EINSTEIN
(Nr. 18/1955, Wissenschaft)
Ich betrachte Ihre Schilderung der Gedanken Einsteins in fachlicher Hinsicht, soweit sie sich allgemeinverständlich überhaupt darstellen lassen, als hervorragend gelungen, als knapp, aber unübertroffen, ich empfinde Ihre Schilderung der Persönlichkeit Einsteins als ein erschütterndes, aufwühlendes Erlebnis, zu dem ich mich voll bekenne.
Kitzingen
MARTIN CLAUSSEN
Ihr Aufsatz über Einstein in der Nummer 18 Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift hat mich insofern enttäuscht, als ich daraus etwas Näheres über Einsteins Relativitätstheorie und insbesondere über deren Einordnung in die übrige Geisteswelt zu erfahren hoffte. Es heißt in dem Aufsatz immer wieder, die Theorie Einsteins habe das Weltbild grundstürzend geändert. Man würde das ja gern glauben, aber dann wird wieder gesagt - und zwar auf Grund von Aussprüchen Einsteins selber - , daß sich seine Theorie gar nicht bildhaft darstellen ließe, also kein Bild und somit auch kein Weltbild sein kann. Demzufolge aber ist auch der Vergleich Einsteins mit Kopernikus zum mindesten sehr übertrieben. Kopernikus hat ein religiöses Weltbild zerstört, das in die Physik nicht hineingehörte, und damit eine außerordentliche Wirkung in der geistigen Welt ausgelöst. Durch die Einsteinsche Theorie würde, wenn sie überhaupt ein Bild wäre, nur eine physikalische Vorstellung ersetzt ...
Bad Godesberg
H. A. PRIETZF Ministerialrat i. R.
Wenn Einstein wirklich behauptet hat, daß der Gedanke der Ablenkung des Lichts zum erstenmal von ihm erfaßt wäre, so irrt Einstein. Der 22. Jahresversammlung der Naturforscher und Ärzte, welche im Jahre 1944 in Bremen stattfand, lag ein Bericht des Arztes Dr. Wichelhausen vor über die Tätigkeit des Arztes Wienholt, welcher im Jahre 1804 verstarb. In diesem Bericht heißt es:
... Ich schweige hier von so vielen anderen Erscheinungen; von der Beugung, die der Lichtstrahl erleidet, wenn er vor einem Körper vorbeifährt, welches doch so offenbar für etwas spricht, was sich über den Körper hinausstreckt und das Licht seine gerade Straße zu verändern zwingt.
Die Beugung des Lichtstrahles ist also der Wissenschaft schon vor mehr als 150 Jahren bekannt gewesen.
Bremen
OTTO KNECHTEL
Darf ich im Interesse der historischen Genauigkeit auf eine kleine Unterlassungssünde in Ihrem sonst ganz vortrefflichen Einstein-Gedenkartikel aufmerksam machen? Auf Seite 39 unten (mittlere Spalte) ist zu lesen:
... dehnt er seine Erkenntnis, daß Energie und Masse identisch sind, auch auf das Licht aus und knüpft daran zum erstenmal die Folgerung, daß Lichtstrahlen - die nach seinen Theorien als eine Energieform Masse besitzen - im Schwerefeld der Sonne aus ihrer Richtung abgelenkt werden müßten.
*) Der Meridian der Sternwarte von Greenwich (östlicher Vorort Londons) gilt seit 1883 allgemein als Nullmeridian. Von ihm ausgehend bildet jeder 15. Meridian östlich und westlich von Greenwich die Grenze der Längszonen, deren Normalzeiten sich immer um eine volle Stunde unterscheiden. Dieses »zum erstenmal« stimmt nicht. Professor Lennard, Heidelberg, hatte schon kurz nach Ende des ersten Weltkriegs darauf hingewiesen, daß eine Korpusculartheorie des Lichts bereits hundert Jahre vor Einstein aufgestellt worden ist, und zwar durch einen Astronomen der Münchner Sternwarte Bogenhausen: Soldner. Ein längerer Aufsatz über Soldner erschien etwa 1942 in der Zeitschrift »Münchner Mosaik« unter dem Titel: »Später Stern über Bogenhausen«.
Soweit ich Nachrufe über Einstein zu Gesicht bekam, ist diesem seinem Vorfahren (in der Erkenntnis des Lichts) nirgends ein Wort gewidmet. Es tut dem Andenken an Einsteins weltbewegende wissenschaftliche Leistung gewiß keinen Eintrag, wenn neben Max Planck auch der bescheidene Münchner Astronom als Wegbereiter erwähnt wird.
Kressbronn
DR. ELISABETH ERNST
Nachdem sich in der seinerzeitigen SPIEGEL-Umfrage 43 Prozent für Artikel über Relativitätstheorie ausgesprochen haben, mußte die Öffentlichkeit bis zum Tode ihres Schöpfers warten, ehe sich der SPIEGEL herbeiließ, über diese hochinteressante wissenschaftliche und geistige Problematik überhaupt etwas zu bringen ...
Minden
W. M. MEYER
In Ergänzung zu dem von Ihnen zitierten Telegramm Einsteins an den Rabbi von New York ("Ich glaube an Spinozas Gott ...") sind gewiß folgende Äußerungen Einsteins über die letzten Dinge aufschlußreich:
Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, daß das Unerforschliche wirklich existiert und daß es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können - dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität.
Und ein andermal:
Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, die wir mit unsern schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe gefühlsmäßige Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung.
Also nicht nur die kühl-rationale, mathematisch-naturwissenschaftliche Gottesvorstellung Spinozas, sondern auch die - Spinoza ebenfalls nicht unbekannte - Gefühlswelt der Mystik bestimmte Einsteins Leben und Forschen.
Frankfurt
DR. WERTHEIM
Volle Hochachtung für diese Würdigung Albert Einsteins! - Nur eine kleine Berichtigung:
Abraham Flexner war nicht der Warenhauskönig, der die Gründung des »Instituts für fortgeschrittene Studien« finanziert hat, sondern er war als Pädagoge der »geistige Vater und Gründer des Institutes«, wie man bei Robert Jungk ("Die Zukunft hat schon begonnen«, Seite 313 oben) lesen kann. Die reichen Gönner, die ihm zur Verwirklichung seines Planes verhalfen, waren der (nun wirkliche) Warenhausbesitzer Louis Bamberger und dessen Schwester Mrs. Fuld.
Hamburg
JOHANN JÜRGEN ROHDE
Für die abgeklärte Gefaßtheit, mit der Einstein Menschliches, Allzumenschliches ertrug, ist folgende Begebenheit typisch: Zum 50. Geburtstag des Gelehrten (1929) hatte die Stadt Berlin ein Haus am Stadtrand als Geschenk vorgesehen. Zweimal wurden ihm Grundstücke angeboten, bei
denen sich nachträglich herausstellte, daß die Besitzverhältnisse ungeklärt waren. Schließlich wählte man das Grundstück im Dorf Caputh bei Potsdam, Waldstraße 7, aus. Doch dagegen erhob ein Vertreter der nationalistischen Parteien Einspruch. Einstein teilte daraufhin dem Berliner Oberbürgermeister mit:
Da die Bemühungen um das geplante Geburtstagsgeschenk offenbar zu langwierig sind im Vergleich zu der Kürze des menschlichen Lebens, ersuche ich Sie, die Angelegenheit endgültig zu begraben.
Nach dem Kriege bemühte sich ein Berliner darum, daß Einstein sein Besitztum zurückbekomme. Am 13. Oktober 1954 schloß Einstein die Affäre mit folgenden Zeilen an diesen Berliner, der sich für ihn eingesetzt hatte, ab:
... die ganze Angelegenheit ist nicht wenig amüsant. Das Grundstück hatte ich erworben, angeregt durch die verunglückten Versuche der Stadt Berlin, mir zu meinem 50. Geburtstage ein Landhäuschen zu verehren, eine Komödie der nicht ganz unbeabsichtigten Irrungen. Das Grundstück wurde von den Nazis weggenommen, als deren Erbe nun das heilige Rußland in Erscheinung getreten ist, das sogar einmal einen schwachen Anlauf genommen hat, mir das Häuschen mit einem graziösen Kompliment zurückzugeben. Das heilige Rußland hat sich aber bald eines anderen besonnen und hat nicht mehr gepiepst.
Berlin
LUDWIG EILDERMANN
Zu welch törichten Äußerungen über Einstein blindwütiger Antisemitismus führte, beweist ein Englisch geschriebenes, in New York erschienenes Pamphlet aus den dreißiger Jahren, in dem der Nachweis versucht wird, daß Einstein seine ganze Weisheit von anderen Forschern, vor allem von Max Planck, gestohlen habe (was ja der auch von Ihnen bestätigten und historisch belegten freundschaftlichen Beziehung zwischen Planck und Einstein widerspricht) und seinen Ruhm nur der jüdischen Ullstein-Presse zu verdanken hätte. Auf dem Deckblatt dieses anonymen Machwerks werden unter der Überschrift »Without Ullstein - No Einstein!« Bilder der beiden Forscher gezeigt; dabei sinnigerweise Einstein mit herausgestreckter Zunge, eine Aufnahme, die geschossen wurde, als er sich einmal durch diese Geste gegen allzu zudringliche Pressephotographen zur Wehr setzte.
Frankfurt
DR. J. GUMPERTZHEIMER
Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei übersandte Einstein den von Ihnen erwähnten Brief über die Möglichkeit einer Atomobombe an Roosevelt. Er wurde aber erst am 11. Oktober 1939 durch Dr. Alexander Sachs überreicht.
In dem Brief schrieb Einstein u. a.:
Die Resultate, die kürzlich von E. Fermi und L. Szilard in ihren Forschungen erzielt wurden und über die mir ein schriftlicher Bericht vorliegt, beweisen mir, daß man darauf gefaßt sein muß, daß das Element Uranium in eine neue und wichtige Energiewelle verwandelt werden kann. Dieses neue Phänomen kann auch zu der Konstruktion von außerordentlich wirkungsvollen Bombenführen. Eine einzige Bombe dieser Art, die man zu Schiff transportieren und in einem Hafen explodieren ließe, könnte sehr wohl den ganzen Hafen und das umgebende Gebiet zerstören.
Roosevelt antwortete am 19. Oktober 1939. Er berief daraufhin die Atomforschungskommission, deren erste Ergebnisse die Bomben von Hiroshima waren ...
Berlin
PROPST HEINRICH GRÜBER
Wie angenehm, in Ihrem Einstein-Artikel nicht zu lesen, daß er manchmal keine Strümpfe trug und daß er in einer Rundfunk-Ansprache vor dem Berliner Sender die Anrede gebrauchte: »Verehrte An- und Abwesende.« Wie leicht gleitet das Lebensbild solcher Männer sonst ins Anekdotische aus! Nun ja, Einstein hat einer Dame, die sich von ihm mit den Worten verabschiedete: »Hoffentlich sehen wir uns bald wieder«, schlankweg mit »Nein, ich wüßte nicht warum« geantwortet.
Er konnte es sich erlauben, lästige Beanspruchungen, denen der normale Bürger ausgesetzt ist, brüsk von sich wegzuschieben. Aber er wäre um keinen Deut kleiner, wenn er auf derlei »originelle Späße« verzichtet hätte, die, weil von der Umwelt bestaunt, auf die Dauer genauso anstrengend sind wie Konventionen.
Arnsberg
INGEBORG NOMMSEN
Wie sehr Ihr glänzender Nekrolog auch wissenschaftliche Gründlichkeit und sorgfältigste Durchdringung aller Details nachweist, einen wesentlichen Punkt hätten Sie nicht übersehen dürfen - worüber ich erst in einer Hamburger Tageszeitung orientiert wurde: Einsteins Schriften über das Leben und Schaffen großer Komponisten; zu meinem Erstaunen werden seine Bücher »Größe der Musik« und »Musik der Romantik« in Ihrem Nachrichten-Magazin mit Stillschweigen übergangen.
Hamburg
PAUL KÖGLER
Tageszeitung irrt. Autor der genannten Werke ist nicht Albert, sondern Alfred Einstein, der bedeutende Musikforscher und -schriftsteller, der mit dem Physiker nicht verwandt ist. - Red.