Einstein - DER SPIEGEL
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Einstein

• aus DER SPIEGEL 35/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frank Elstner ist sauer, oder vielleicht tut er auch nur so. Er sitzt auf der Rückbank eines schwarzen Mercedes und beschwert sich: »Ich mag keine Pressekonferenzen, auf denen neue Sendungen vorgestellt werden. Da werden nur riesige Erwartungen geweckt.«

Elstner hat gerade der Presse - ausgerechnet im Hamburger Wachsfigurenkabinett - verkündet, daß er eine neue Sendung moderieren wird. Es ist die 17. in seiner TV-Laufbahn, und sie heißt »April, April« - ein weiterer Versuch, mit einer versteckten Kamera die Leute am Umschalten zu hindern. Angeblich eine sichere Sache. Und das beruhigt Elstner oder auch nicht. »Ich weiß, bei dieser Sendung wird 40mal gelacht«, sagt er.

Gelacht haben viele Deutsche in den letzten Jahren über Elstner, weil seine Sendungen eine Katastrophe waren. Er, der Zeremonienmeister der großen Samstagabend-Show, wurde zum Prügelknaben für jedermann. Er kam mit Rubbelkarten oder Flugreisen nach Island und wurde immer schneller öffentlich ausgezählt. Jetzt hat er eine Halbstunden-Sendung am Nachmittag, die »Jeopardy!« heißt und über die Thomas Gottschalk sagt: »Er steht da und liest Fragen von Kärtchen ab. Dahin möchte ich nicht kommen.«

Niemand möchte so enden wie Frank Elstner, am wenigsten Frank Elstner selbst. Ja, er sei kein Front-Page-Mensch mehr, sagt er. Ja, seine letzten Shows seien viel zu belehrend gewesen, ja Unterhaltung mit dem Zeigefinger, das sei eine Todsünde, aber »Jeopardy!«, mit seiner stabilen Quote von 1,5 Millionen am Nachmittag, das sei doch was, sagt er. »Schreib das doch dem Thomas«, hat seine Frau gefordert. Elstner hat es dem Thomas nicht geschrieben - er hatte früher 20 Millionen.

Die bekommt er nie wieder - aber, wenn er mit »April, April« fünf Millionen erreiche, »das wäre schon toll«. Deshalb erträgt er jetzt als Produzenten auch Hugo Egon Balder, der früher den Blödmann spielte bei Sendungen wie »Tutti Frutti«, deshalb tritt er im Vorspann ohne Krawatte auf, deshalb widerspricht er nicht, wenn Balder sagt: »Die Zeit der Heizdeckenverkäufer ist vorbei. Die Leute haben die Nase voll von Typen, die ihnen erzählen: ,Guten Abend, meine Damen und Herren, ich freue mich heute wahnsinnig, daß ich bei Ihnen sein darf.'«

Das Problem ist nur, daß Frank Elstner wahrscheinlich der letzte deutsche Fernsehmoderator ist, der sich tatsächlich noch freut, wenn ihn die Leute reinlassen. Fernsehen, das war für ihn das große Fest der Industriegesellschaft, auf dem die Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern klüger werden sollten, auch wenn der Wissenszuwachs nur darin bestand, daß die Leute vor den Fernsehapparaten sagten: »Aha, es ist also möglich, daß eine Planierraupe einen Bindfaden einfädeln kann.« Die große Integration nach Feierabend. Und nicht nur dann. »Ich habe die Deutschen morgens geweckt, und ich habe sie nachts ins Bett gebracht«, sagt Frank Elstner. Dann kam die Fernbedienung. Und er wurde ausgesperrt.

Elstner ist kein armer Mann. Er besitzt eine Produktionsfirma, deren Shows in 15 Ländern laufen. RTL-Chef Thoma sagt über Elstner: »Der ist zu kreativ, da sind halt auch eine Menge Flops dabei. Aber er ist der einzige unter den deutschen Showmastern, der zwei große Ideen gehabt hat: ,Wetten, daß . . .?' und ,Mann-o-Mann'. Leider beide ned bei uns.«

Elstner ist der Einstein unter den deutschen Moderatoren, der einzige Erfinder, längst könnte er sich zurückziehen hinter den Bildschirm. Für viele Leute wäre das eine Wohltat, für ihn wäre es eine Art Abschiebehaft. Denn er habe fünf große Samstagabend-Shows in der Schublade, die alle gut laufen würden. Das geht nur nicht, weil sein Image zur Zeit ziemlich ruiniert ist. Bald wird er Arbeitsminister Norbert Blüm vor einer versteckten Kamera beim Grenzübertritt nach Finnland Schnaps in die Kaffeekanne füllen, und vielleicht wollen ja fünf Millionen sehen, wie Elstner aus dem Gebüsch stolpert und sagt: »Hahaha, Norbert, ist doch alles nicht so schlimm.«

Vielleicht auch nicht. Für Balder auch kein Problem. »Entweder es wird gelacht oder nicht«, sagt er. »Wenn gelacht wird, gibt's das nächste Woche wieder, wenn nicht, dann ist Feierabend.«

Frank Elstner zupft seine Krawatte zurecht. »Ach ja«, sagt er, »hoffentlich haben wir eine gute Quote, dann wird man auch sagen, die Sendung ist gut. Das Leben ist so geworden.«

Für die Fotografen auf der Pressekonferenz hat er sich zwischen die Wachsfiguren von Kohl und Genscher gezwängt. Elstner grinste und krümmte den Daumen, als wolle er ein Auto oder die Zeit oder was auch immer anhalten. Die Motoren der Kameras setzten sich in Bewegung. Elstner ruderte jetzt mit dem ganzen Arm und murmelte: »Ich kriege euch alle, ich kriege euch alle.«

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