POLEN Eiserner Wille
Jeder in Polen hatte es kommen sehen. Aber als am vorigen Montag in der westpolnischen Stadt Bydgoszcz (Bromberg) ein paar hundert Bus- und Straßenbahnfahrer die Arbeit niederlegten und der Nahverkehr in der Stadt zusammenbrach, waren Regierung wie Gewerkschaft überrascht und ratlos - auch die verbotene »Solidarität«.
Um Schlimmeres zu verhüten, wohl auch um eine Ausweitung des spontanen Streiks zu verhindern, gaben die Woiwodschaftsbehörden von Bromberg noch am selben Abend den Forderungen nach: Erhöhung der Stundenlöhne um 63 Prozent (von 35 auf 57 Pfennig); über weitere Forderungen wird im Juni verhandelt.
Doch die Zugeständnisse von Bromberg kamen zu spät, eine neue Streikwelle im ganzen Land ließ sich nicht mehr aufhalten. Schon am Tag danach waren auch die Fahrer in Lodz, Torun (Thorn) und Grudziadz (Graudenz) im Ausstand.
Erinnerungen an die Revolten der Jahre 1956, 1970, 1976 und 1980 wurden wach - an die blutigen Zusammenstöße mit der Staatsmacht, als polnische Arbeiter nach krassen Preiserhöhungen auf die Straße gingen, als ihre Unzufriedenheit mit dem wirtschaftlichen System schnell in politische Forderungen nach mehr Freiheit und Demokratie und unabhängigen Gewerkschaften umschlug.
Denn die gefährlichsten Meldungen kamen ausgerechnet aus dem traditionellen Unruheherd Nowa Huta, in den fünfziger Jahren als Wohnstadt für die 32 000 Arbeiter des Stahlkombinats »Lenin-Hütte« angelegt, gedacht als Mustersiedlung des Sozialismus.
Dort hatte am Dienstag die Frühschicht die Arbeit niedergelegt und ein 17köpfiges Streikkomitee gewählt, unter Führung des parteilosen Hüttenarbeiters Andrzej Szewczuwaniec, 38.
Bis zum Freitag waren 16 000 Hüttenarbeiter im Ausstand, die Produktion brach zusammen. Nur eine wechselnde Notschicht sorgte dafür, daß die teuren Hochöfen nicht ausgingen.
Die Forderungen der Stahlwerker von Nowa Huta gingen über die der Bromberger Busfahrer hinaus: 50 Prozent mehr Lohn und Verdoppelung der monatlichen Teuerungszulage von bisher 6000 Zloty (25,30 Mark), die der Staat als Ausgleich für die Preiserhöhungen seit Februar an alle Werktätigen zahlt.
Dieser Aufschlag, so die weitere Forderung, soll nicht nur für die Arbeiter der »Lenin-Hütte« gelten, sondern »für alle anderen polnischen Industriearbeiter sowie für Lehrer, die Angestellten im Gesundheitswesen und die Rentner, die nicht streiken können«.
Um Solidarität mit »Solidarnosc« ging es im Stahlwerk »Stalowa Wola« (Eiserner Wille) im Südosten Polens. Dort hatte die nervös gewordene Betriebsleitung Mitgliedern der verbotenen Gewerkschaft gekündigt, nur weil sie mit der Direktion über Lohnerhöhungen diskutieren wollten. Die 18 000 Arbeiter traten am Donnerstag in den Streik.
Damit hatte der Arbeitskampf in Polen sehr schnell wieder eine politische Dimension erreicht, vor der sich Regierung und Partei nach sieben Jahren der durch das Kriegsrecht erzwungenen Ruhe schon länger fürchteten.
Denn die Unzufriedenheit mit dem Regime war in den letzten Jahren ständig gewachsen, jeder Funke schien geeignet, das brisante Gemisch aus Verzweiflung und Wut zur Explosion zu bringen.
Daß der amtierende Parteichef Wojciech Jaruzelski die Ansätze einer wirklichen Volksherrschaft mit unabhängigen Gewerkschaften und politischem Pluralismus gewaltsam stoppen ließ, ist unvergessen.
Und die wirtschaftliche Dauerkrise mit einer Rekordverschuldung von über 70 Milliarden Mark und einer seit Jahren stagnierenden Produktion verlangt von der Bevölkerung ständig neue Opfer.
Nachdem die Mehrheit der Bevölkerung bei der Volksbefragung im vorigen Herbst allzu drastische Preiserhöhungen für ein Sanierungsprogramm abgelehnt hatte, wurden inzwischen die Preise der Konsumwaren um durchschnittlich 40 Prozent, von Strom und Gas um 100 Prozent, für Kohle sogar um 200 Prozent erhöht.
Doch die Inflation, nach offiziellen Angaben bei 42 Prozent, liegt nach Meinung von Wirtschaftsexperten in Wahrheit zwischen 60 und 80 Prozent - durch die Lohnerhöhungen wird sie weiter steigen -, doch die Zuschläge sind unabdingbar: Die polnischen Arbeiter bekommen im Durchschnitt nur 35 000 Zloty (148 Mark) im Monat, soviel, wie ein Facharbeiter im Westen an einem Tag verdienen kann.
Das Schlimmste aber sei, so Jacek Kuron, Sprecher der polnischen Opposition zum SPIEGEL, »die wachsende Verbitterung über die Ungerechtigkeit und das Fehlen jeder Hoffnung«.
In einem solchen Klima gehen laut Kuron auch die wirtschaftliche Vernunft und der Glaube verloren, daß dieses Regime es noch schaffen könne, durch erhöhte Anstrengungen aller Polens Krise zu mildern oder gar zu beenden.
Angesichts der Streiks fielen weder der Partei noch der Regierung Konzepte ein - sie überließen den Arbeitskampf den örtlichen Behörden.
In Bromberg, so Regierungssprecher Urban, müsse man wohl nach den Lohnerhöhungen die Tarife für die Verkehrsbetriebe erhöhen, und die Streiks in den Stahlwerken seien nicht Sache der Regierung: »Seit der Dezentralisierung ist es Aufgabe der Betriebsdirektoren, vorhandene Mittel sinnvoll zu verteilen.« Die aber drohten mit dem Staatsanwalt und dem Einsatz der berüchtigten Knüppelgarde der Polizei »Zomo« und lockten bei Wiederaufnahme der Arbeit mit Straffreiheit.
Besondere Sorge machte dem Regime vorige Woche der gefährliche Termin der Ausstände, nur wenige Tage vor dem 1. Mai. Schließlich mußte die Parteiführung befürchten, daß die Werktätigen im ganzen Land den »Tag der Arbeit« für Solidaritätskundgebungen mit den Streikenden nutzen könnten, gegen die dann die Miliz vorgehen würde - mit schlimmen Konsequenzen.