Elder Businessman
Der Tiefpunkt ist wohl Wien. Es ist noch kalt draußen, unter null Grad, als Gerhard Schröder am 8. März in der Wiener Hofburg zu Menschen spricht, die sich von ihm gelangweilt fühlen.
Es ist ein Festakt zum zehnjährigen Jubiläum der Hedgefonds-Gesellschaft Superfund. Der junge Chef hat die Hofburg als edle Kulisse gemietet und sich einen prominenten Redner zum Geburtstag gegönnt. Franz Müntefering würde den Chef eine Heuschrecke nennen. Heuschrecken sind Leute, die für Geld Dinge kaufen, die sie nicht wirklich interessieren. Sie interessiert nur der Profit, den sie aus dem Investment ziehen. Der junge Chef hat Gerhard Schröder über dessen New Yorker Redner-Agentur gekauft. Es ist ein medienwirksamer Auftritt, ein profitables Geschäft.
Die geladenen Banker aber haben kein Interesse an der Rede des Altkanzlers. Sie wollen Champagner trinken, über Geld reden oder mit Blondinen flirten. Gerhard Schröder wirkt wie ein älterer Herr, der sich in einen Yuppieclub verirrt hat. Er bekommt ein schickes Honorar, aber er wirkt nicht wie einer, der mal Kanzler war. An diesem Märzabend hat er die Würde eines Preisboxers auf dem Rummelplatz.
Es ist der Tiefpunkt auf dem Weg in ein neues Leben, das Leben nach der Kanzlerschaft. Er schreitet nicht in seine neue Existenz, er stolpert hinein. Gerhard Schröder ist ein Mann ohne Kompass. Er ist dabei, seinen Ruf zu ruinieren.
Es ist kein schöner Start.
Niemand hat von Gerhard Schröder erwartet, dass er intellektuelle Schriften verfassen oder den Vorsitz der Sozialistischen Internationalen übernehmen würde. Aber er hätte nicht den Eindruck erwecken dürfen, dass es ihm plötzlich nur noch ums Geld geht. Die Deutschen mögen es nicht, wenn es ihren Politikern nur ums Geld geht, auch dann nicht, wenn sie diese Politiker selbst abgewählt haben.
Es ging ganz schnell, es wirkte fast panisch. Schröder unterschrieb als Berater beim Schweizer Ringier-Verlag und beim Bankhaus Rothschild, er wurde Aufsichtsratschef einer Gaspipeline-Firma und trat so in die Dienste des russischen Staatskonzerns Gasprom. Er ließ sich auch als Redner vermarkten. Fast jeder konnte ihn nun buchen, egal ob Ölscheichs aus Saudi-Arabien oder Heuschrecken aus Österreich.
Dabei ging es ihm nicht allein ums Geld. Nicht um den materiellen Wert des Geldes jedenfalls. Die Höhe der Honorare wurde für Gerhard Schröder die Währung, an der er seinen Marktwert ablesen kann. Früher waren es die Wahlsiege, die Menschen, die ihm zujubelten. Jetzt musste er sich eine andere Form der Wertschätzung suchen.
Aber ihn trieb auch die Angst vor der Leere. Deshalb gönnte er sich nicht mal ein Vierteljahr, um eine neue Bestimmung zu finden, eine würdige, angemessene. Er war dankbar für jeden, der ihm eine Aufgabe oder ein Amt gab. Er war unleidlich zu dieser Zeit, das sagt er selbst, und so wenig leidlich er war, so wenig wählerisch war er auch.
So machte er es den Menschen, die er einst regierte, nicht leicht, ihn weiter zu mögen. Es fällt den Bürgern schwer, in Schröder einen Elder Statesman zu sehen. Sie können allenfalls einen lupenreinen Geschäftsmann erkennen.
»Ich sehe die Sache so«, sagt Gerhard Schröder: »Man ist vorher Schulze, Müller oder Maier oder eben Schröder. Dann ist man Bundeskanzler. Danach ist man aber wieder Schulze, Maier oder eben Schröder.« Es soll bescheiden klingen. Aber es ist ein Manifest der Unverbindlichkeit, ein Credo für den Egoismus, die Ablehnung jeder Verpflichtung über das Amt hinaus.
Bis vor einiger Zeit dachten die Nachkriegsdeutschen, dass von einer Kanzlerschaft zwangsläufig etwas am Menschen haften bleibt, etwas Weihevolles, Staatstragendes, eine Art Kanzlerparfum, das Schulze, Müller, Maier niemals anhaften wird. Aber dann kam Helmut Kohl, der seinen Spendern ein Ehrenwort gegeben hatte und dies gegen ein Stück Würde eintauschte, und dann folgte Gerhard Schröder, der den Kanzlermantel einfach abstreifte, als wäre nichts gewesen, wie ein Bäcker seine weiße Mütze.
Deutschland hat dank Gerhard Schröder viele neue Erfahrungen gemacht. Er ist der erste Kanzler, der als Stenz ins Amt tanzte. Er ist auch der erste, der freiwillig so früh wieder hinaustanzte. Im Jahr 2006 beschert er dem Land seine bislang letzte neue Erfahrung mit ihm: eine Form von Altkanzlerschaft, die in keine Schablone passt - nicht in die Schmidt-Schablone, nicht in die Brandt-Schablone, in die von Adenauer und Kohl erst recht nicht. Es scheint, als wolle Gerhard Schröder von seiner Vergangenheit in der Politik in Ruhe gelassen werden.
Man kritisiert ihn, heftig sogar, die Zeitungen, aber auch die Bürger. In Umfragen bekunden sie ihren Ärger über sein Gebaren. Aber Schröder will keine Reue zeigen. Er sitzt die Kritik einfach aus, und es scheint, als habe das Volk ihn nun endgültig satt.
Dresden, im November. Es ist wieder kalt geworden im Land, unter null, und oben, im großen Saal des Hygiene-Museums, steht ein Moderator, der sagt: »Ich darf Sie bitten, auch die Stehplätze zu nutzen.«
Es soll erst in 30 Minuten losgehen, aber schon jetzt sind alle 500 Stühle belegt. Den Menschen bleibt gar nichts anderes übrig, als die Stehplätze zu nutzen. Vorn, noch vor der ersten Reihe, haben sich junge Leute auf den Betonboden gesetzt. Es sieht aus wie bei einem Rockkonzert in der Schulaula.
Dann kommt er. Er geht aufs Podium, lächelt, hebt die Arme in die Luft, winkt ins Publikum. Hinter ihm hängt ein Plakat. »Gerhard Schröder: Entscheidungen«. So heißt sein Buch, so sind seine Erinnerungen betitelt, er ist gekommen, um zu lesen. Es ist ein bisschen wie damals bei der Schröder-Tour im Wahlkampf, nur dass man jetzt zahlen muss, sieben Euro, ermäßigt vier.
Die Menschen klatschen, auch die mit Stehplätzen. Schröder umarmt die Menge mit den Armen und mit den Augen. Man kann jetzt aus seinem Gesicht ablesen, was ihm am meisten gefehlt hat im ersten Jahr danach.
Es ist etwas, das Heuschrecken nicht bieten können, etwas, das man nicht an gewienerten Aufsichtsratstischen oder in Schweizer Steuerparadiesen findet: Es ist der Applaus, der direkte Kontakt mit jenem Volk, das ihn einst zu seinem Kanzler wählte, die Anerkennung, die nicht als Geldschein daherkommt.
Mit der Buchtournee beginnt Gerhard Schröder die zweite Phase seiner Altkanzlerschaft, er liest und signiert 27-mal in wenigen Wochen, gibt Interviews, viel Fernsehen.
Natürlich macht er dies auch, weil er viele Bücher verkaufen will. Die Auflage ist wieder so eine Maßeinheit für Wertschätzung, es ist nur ein Wechsel des Spielfelds. Aus der Beliebtheitsskala ist er in die Bestsellerliste gewechselt. Auch dort will er ganz oben stehen.
Aber es geht noch um mehr. Das Buch und die Tournee sind eine große Chance für Schröder. Mit ihrer Hilfe kämpft er nun für ein gutes Andenken: um die Größe seiner Kanzlerschaft in den Geschichtsbüchern und um die Sympathien der Deutschen im kollektiven Gedächtnis.
Es steht nicht viel Neues in seinem Buch, aber darauf kommt es nicht an. Es gibt kaum einen im Saal, der wirklich noch einmal hören will, wie das ist mit dem Kosovo-Krieg oder mit der Agenda. Sie sind gekommen, um ihn wiederzusehen, seine Stimme zu hören. Schröder liest das Kapitel über seine Kindheit vor. Er liest über die arme Mutter, die er »Löwe« nennt, die allen Vertretern etwas abkaufen wollte, weil sie so großherzig war, und die der junge Gerhard ein ums andere Mal vor dem Ruin retten musste.
Seine raue Stimme klingt warm, wie in Decken gehüllt, er hat eine gute Erzählerstimme. Es hört sich an, als läse er eine Gutenachtgeschichte vor.
Es strömt plötzlich eine Milde aus Gerhard Schröder, die man zuvor nicht kannte. Die Milde seiner Stimme gesellt sich zur Milde seiner Gedanken. Fast versöhnlich fällt sein Rückblick auf jene aus, die er noch vor kurzem bekämpfte, selbst auf Lafontaine.
Er hat einen weiten Weg zurückgelegt von Wien nach Dresden, von der Hofburg ins Hygiene-Museum, von den Heuschrecken zu seinen Fans. Am Ende des Jahres sieht es so aus, als sei er endlich auf dem richtigen Pfad. Die Lesereise ist auch eine Reise der Versöhnung zwischen ihm und den Deutschen. Er selbst scheint zu begreifen, dass er diesen Menschen vieles zu verdanken hat. Und die Deutschen scheinen zu realisieren, dass ihre Sicht auf ihn nicht immer fair ist.
Selbst die, die ihn unbedingt loswerden wollten, erkennen ein Jahr nach seinem Abtritt, dass nicht alles so schlecht war, wie es ihnen in den letzten Monaten seiner Kanzlerschaft erschien.
Es gibt eine Nachfolgeregierung, die handwerklich mittelprächtig arbeitet, und es gibt eine Nachfolgerin, der jeder Glanz fehlt, jede Führungsstärke und die noch immer nicht weiß, wofür sie stehen möchte. Das alles lässt Gerhard Schröders Kanzlerschaft größer werden, sie wächst. Erst jetzt, durch den direkten Vergleich, wissen die Leute ein bisschen besser, was genau sie an Schröder vermissen.
Am Ende signiert er noch. Die Menschen in Dresden bilden eine Schlange quer durch den Raum, die an Schröders Tisch beginnt und erst 50 Meter weiter im Eck endet. Sie stehen in einer Dreierreihe. Schröder plaudert mit den Menschen, während sein Füller über die Buchseiten fliegt. Er fragt sie, ob er was Besonderes schreiben solle. Irgendwann steht eine junge Frau vor ihm. Sie legt ihm sein Buch vor und sagt: »Einmal ,Basta' bitte!«
MARKUS FELDENKIRCHEN