ISRAEL Eiserne Faust
Der israelische Geschäftsmann Schraga Rosenzweig betrachtete sich lange als »zufriedenen Pionier«. Jetzt gab er auf, durch den Aufruhr in den besetzten Gebieten »bitter enttäuscht«.
1967, nach dem israelischen Sieg im Sechstagekrieg, hatte Rosenzweig eine Gastwirtschaft im eroberten Ostteil Jerusalems eröffnet. Sein »Sea Dolphin«-Fischrestaurant betrieb er anfangs gemeinsam mit dem Araber Abu Nadr; es war das erste Joint venture zwischen Juden und Arabern in der wiedervereinigten Stadt. Sieben Jahre später übersiedelte der arabische Teilhaber nach Amerika. 1978 wurde er während eines Besuchs bei seinem Bruder in Damaskus ermordet - »wegen der Partnerschaft mit dem Juden«, vermutete seine Witwe.
Das gutgehende Restaurant wurde elfmal Zielscheibe arabischer Attacken. Bei einem Bombenanschlag starb ein Gast, 14 wurden verletzt. Aber nach jedem Attentat kamen viele Freunde, auch die frühere Ministerpräsidentin Golda Meir und Bürgermeister Teddy Kollek gehörten zu den Besuchern. Das ermutigte den Besitzer zum Ausharren.
In den vergangenen Monaten schlug die Stimmung um. Seit dem Ausbruch der Unruhen läuft das Geschäft miserabel. Jetzt will der Gastwirt in den jüdischen Westteil der Stadt umziehen.
»Die Koexistenz ist im Eimer«, bedauerte der sonst ewig optimistische Bürgermeister Kollek. Selbst wenn es bald wieder ruhig werden sollte, wären wohl »viele Jahre erforderlich«, um die Kooperation zwischen Juden und Arabern in Jerusalem zu erneuern.
Der Aufstand kostet nicht nur Blut, sondern auch viel guten Willen auf beiden Seiten - und eine Menge Geld.
1987 hatten Israels Ausfuhren in die besetzten Gebiete 950 Millionen Dollar erreicht. Das entsprach einem Zehntel des gesamten Exports. Für das laufende Jahr wird ein Rückgang um 35 Prozent befürchtet. Vor allem Lebensmittel- und Textilhersteller haben Absatzschwierigkeiten.
Auch der Verkauf von Baumaterial stockt: Gebaut wird in den besetzten Gebieten, nach sechs Monaten Chaos, fast gar nicht mehr.
Getreu den Aufrufen ihrer Führung boykottieren die Palästinenser jüdische Lieferanten. Unvermeidbare Bestellungen werden oft mit ungedeckten Schecks bezahlt. Die Summe der geplatzten Zahlungsanweisungen beträgt schon 60 Millionen Dollar.
Die Verweigerung der Palästinenser macht vielen israelischen Wirtschaftszweigen zu schaffen, in manchen ist »die Produktion um mindestens 25 Prozent gefallen«, wie der Generaldirektor des Industriellenverbands sagt. 2850 Unternehmen stecken derzeit in Schwierigkeiten, oft wegen Mangels an arabischen Kunden, aber auch, weil ihnen palästinensische Angestellte fehlen.
Mehr als 110 000 dieser »Fremdarbeiter in der eigenen Heimat« waren vor Beginn des Aufstands im Dezember 1987 im jüdischen Kernstaat beschäftigt. Im Schnitt bleibt derzeit die Hälfte von ihnen zu Hause.
Zumindest teilweise werden die Streikenden durch Geldüberweisungen - schätzungsweise 500 000 Dollar monatlich - aus arabischen Quellen für den Einkommensverlust entschädigt. Falls es der PLO gelänge, pro Monat 20 Millionen Dollar in die Gebiete einzuschleusen, würden fast alle arabischen _(In Ost-Jerusalem. )
Arbeiter ihre Tätigkeit in Israel aufgeben, behaupten palästinensische Wortführer.
Das versucht Israel zu verhindern, um den Leidensdruck der palästinensischen Bevölkerung zu vergrößern. Geld wird deshalb knapp in den besetzten Gebieten. Eine unerwartete Folge: Der »Mohar« (Brautpreis) ist von 3000 auf 1000 Dinar gefallen.
Geschädigt wurde auch Israels Touristikbranche, einer der wichtigsten Devisenbringer des Landes. Für 1988, zum 40. Jahrestag seiner staatlichen Unabhängigkeit, hatte Israel mit Rekordzahlen - etwa 1,7 Millionen Besuchern - gerechnet. Doch Buchungen für den Sommer wurden massenhaft storniert. In der Urlauber-Stadt Netanja mußten mehrere Hotels schließen, andere werden möglicherweise in Altersheime umgewandelt. Selbst Optimisten erwarten einen Schwund von 30 Prozent bei Charter- und Gruppenreisen.
Vor allem Reisende aus USA sagen ab. 1987 waren 330 000 US-Besucher nach Israel gekommen, zwei Drittel von ihnen amerikanische Juden, die Israel als »unsere zweite Heimat« preisen. Wegen der Unruhen haben jetzt »viele dieser jüdischen Gäste ihre Reservierungen gekündigt«, sagt Mosche Amir, Direktor des Hotelierverbands.
Gleichzeitig belastet der Aufwand für die Kontrolle der besetzten Gebiete Israels ohnehin stark strapazierten Staatshaushalt. 420 Millionen Dollar extra werde die Armee benötigen, rechnete Verteidigungsminister Jizchak Rabin vor. Nur einen Teil dieser Summe könne er anderswo einsparen, um 250 Millionen netto müßte das Verteidigungsbudget erhöht werden.
Zugleich soll der Reservedienst der Wehrpflichtigen bis auf 62 Tage pro Jahr verlängert werden. Wirtschaftler schätzen den Schaden aus dem so entstehenden Produktionsausfall auf 600 Millionen Dollar. Der Protest westlicher Länder gegen Israels Politik der »eisernen Faust« führt zu weiteren Einbußen. So weigert sich das Europäische Parlament, schon vereinbarte Zollerleichterungen für die Einfuhr von israelischem Obst, Gemüse und Blumen zu bestätigen. Verlust: mindestens 30 Millionen Dollar in diesem Jahr.
Israelische Unternehmen holen sich immer öfter Absagen, wenn sie sich um Aufträge in Europa bewerben. Spanien zum Beispiel ist davon abgerückt, die Mirage-Flugzeuge seiner Luftwaffe durch die Israelis (die einen weiterentwickelten Mirage-Nachbau fliegen) modernisieren zu lassen. Zwar sei das israelische Angebot besser und mit 200 Millionen Dollar preisgünstiger als die Offerte der Franzosen. Aber die Situation in den besetzten Gebieten mache solche Geschäfte untragbar, heißt es in Madrid.
Wirtschafts- und Planungsminister Gad Jakobi schätzt die direkten Schäden, die der Palästinenser-Aufstand verursacht hat, auf mindestens 800 Millionen Dollar.
Auch aus diesem Grund wächst bei der sozialdemokratischen Arbeitspartei, dem gemäßigten Partner in Israels Koalitionsregierung, der Überdruß an der ruinösen Besatzungspolitik. Es gelte, die besetzten Gebiete mit ihrer Bevölkerung von rund 1,5 Millionen feindselig gestimmter Palästinenser schnell aufzugeben, mahnte General der Reserve Avigdor Bengal, der vor kurzem der Partei beigetreten ist: »Wir leben seit 20 Jahren zusammen, ohne Liebe und ohne Sex. Die Zeit der Scheidung ist gekommen.«
In Ost-Jerusalem.