August 1998 »Einzelkämpfer gegen die Verblödung«
Mehrere Versuche, mich auf Bitten deutscher Medien zum Tode Kulenkampffs zu äußern, mußte ich aufgeben, weil ich dauernd in meinen eigenen Nachruf geriet. Dabei habe ich mich niemals als Kulenkampffs Nachfolger gesehen, obwohl mir »Die Zeit« diesen Stempel schon 1981 aufdrückte. Andererseits war Kuli in der Tat die einzige Fernsehgröße, an der ich mich wirklich orientiert habe.
Solange er am Samstagabend im dunklen Anzug daherkam, war ich mit meinen Turnschuhen der Ausgeflippte, solange er seine Gäste distanziert siezte, war ich mit meiner Duzerei progressiv. Aber bei all den äußeren Unterschieden gab es eine innere Übereinstimmung: Die Fernsehunterhaltung ist auf dem Weg zum reinen Klamauk. Irgendwann muß man sich entweder von seinem Hirn verabschieden oder von seinem Beruf. Solange Kulenkampff mit seiner Oberstudienrats-Mentalität den Posten »beliebtester Showmaster der Nation« zumindest noch theoretisch besetzte, konnte ich mich als Volksschullehrer bequem hinter ihm verstecken. Diese Deckung ist mir nun weggebrochen, der Wind bläst mir ins Gesicht.
Zum erstenmal habe ich mit Kuli gelitten, als er für Wim Thoelke den »Großen Preis« übernommen hatte. Er war souverän und geistreich wie immer, aber dies machte ihn für kleinliche Abfragereien mit anschließender Punktvergabe untauglich. Die gleichen Lohnschreiber, die ihm nach dem Tode Lorbeerkränze wanden und den Abschied von Geist und Stil aus der Fernsehunterhaltung beklagten, beschimpften ihn schon damals als sabbelnden Fernsehopa, der seine Zeit hinter sich hat.
Einige Zeit später führte mir Kuli, geistig immer noch auf dem gewohnten Level, aber bereits mit einer deutlich kräftigeren Dosis Zynismus, bei
sich zu Hause eine Probesendung seines letzten Fernsehversuches »Zwischen Gestern und Morgen« vor. Da merkte man, daß ihm der Entertainer zugunsten des Oberstudienrats verrutscht war. Immer mehr sah er sich verpflichtet, zum Gegengewicht zu werden. Er wollte mit seiner damals schon nur noch vermeintlichen Autorität der allgemeinen Verblödung als Einzelkämpfer entgegentreten. Geradezu drohend schwang er die Keule. Ein Geschichtsquiz werde er machen, das natürlich für die »Privaten« kein Thema sei, aber mit den »Öffentlich- Rechtlichen« wolle er sich für seinen heiligen Krieg verbünden.
Damals in seinem etwas düsteren Wohnzimmer direkt an einem See im Salzburger Land wurde mir klar, daß Kulenkampffs Ansprüche und das Niveau der aktuellen Fernsehunterhaltung nicht mehr auf einen Nenner zu bringen waren. Auch ich hätte als Programmchef guten Gewissens seiner Sendung keine Chance geben können. Ich versuchte dem Oberstudienrat die Welt des Volksschullehrers zu erklären. Du haust den Kindern die Bücher um die Ohren, weil sie deinen Goethe nicht wollen. Ich lese mit ihnen Mickymaus-Hefte, damit sie wenigstens die Buchstaben lernen. Du wirst arbeitslos, und ich verdiene mir meine Brötchen. Das war ihm alles klar.
Ich müßte so denken, für ihn aber sei es zu spät, umzudenken, sagte er, und im schlimmsten Fall werde sein Geschichtsquiz eben im Dritten Programm laufen. Da lief es dann auch, bis man merkte, daß es nicht lief.
Zum letztenmal sprach ich mit Hans Joachim Kulenkampff am Telefon, nicht lange vor seinem Tod. Seine Frau
mußte ihn aus dem Bett nach unten zum Telefon rufen. Ob er denn oben keinen Anschluß habe, fragte ich ihn. »Leider habe ich in meinem Leben nicht das verdient, was du verdienst«, aber man merkte, daß es ihm nicht wirklich leid tat. Für sich selbst hatte er nicht einen Hauch von Selbstmitleid: »Ich habe toll gelebt, und jetzt sterbe ich - und dann bin ich wieder der Größte, tut mir leid für dich.«
Dabei hörte er sich an, als würde er die Zuschauer zu »Einer wird gewinnen« begrüßen, mit diesem leichten Anflug freundlicher Überlegenheit. Ob er nun stattfand oder nicht, das war ihm nicht wirklich wichtig. Das galt fürs Fernsehen und offensichtlich auch fürs Leben.
Er hielt sein Niveau vom ersten bis zum letzten Fernsehauftritt, aber in »Veronas Welt« war für ihn kein Platz mehr.