STOCKHOLM Einziger Ort
Im Schutz der Winterdämmerung machten sich Arbeiter auf dem Dach des Glaspalastes am Sergelsplatz im Stockholmer Zentrum mit Hämmern, Bohrern und Schraubenziehern ans Werk. Tags darauf verkündeten revolutionsrote Buchstaben den Stockholmern einen Gebäudenamen, den sie ohnehin längst kannten: »Kulturhuset«.
Mit diesem Handstreich wollten etwa 500 Angestellte städtischer Kulturbetriebe ihrem Widerstand gegen eine weitere dauernde Zweckentfremdung des Gebäudes Ausdruck geben.
Von der Einweihung des Hauses 1974 an hatte dort fast zehn Jahre lang das schwedische Parlament getagt, während dessen Traditionshaus umgebaut und erweitert wurde. Der Reichstag ist ausgezogen, doch das »Kulturhuset« kann noch immer nicht seinem eigentlichen Zweck zugeführt werden.
Denn am 17. Januar beginnt in dem für 60 Millionen Kronen (20 Millionen Mark) gründlich umgebauten und für weitere 40 Millionen gegen Terroristenanschläge abgesicherten Westflügel ein neuer Betrieb, der ebenfalls mit Kultur wenig im Sinn hat: die »Konferenz für Vertrauensbildung und Abrüstung in Europa« (KVAE).
Zunächst drei Jahre lang wollen an die 400 Delegierte in Stockholm beraten. Zu
den 35 Teilnehmerstaaten gehören neben den USA und Kanada alle europäischen Länder mit Ausnahme Albaniens. Selbst Kleinststaaten wie Monaco, San Marino und Liechtenstein entsenden Delegierte. Und aus Rom reist nicht nur Außenminister Giulio Andreotti, sondern auch der Kardinalstaatssekretär und Sonderdelegierte des Papstes, Agostino Casaroli, an.
Ursprünglich hatten die Teilnehmer der im September vergangenen Jahres in Madrid beendeten dritten Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) dem von ihnen beschlossenen Stockholmer Treffen keine große Bedeutung beigemessen. Selbst der ehemalige schwedische Außenminister Ola Ullsten, dem sehr an Stockholm als Tagungsort gelegen war, gestand noch kürzlich: Die Konferenz in der schwedischen Hauptstadt sei nur »aus Mangel an sonstigen Ergebnissen« in Madrid zustande gekommen.
In der Tat sieht der im vergangenen Jahr in Madrid beschlossene Rahmen für die KVAE bis 1986 Verhandlungen nur über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen vor: Auf der KSZE war den Teilnehmerstaaten empfohlen worden, etwa Manöver und Truppenbewegungen von einer bestimmten Größenordnung an den Nachbarländern anzukündigen. Derartige Verhaltensregeln sollen in Stockholm verbindlich beschlossen werden.
Erst danach wird auch über konventionelle Abrüstung in Europa gesprochen. »Das Mandat«, klagte Ullsten, »ist begrenzter, als die jetzige wie die vorige schwedische Regierung dies wünschten.«
Über mangelnde Beachtung der »etwas allzu kurz zurechtgestutzten Übung« (Ullsten) brauchen sich die Gastgeber dennoch keine Gedanken mehr zu machen: Nachdem die Sowjets nacheinander die Mittelstrecken- und Start-Verhandlungen in Genf sowie die Wiener Konferenz über gegenseitige Truppenreduzierung in Mitteleuropa (MBFR) verlassen haben, konnte Ministerpräsident Olof Palme seine Landsleute aufmuntern. Stockholm sei nun »der einzige Ort, wo Ost und West über die Abrüstung verhandeln können«.
Der Gastgeber kündigte Zurückhaltung an: »Wir decken den Tisch, aber wir fordern nicht zum Tanz auf. Das ist die Pflicht der großen Elefanten.« Treffen werden sich die Großen - Washingtons Shultz und Moskaus Gromyko - in Stockholm tatsächlich, doch Shultz warnte bereits vor zuviel Optimismus.
Das bescheidene Ziel und die angesichts der gewachsenen Ost-West-Spannung wenig zuversichtlichen Vorhersagen führten Schwedens Presse dazu, sich vorwiegend mit den Randerscheinungen der KVAE zu befassen. So verbreiteten Boulevardblätter ausführlich, den Teilnehmern und Besuchern der Konferenz würden in einer eigens dafür eingerichteten Bar zollfreie Spirituosen zu Niedrigstpreisen angeboten werden.
Eine solche Nachricht mußte Empörung auslösen. Denn in Schwedens staatlichen Monopolläden kostet die mit bis zu 90 Prozent Steuern belegte Normalflasche Wodka, Whisky oder Weinbrand 50 Mark und mehr. In Hotels und Restaurants muß der Gast für einen halben Liter Bier mindestens zehn Mark zahlen.
Ein Regierungsdekret beruhigte schließlich die Schweden: Die Getränke an der in »Cafeteria« umbenannten Bar werden aus verzollten Flaschen und, so der Pächter, »lediglich aus Gründen der Konkurrenz« mit den Bars der Umgebung »ein paar Kronen billiger« abgegeben. Ohne jegliches Geschäftsrisiko freilich: Die Regierung verpflichtete sich, etwaige Verluste auszugleichen. Gleichwohl werden Delegierte mit diplomatischem Status in einem speziell eingerichteten Duty-free-shop Hochprozentiges und Tabakwaren zollfrei kaufen können.
Verwundert registrierten die Stockholmer Botschaften der KVAE-Teilnehmerländer einen Antrag kommunaler Abgeordneter, die städtischen Beamten zur Bekämpfung der Prostitution während der Konferenz aufzustocken. Die allermeisten Delegierten seien »Männer, und viele kommen aus Ländern mit einem ganz anderen Frauenbild, als wir es gewohnt sind. Das Risiko besteht, daß die Sicherheitskonferenz einen Anstieg der Prostitution zur Folge hat«.
Als »peinlich« empfand Botschafter Jan af Sillen, vom Stockholmer Außenministerium zum Leiter des Konferenzsekretariats abgestellt, die Verdächtigung gegenüber den ausländischen Gästen. Dümmlichkeit, Eulenspiegeleien und unverhohlene Gewinnsucht staatlicher wie kommunaler Behörden machten ihm die Aufgabe, »Schweden auf der Karte der Weltkonferenzen zu placieren«, nicht gerade leicht.
Die den Konferenzteilnehmern abverlangten Finanzbeiträge, rügte der Botschafter ferner, müßten als »schockierend« angesehen werden. Allein für die Miete des Konferenzlokals fordert die Stadt Stockholm dreimal mehr als der letzte KSZE-Gastgeber Madrid für ein ähnliches Gebäude.
Auch das Wohnungsamt der schwedischen Hauptstadt mochte da nicht zurückstehen und wollte die Delegierten im Vorort Botkyrka weit vor den Toren Stockholms unterbringen, in ohnehm leerstehenden, weil zu teuren und unattraktiven Appartements gemeinnütziger kommunaler Wohnungsbaugesellschaften.
Sekretariat und Delegationen versuchen, die Wohnungsfrage der Konferenzteilnehmer durch Rückgriff auf Hotels und private Vermieter zu lösen. Über Delegierten, die dennoch Hilfe des Wohnungsamtes benötigen, schwebt weiterhin die Drohung des zuständigen Beamten: »Wir werden ihnen die teuersten Wohnungen heraussuchen.«