten, die in die Heimat Wilhelm Piecks und Otto Grotewohls wollen. Das geht aber auch gegen das M. R. S., das seine Heimat Frankreich nennt.

Bei der fünften und bisher letzten Landesversammlung des M. R. S. baute Gilbert Grandval, der Hohe Kommissar der französischen Republik im Saarland, goldene Brücken: »Ich bin hier als Gast, ich habe Ihnen keine Vorschriften zu machen. Ich darf mir höchstens erlauben, Ihnen einen Rat zu geben: Verfolgen Sie nicht Ziele, die mehr oder weniger weit entfernt sind, sondern verwenden Sie sich darauf, den saarländischen Partikularismus zu entwickeln. Es ist die solideste Grundlage gegen einen verderblichen, zersetzenden Nationalismus.« Er meinte den deutschen.

Seitdem ist das M. R. S. konsequent verfassungstreu. »Wir werden die Verfassung nicht nur akzeptieren, wir werden sie sogar verteidigen!« Also sprach die offizielle Stimme des M. R. S.

Die inoffizielle (Walther Sender vor Freunden) sprach so: »Stolpern Sie bitte nicht über Kleinigkeiten, legen Sie bitte Ihre lokalpolitischen Scheuklappen ab. Saarparlament, Ministerien und Verfassung sind nur taktische Vorbedingungen für das M. R. S. Es handelt sich bei der Schaffung des Landtags nur um eine Einrichtung aus taktischen Gründen, um die notwendigen Voraussetzungen für eine leichtere Lösung der Saarfrage zu schaffen. Landtag, Ministerien usw. sind nur Betriebsunkosten. Diese Betriebsunkosten, dieses Einstandsgeld muß man in Kauf nehmen. Der Kampf des M. R. S. geht indessen weiter. Er wird sich in drei Phasen vollziehen: 1. Oekonomische Assimilierung, 2. Kulturelle Assimilierung, 3. Naturalisation.«

Die dritte Phase beginnt am Mittwoch.

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