Übersiedler Einzelzimmer im Puff
Im Auftrag seiner Behörde durchstreift der Baufachmann Norbert Schmidt tagsüber den Hamburger Stadtteil Winterhude, sieht in Mülleimer, späht in fremde Fenster und achtet darauf, ob in den Treppenhäusern Fußmatten ausliegen.
Wie »ein richtiger Detektiv« öffnet der Mann, der für das Bezirksamt Nord unterwegs ist, mitunter den Briefkastenschlitz einer Wohnungstür und hält die flache Hand davor, um die Wärme der durchziehenden Luft zu prüfen. »Wo im Winter nicht geheizt ist«, sagt Schmidt, »da bin ich mißtrauisch.«
Schmidt soll leerstehenden Wohnraum ausfindig machen. Hinweise kommen meist von Anwohnern, die ihr Bezirksamt alarmieren. »Die Leute sind ganz wild«, berichtet der Fahnder, »die schreien schon los, wenn einer nur die Gardinen runtergenommen hat, um sie in die Wäsche zu geben.«
Auslöser der Hysterie ist die Wohnungsnot in der Hansestadt. Nach Schätzung von Experten fehlen in Hamburg derzeit rund 50 000 Einheiten; das eilig aufgelegte Neubauprogramm des * Am 16. Dezember 1989 in Hamburg. Senats, das bis 1991 für rund 12 000 zusätzliche Wohnungen sorgen soll, kann kurzfristig keine Entlastung bringen.
Die Lage auf dem angespannten Wohnungsmarkt hat sich bundesweit dramatisch zugespitzt, seit DDR-Bürger ihrer alten Heimat scharenweise den Rücken kehren. Ende dieses Jahres, schätzt der Deutsche Mieterbund, werden in Westdeutschland 1,2 Millionen Wohnungen fehlen.
Die Bundesrepublik mußte im vergangenen Jahr einen Massenzustrom von 343 854 Übersiedlern aus der DDR und 372 342 Aussiedlern, vorwiegend aus Polen, verkraften. Dazu kamen 121 318 Asylsuchende aus aller Welt.
Zwar hat die Zuwanderung aus der DDR in den letzten Tagen des alten Jahres nachgelassen, in der letzten Dezemberwoche kamen aber immerhin noch gut 3500 Übersiedler. Die Zahlen werden dieses Jahr aus anderem Grund wieder nach oben schnellen: Seit Anfang des Monats genießen die Sowjetbürger und damit auch die rund drei Millionen deutschstämmigen Russen Reisefreiheit. Zudem steht nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes eine Ausreisewelle aus Rumänien bevor, wo rund 200 000 Deutschstämmige leben.
Schon jetzt wissen Länder und Kommunen nicht mehr, wie sie die Menschen unterbringen sollen. Die Notunterkünfte sind restlos belegt: das Bordellviertel in Bremerhaven, Grenadierkasernen in Schleswig-Holstein, drei Berliner Messehallen - alles ausgebucht.
Landespolitiker wie der schleswig-holsteinische Sozialminister Günther Jansen (SPD) verlangen bereits, die Aufnahme von Übersiedlern zu reglementieren: »Täglich bis zu 100 Menschen neu in Kasernen oder Jugendherbergen unterzubringen ist keine Lösung.« Der Sozialdemokrat fordert von Ausreisewilligen daher, sie sollten sich schon vor der Ankunft in der Bundesrepublik »um Arbeitsplatz und Wohnung kümmern«.
Vor allem in Stadtstaaten wie Hamburg, die nur über wenig Fläche für den Wohnungsbau verfügen, herrscht Platznot. Nach einem bundesweiten Quotenschlüssel muß die Stadt 3,1 Prozent der Staatenwechsler aufnehmen; 1989 waren das über 24 000 Zuzügler. Monat für Monat drängen weitere 4000 Neubürger in die Stadt. Gelegentlich habe sie »schon richtige Alpträume«, sagt Wilma Simon, Staatsrätin in der Sozialbehörde: »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.«
Die Verwaltung kann, wie in Berlin oder Bremen, kaum noch für angemessene Unterbringung sorgen. Zunächst hatte die Hansestadt für die Übersiedler Wohnschiffe, Pensionen, Campingplätze und stillgelegte Puffs akquiriert. Doch schon bald mußten die Ämter Massenunterkünfte in Schulen einrichten. »Wer Turnhallen belegt, der befindet sich jenseits von Gut und Böse«, sagt ein Behördenmitarbeiter, »im Puff gibt's wenigstens Einzelzimmer.«
Eine eigens gegründete Arbeitsgruppe, behördenintern »Task force« genannt, bemüht sich seit Monaten um Ausweichquartiere. Auf Tauglichkeit geprüft wurden Parkhäuser und Feuerwachen, ein unterirdisches Notkrankenhaus und das Verwaltungsgebäude eines städtischen Friedhofs.
Mittlerweile steht sogar das noble Gästehaus des Senats, eine feudale Villa mit Alsterblick, zur Disposition. In dem Haus, das unter anderem die englische Königin Elizabeth und den früheren sowjetischen Generalsekretär Leonid Breschnew beherbergt hat, könnten zwei Dutzend Übersiedler untergebracht werden.
Der sozialliberale Senat stößt bei seinen Plänen immer öfter auf den Widerstand von Interessenvertretern und Politikern aus den eigenen Reihen. Als Finanzsenator Hans-Jürgen Krupp im November den Kleingärtnern vorschlug, ihre Lauben zu räumen, protestierte umgehend der SPD-Genosse Ingo Kleist, Vorsitzender des Landesbundes der Gartenfreunde.
Anwohner im Hamburger Villen-Vorort Poppenbüttel demonstrierten lautstark gegen eine Containersiedlung für Übersiedler in ihrer Nachbarschaft: Die Hausbesitzer fürchteten »einen bedeutenden Wertverlust« ihrer Eigenheime. Und unter den Soldaten der Lettow-Vorbeck-Kaserne am Stadtrand gärte es, als sie ihre Stuben für die Neubürger räumen sollten.
Glücksritter versuchen, aus der Notlage der Stadt Profit zu schlagen. Viele Hotel- und Pensionswirte, vor Monaten noch vom Konkurs bedroht, stoßen sich an der Massenzuwanderung gesund: Sie haben den Preis für ihre Betten, die an die Sozialämter vermietet werden, auf bis zu 50 Mark getrieben. Wilma Simon: »In dieser Stadt hat sich Wild-West-Mentalität breitgemacht.«
Nichtgewerbliche Vermieter widmen privaten Wohnraum in Massenquartiere um. Der Industriekaufmann Thomas Gehle beispielsweise legte sich ein Zehn-Zimmer-Haus in Hamburg-Harburg zu, möblierte jeden Raum mit zwei Betten, Schrank, Tisch und Stühlen. Dann bot er die Herberge dem Bezirksamt als Notunterkunft an - für satte 18 000 Mark Miete pro Monat.
Auch im Ausland hat sich herumgesprochen, daß in Hamburg mit Quadratmetern zu Lande und zu Wasser schnelles Geld zu machen ist. Nachdem die Sozialbehörde im Oktober zwei Wohnschiffe als Notunterkünfte gechartert hatte, quollen aus den Faxgeräten des Amtes Tag für Tag seitenweise Angebote - »da waren die wildesten Kähne drunter«, berichtet Task-Force-Leiter Peter Fischer.
So wurde der Behörde ein »ziemlich abgewracktes Kreuzfahrtschiff vor Piräus« (Fischer) gleichzeitig von fünf verschiedenen Anbietern aufgedrängt, zu unterschiedlichen Preisen. Wie sich bald herausstellte, waren die Geschäftsleute noch nicht einmal im Besitz des Schiffes. Sie spekulierten auf einen vorteilhaften Vertragsabschluß mit der Stadt, um den Seelenverkäufer damit voll finanzieren zu können.
Auch die Bremer Vulkanwerft, vom Senat der Stadt mit dreistelligen Millionensummen mühsam über Wasser gehalten, nutzt die Wohnmisere. Für ein ehemaliges Werftarbeiterhaus, in dem Aussiedler untergebracht sind, will der Schiffsbaubetrieb künftig eine Miete von 46 Mark pro Quadratmeter kassieren - 8 Mark mehr, als er jetzt schon bekommt.
Während einige Krisengewinnler vom Massenzustrom aus dem Osten profitieren, sehen viele Westdeutsche in den Zuwanderern lästige Konkurrenten. So verschlechtern sich vor allem in den Großstädten für Hunderttausende Wohnungssuchende die Chancen mit jedem weiteren Staatenwechsler. Allein in Hamburg besitzen rund 50 000 Einwohner einen Wohnberechtigungsschein, davon 10 000 mit Dringlichkeitsstufe. Doch nur etwa jeder vierte von ihnen konnte im vergangenen Jahr mit Wohnraum versorgt werden.
Schon befürchten Stadtplaner »erhebliche soziale Spaltungsprozesse«. Die Bundesrepublik werde sich in den nächsten Jahren verändern, »daß uns die Ohren schlackern«, prophezeit Staatsrätin Simon.
Rentner, Dauerarbeitslose, alleinerziehende Mütter können sich in Großstädten auf dem freien Wohnungsmarkt kaum noch versorgen. Eine öffentlich gestützte Alternative aber gibt es nicht, weil der Bestand an Sozialwohnungen ständig schrumpft. In den nächsten fünf Jahren fallen allein in Hamburg 115 000 Einheiten aus der sogenannten Sozialbindung; die Wohnungen können dann an jeden vermietet werden, zu deutlich höheren Preisen.
Hinzu kommt, daß in Großstädten immer mehr Mieter verdrängt werden, weil ihre Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Die Mieter haben meist kein Geld, um die Wohnungen selbst zu kaufen.
Bei dem Gerangel um Wohnraum geraten in Hamburg vor allem die 10 000 Obdachlosen der Stadt ins Hintertreffen. Verschärft wird ihre Situation dadurch, daß die Hotel- und Pensionswirte den Sozialämtern inzwischen vorschreiben, welche Gäste sie bei sich zu sehen wünschen: Ganz oben rangieren Aus- und Übersiedler, dann kommen die Asylbewerber - Obdachlose will kaum noch jemand aufnehmen.
Rund 2000 Männer sind jetzt schon darauf angewiesen, in Parks, auf U-Bahntreppen oder auf der Straße zu nächtigen. Weil die Heime entweder längst gefüllt sind oder die Verweildauer zeitlich begrenzt ist, haben nur wenige eine Chance auf Unterbringung. Die Sozialarbeiter müßten, »auch wenn es knackkalt ist«, viele Hilfesuchende abweisen, berichtet Rosita Timm. Die Leiterin eines Heims für wohnungslose Männer: »Das ist für manche der Tod.«
Inzwischen formiert sich auch in Hamburg Widerstand. Nachdem während der ersten Nachtfröste zwei Stadtstreicher erfroren waren, zogen 60 Sozialarbeiter zur Baubehörde, um für ihre Klientel Notunterkünfte einzufordern.
Letzten Monat demonstrierten rund 5000 Hamburger in der Innenstadt für mehr Wohnraum. Unmut hatte bei den Marschierern vor allem die Meldung eines Mietervereins ausgelöst, in der Hansestadt stünden mehr als 700 Wohnungen leer - die meisten schon länger als ein Jahr, viele befänden sich in städtischem Besitz.
Die Behörden bemühen sich nun, jedem Hinweis nachzugehen und die Leerstandslisten zu komplettieren. »Wenn ich sehe, was da zusammenkommt, überläuft es auch mich kalt«, räumt Frank Lundbeck ein, Abteilungsleiter im Amt für Wohnungswesen in der Baubehörde. Er verspricht: »Die Eigentümer, die uns entgangen sind, nehmen wir jetzt massiv unter Wind.«
Wer eine Wohnung länger als zwei Monate unbegründet leerstehen läßt, kann nach dem »Gesetz zur Erhaltung und Pflege von Wohnraum« zur Vermietung aufgefordert werden. Kommt der Hausbesitzer dieser Anordnung nicht nach, darf die Stadt Bußgelder bis zu 50 000 Mark verhängen.
Sozialsenator Ortwin Runde (SPD) hat kürzlich auch die Beschlagnahme von leerstehendem Wohnraum angedroht. Die Maßnahme ist nach dem Polizeigesetz erlaubt, weil Obdachlosigkeit als »Gefahr für die öffentliche Ordnung« gilt.
Doch in der Praxis läßt sich eine Beschlagnahme kaum durchsetzen. »Solange nicht die letzte Turnhalle belegt ist«, sagt ein Rechtsexperte, »sehen wir vor Gericht ganz alt aus.« Die Behörden in West-Berlin, die bereits Wohnungen beschlagnahmen ließen, werden nach Meinung von Fachleuten denn auch den Rechtsstreit mit den Besitzern verlieren.
So prüfen die Ämter inzwischen sogar, ob sich Zivilschutzbunker nutzen lassen. »Völlig irre« findet die Hamburger Bezirksamtsleiterin Ingrid Nümann-Seidewinkel, »was da jetzt für Planspiele laufen«. Bei der Besichtigung eines Hochbunkers fühlte sie sich an »Filme aus dem Krieg« erinnert: »So'n Ding sieht einfach schaurig aus.«
Der zwangsbelüftete, fensterlose Betonklotz läßt sich auf maximal acht Grad heizen. Die Pritschen sind gerade 1,70 Meter lang und 60 Zentimeter breit; für gut 400 Insassen stehen nur zwei Duschen zur Verfügung, und die Toiletten haben nicht mal eine Brille.
Wie zum Hohn wurde auf eine Werbefläche an der Außenwand vor kurzem ein Plakat geklebt. Motiv: lachende DDR-Bürger; Slogan: »Offene Grenzen, offene Herzen - Willkommen bei uns.«