Eiserne Faust - DER SPIEGEL
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Algerien Eiserne Faust

Die fundamentalistische Heilsfront ist nach neuen Ausschreitungen heillos zerstritten. Der Einfluß der Armee wächst.
• aus DER SPIEGEL 27/1991
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Der kleinwüchsige Mann mit dem Vollbart, stets gehüllt in das knöchellange weiße Gandura-Gewand des frommen Moslems, galt als der Liebling der verelendeten Massen. Sein Wort genügte, und junge Fanatiker aus den Slums der algerischen Hauptstadt warfen sich todesmutig vor die Ketten der Armeepanzer.

Manche sahen in dem Philosophie-Professor Abbassi el-Madani, 60, Führer der fundamentalistischen Islamischen Heilsfront FIS, bereits den »Chomeini des Maghreb": »Wir werden eine islamische Macht aufbauen, deren Gesetze allein dem Koran und der Scharia folgen.«

So lautet das politische Programm des Eiferers. Arbeitslosigkeit von etwa 25 Prozent, eine hoffnungslose Wirtschaftsmisere mit galoppierender Inflation - verursacht von der nach fast 30 Jahren Alleinherrschaft abgewirtschafteten Staatspartei FLN (Front de liberation nationale) - haben den Islamisten die Wähler in Scharen zugetrieben.

Bei den Kommunalwahlen 1990 errang die Heilsfront 54,25 Prozent aller Stimmen. Sie wurde die mächtigste Partei und so stark, daß Präsident Bendschedid Schadli Anfang Juni die Panzer gegen die Fundamentalisten rollen ließ. Es gab Tote, ehe FIS-Chef Madani seine Anhänger zurückpfiff.

Vergangene Woche waren sie trotz nächtlicher Ausgangssperre wiederum auf den Straßen der Mittelmeermetropole Algier. In den Armenvierteln Bab el-Wed und Bachdscharrah, den Hochburgen der Zeloten, begannen gewalttätige Ausschreitungen: Als junge Moslems an öffentlichen Gebäuden den offiziellen Staats-Slogan »Durch das Volk und für das Volk« mit ihrer eigenen Parole »Durch Gott und für Gott« überpinselten, griffen Polizei und Armee ein. Wieder fielen in Algier Schüsse, explodierten Tränengasgranaten. Mindestens 16 Menschen starben.

Doch diesmal waren die meist jugendlichen Demonstranten auf sich allein gestellt. Die einst straffe Hand der Heilsfront-Führer, welche den Aufstand im Juni dirigiert hatte, war plötzlich nicht mehr spürbar.

Der Grund: FIS-Chef Madani, bislang unangefochten, sah sich plötzlich scharfer Kritik aus dem eigenen Lager ausgesetzt. Im algerischen Staatsfernsehen griffen ihn drei führende Mitglieder der FIS an: Die Massen sollten ihm nicht länger folgen und sich von den Straßen zurückziehen. Er sei »eine Gefahr für die Moslems«. Das Trio plädierte für einen Dialog mit der Regierung, um »ein Blutbad unter den Moslems zu verhindern«.

Wichtigster Ansprechpartner wäre der neue Regierungschef Sid Ahmed Ghosali, ein in Frankreich ausgebildeter Ingenieur. »Ghosalis Auftreten ist sehr beherrscht, seine Erklärungen klingen sehr versöhnlich«, urteilt der algerische Oppositionelle SaId Saadi. Doch dieser Eindruck täusche: »In Wirklichkeit ist er die eiserne Faust der algerischen Armee. Sie ist nur nicht so leicht zu erkennen, weil er sie unter einem Samthandschuh tarnt.«

Zwei Jahre nach Abschaffung des Einparteiensystems und der Loslösung vom Sozialismus scheinen die Demokratieanläufe des Maghreblandes, das sich stets als Modellstaat für die Dritte Welt verstanden hatte, festgefahren. Die Macht im Staate liegt heute weder bei den Fundamentalisten noch bei der Regierungspartei. Chef im Lande ist die Armee.

Verteidigungsminister Chalid Nasar, 54, hat einen »Verteidigungsstab« gebildet, der nach dem Urteil westlicher Diplomaten schon einflußreicher ist als die Regierung. Mit diesem Verteidigungsstab, so die libanesische Zeitschrift El-Duwalia, »will die Armee den Algeriern zeigen, daß sie die einzige politische Alternative ist«.

Abbassi el-Madani, verunsichert durch den Richtungsstreit innerhalb seiner Partei, sprach bereits von einem »heimlichen, kaltblütigen Putsch der Armee«. Dem Generalstab hielt er mangelndes Demokratie-Verständnis vor: »Es ist dem Volk erlaubt, seinen Herrscher abzuwählen. Aber es ist nicht dem Herrscher erlaubt, sein Volk abzuwählen.«

Ein hoher Beamter des Verteidigungsministeriums konterte kühl: »Wenn Madani von Demokratie spricht, dann redet der Blinde von der Farbe.« o

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