Eisige Winde - DER SPIEGEL
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KOEXISTENZ Eisige Winde

• aus DER SPIEGEL 47/1959
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Das päpstliche Sprachrohr »Osservatore Romano« warnte jüngst seine katholischen Leser in strengem Ton, keinesfalls auf sowjetische Vertragstreue zu bauen. Wer - so mahnte ein klerikaler Leitartikler - an die Aufrichtigkeit sowjetischer Abrüstungsversprechen glaube, habe offenbar vergessen, daß »für die kommunistische Ethik ein Vertrag lediglich das Mittel ist, den Sieg des Kommunismus zu fördern«.

Acht Tage später aber waren die treuen Leser des Papst-Blattes einem ganz andersartigen Rat von hoher Warte konfrontiert worden. Der »Osservatore Romano« feierte diesmal die Chruschtschow - Eisenhower -Begegnung von Camp David als Ausdruck jenes »Geisteszustands, der darauf vertraut, daß zwar noch nicht der Friede, wohl aber eine friedliche Atmosphäre in der Welt gewiß ist«.

Die widersprüchliche Deutung der internationalen Entspannungspolitik durch das Hausblatt der Kurie offenbarte auch fernstehenden Laien, daß die vatikanische Außenpolitik zur Stunde von zwei gegensätzlichen Strömungen abwechselnd beeinflußt wird. Diese Gegensätzlichkeit spiegelt sich auch in den beiden Persönlichkeiten wider, die für den Zwiespalt des »Osservatore Romano« verantwortlich sind:

- Während die Warnung vor der Entspannungspolitik auf eine Initiative des Kurienkardinals Ottaviani zurückging, der befürchtet, das internationale Tauwetter werde die antikommunistischen Fronten in der italienischen Innenpolitik aufweichen,

- stammte die Belobigung der Entspannungspolitik aus der Feder des 74jährigen Grafen Giuseppe Dalla Torre, Chefredakteurs des »Osservatore Romano«, der sich bei den konservativen Eminenzen des Vatikans als außenpolitischer Ketzer schon öfter unbeliebt gemacht hat.

So wurde es denn auch als Ironie der Geschichte erachtet, daß der journalistische Graf den verstorbenen Papst Pius XII. zum geistigen Vater der Entspannungspolitik deklarierte. Pries Dalla Torre: »Die Saat des Friedens hat er nicht umsonst ausgestreut, auch wenn sie zunächst von den eisigen Winden der Verdächtigungen, des Wettstreits, der Rache und des Kalten Kriegs fortgeweht wurde.«

Der Chefredakteur des »Osservatore Romano« verschwieg dabei freilich, daß er selber jahrelang das Opfer jener »eisigen Winde der Verdächtigungen« gewesen war: Papst Pius XII. hatte nämlich den Grafen Dalla Torre mit einem internen Audienz -Verbot belegt, weil er ihn verdächtigte, »falschen Kompromissen« mit dem sowjetischen Kirchenfeind Vorschub zu leisten.

Die Gegnerschaft zwischen Papst und Chefredakteur datierte vom Juni 1947, als der Graf in seiner Zeitung drei Artikel veröffentlichte, in denen er die katholische Kirche vor einseitig antikommunistischer Politik warnte.

Es sei - so argumentierte der Chefredakteur des »Osservatore Romano« damals - »nicht objektiv«, nur die Sowjets für die Bösewichter des Kalten Kriegs zu halten. Vielmehr müsse auch die katholische Kirche anerkennen, daß es durchaus legitim sei, wenn sich die Sowjet -Union »leichter zu verteidigende Grenzen sichere«. Dalla Torre forderte sogar Washington auf, die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Griechenland und die Türkei zu annullieren, weil sich Moskau durch sie bedroht fühlen müsse.

Die Artikelserie des Grafen Dalla Torre, der als Chefredakteur des Papst-Blattes und als Präsident des Internationalen Verbandes der katholischen Presse der promineteste Publizist des Vatikans ist, inspirierte die amerikanische Presse zu Alarmmeldungen, die von »Anzeichen einer Änderung der vatikanischen Politik gegenüber dem kommunistischen Rußland« sprachen. Während Radio Moskau die Artikel des Grafen munter verbreitete, beeilten sich die erbosten Eminenzen des Vatikans, den Chefredakteur ihres Organs in schärfster Form zurechtzuweisen.

Zur Rede gestellt, verteidigte sich der Graf mit einem Argument, das er kurze Zeit später auch in einem Interview vertrat:

Die Kirche müsse »lernen, mit dem Kommunismus gemeinsam zu leben, wie sie auch gelernt hat, mit dem Imperium Romanum, der Monarchie und der Demokratie auszukommen«. Dalla Torre mußte sich daraufhin die Frage des liberalen Leitartikels Duerriero gefallen lassen, wie es denn zu erklären sei, daß der Heilige Stuhl alle aktiven Kommunisten mit der Exkommunikation bedrohe.

Als der Graf trotz allerhöchster Ermahnungen an seinen Auffassungen festhielt, wurde seine Vollmacht als Chefredakteur auf ein Mindestmaß reduziert und die geistliche Oberaufsicht über die Politik des »Osservatore Romano« verschärft. Papst Pius XII. versagte seinem Chefredakteur immer wieder die Bitte, in Audienz empfangen zu werden.

Erst der Tod des Heiligen Vaters befreite Giuseppe Dalla Torre aus der Verbannung. Denn mit Johannes XXIII. war ein Mann auf den Petrus-Stuhl gelangt, der einer Richtung in der katholischen Weltzentrale zuzuneigen scheint, die sich bisher niemals durchsetzen konnte: Anders als der kompromißlos antikommunistische Pius XII. mochte sein Nachfolger die Positionen des Katholizismus in Osteuropa durch einen »Modus vivendi« retten, soweit sie noch zu retten sind.

Die Möglichkeit einer neuen Ostpolitik des Vatikans zeichnete sich erstmalig im Dezember 1958 ab, als Johannes XXIII. es ablehnte, die Anerkennung der Exilregierungen Polens und Litauens zu bestätigen. Kurz darauf wurde die vatikanische Kritik an der Sowjet-Union um einige Grade gemildert, was die Kommunisten mit einer Abschwächung ihrer antiklerikalen Kampagne quittierten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird Johannes XXIII. von den Kommunisten nicht mehr persönlich angegriffen.

Gleichwohl besteht für den Grafen Dalla Torre wenig Hoffnung, daß sich eine neue Ostpolitik in der Kurie durchsetzen wird. Mag auch der Heilige Vater eine Mäßigung des vatikanischen Antikommunismus in Osteuropa befürworten, so kollidiert doch eine solche Entspannungspolitik mit einer anderen Neuerung, zu der sich Johannes XXIII. bei seiner Thronbesteigung verpflichtet hat: Während der verstorbene Papst absolutistisch regierte, soll sein Nachfolger den Kurienkardinälen größeren Einfluß im Rat der katholischen Kirche einräumen. Die Mehrheit der Kardinäle aber wünscht zweifellos die Fortsetzung des antikommunistischen Kurses.

Die konservative Kardinalsgruppe unter dem Sekretär des Heiligen Offiziums, Kardinal Ottaviani, nutzte denn auch sofort die Gelegenheit, den Papst öffentlich über die Gefahren einer allzu kühnen Entspannungspolitik zu belehren. Kaum hatte der Heilige Vater in einer Erklärung die Amerika -Reise Nikita Chruschtschows als einen ersten Schritt zur Entspannung begrüßt, veranlaßte Kardinal Ottaviani den »Osservatore Romano«, einen Artikel zu publizieren, in dem die Glaubwürdigkeit der Sowjets angezweifelt wurde.

Es war kein Zufall, daß diesem Warnartikel wenige Tage später eine Erklärung der amerikanischen Kardinäle Spellman und Cushing gegen Chruschtschows Visite in den USA folgte - eine Demonstration, die sich wie eine Kritik an dem entspannungswilligen Papst ausnahm. Offenbar wurde der Graf Dalla Torre erst durch jene Manöver der konservativen Kardinalsgruppe veranlaßt, den Angriff auf die Entspannungspolitik durch einen Gegenangriff im »Osservatore Romano« abzuwehren. Aber auch durch dieses Zwischenspiel wurde die Frage noch nicht beantwortet, ob der Vatikan seine bisherige Ostpolitik tatsächlich ändern will.

Entspannungs-Freund Dalla Torre

Die Kirche muß lernen...

Entspannungs-Gegner Ottaviani

... mit den Kommunisten zu leben

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