Eiserner Hintern - DER SPIEGEL
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KP/Italien Eiserner Hintern

Italiens Kommunisten wollen die Wahlen gewinnen. An der Spitze der Partei löste der Pragmatiker Berlinguer den alten Kämpfer Longo ab.
• aus DER SPIEGEL 13/1972
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»Unsere Partei, Genossen, ist so stark wie nie zuvor«, triumphierte Enrico Berlinguer, 49. Vorige Woche, als Italiens KP ihn zu ihrem neuen Generalsekretär erkor, versprach der Stratege, die Partei künftig noch stärker zu machen.

Denn die »Partito Comunista Italiano« ist -- mit 1,6 Millionen Mitgliedern und 8,5 Millionen Wählern -- zwar die mächtigste und am besten organisierte KP im Westen. Doch ml eigenen Land steht sie bislang nur an zweiter Stelle hinter Italiens papstfrommer CDU, der Democrazia Cristiana.

Das soll jetzt anders werden. Enrico Berlinguers rote Truppe will bei den italienischen Parlamentswahlen am 7. Mai die krisengeschüttelte Katholikenpartei besiegen -- und nach dem Wahlerfolg in Rom mitregieren. »Die Democrazia Cristiana muß geschlagen werden«, so Berlinguer vorigen Montag auf dem 13. Parteitag der KPI im Mailänder Sportpalast.

Zum Kampf um Rom tritt eine neue Generation von Kommunisten an: An die Stelle der Alten Garde, die im spanischen Bürgerkrieg und im Widerstand, der »resistenza«, focht, in faschistischen Gefängnissen saß oder emigrieren mußte, treten junge Leute, die ihre Erfahrungen meist erst nach 1944 gesammelt haben, in der Zeit des Wiederaufbaus der Republik.

Die 1043 Parteitagsdelegierten entließen den bisherigen Generalsekretär Luigi Longo, 72, in das für ihn eingerichtete Ehrenamt eines Parteipräsidenten.

Auf den »Genossen Gallo« der Widerstandsbewegung und Kommissar im spanischen Bürgerkrieg folgt ein kühler Taktiker der Macht: Der neue Chef war Longos Kronprinz und seit Jahren wichtigster Mann des Apparats -- ein schlanker Intellektueller mit stets ernstem Gesicht. »Ein tüchtiger Genosse, aber kein Kumpel«, heißt es im römischen KP-Hauptquartier.

Er kommt -- wie der Parteimitbegründer Antonio Gramsci -- aus Sardinien. Sein Vater, ein renommierter Rechtsanwalt in Sassari, war sozialistischer Senator. Auch der Sohn studierte gutbürgerlich Jura. Er schloß sich den Kommunisten an und wurde 1944 von den Faschisten inhaftiert. Nach der Befreiung machte er rasch Karriere. Die Stationen: Mitglied des ZK, Generalsekretär des KP-Jugendbundes, Direktor der Partei-Hochschule, Mitglied des Politbüros. Weil er bei endlosen Parteiberatungen geduldig sitzen konnte. nannten ihn die Genossen »culo di ferro« -- eiserner Hintern.

Eisern setzte sich Berlinguer für die Selbständigkeit jeder nationalen KP und jedes sozialistischen Staates gegenüber Moskau ein -- er rügte den russischen Überfall 1968 auf die CSSR. Geschickt vermied er es dabei, die Brücke nach Moskau abzubrechen -- oder sich den Chinesen gegenüber festzulegen. Berlinguer: »Wir sind mit allen und mit niemandem.«

Der Taktiker vermittelt erfolgreich zwischen den Flügeln der eigenen Partei, er entwarf eine ausgepichte Doppelstrategie für den Wahlkampf: Italiens Christdemokraten sollen einerseits als ein verrotteter Haufen von Profitjägern desavouiert werden -- andererseits will die KP sich die Chance offenlassen, mit den »fortschrittlichen Kräften« in der Katholikenpartei später zu koalieren.

Nur durch einen »neuen Block«, so Berlinguer vorigen Montag in seiner dreistündigen Parteitagsrede, könne die italienische Krise überwunden werden.

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